"Das Leben ist schön" Sonya Yoncheva eine positive engagierte offene Künstlerin im Gespräch

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Die junge Bulgarin hat in den letzten Jahren mit ihrer aussergewöhnlichen Sopranstimme in vielen verschiedenen Rollen als auch als überzeugende Darstellerin reüssiert und ist jetzt auf allen grossen Bühnen ein gefeierter Star. In Plovdiv geboren studiert Sonya Yoncheva am heimischen Konservatorium, spater in Genf. 2010 gewinnt sie den bekannten Operalia Wettbewerb und ihre internationale Karriere beginnt. Als Norma, Desdemona oder Medea wird sie von den Kritikern hochgelobt. Den Corona Lockdown empfand sie trotz "der Unterbrechung von wichtigen Projekten"  auch als Geschenk, "die Zeit mit der Familie zu verbringen und meine acht Monate alte Tochter wachsen zu sehen". Sie ist mit dem venezuelanischen Dirigenten Domingo Hindoyan verheiratet, der gerade als musikalischer Leiter der Liverpool Philharmonic angetreten ist. "Wie vermeiden gemeinsam zu arbeiten und verfolgen unsere Karrieren und Entwicklungen unabhängig, vielleicht für besondere Anlässe wie Weihnachten". Die jeweils eigene Kreativität und Entwicklung steht im Vordergrund. Wir wollen nicht "als obligatorisches Paar" zusammenarbeiten, "wobei ich meinen Mann in jeder möglichen Hinsicht unterstütze".

Früh nach dem Lockdown hat sie mit verschiedenen Konzerten ihre Arbeit wieder aufgenommen. Alles wurde neu aus der Not in letzter Minute mit bemerkenswertem Einsatz geboren. "Wir dürfen nicht zu Hause bleiben, wir müssen Lösungen finden, damit sich unser Leben fortsetzt". Die Reaktion des Publikums berührt. Es ist der Wunsch nach Kultur spürbar. "Kultur ist lebensnotwendig wie Essen oder Atmen". Wir müssen positiv denken und uns an die neuen Umstände gewöhnen.

So kommt sie gerade von ihrer selbst produzierten Gala in ihrer Heimatstadt Plovdiv zurück. "Ein wichtiger Schritt, ohne öffentliche Unterstützung - die Menschen sollen für die Kunst und Musik kommen, nicht für die Politiker".

Auch die Zusammenarbeit mit Rolex für die Ausrichtung der "Perpetual Music" Galas ist ihr ein wichtiges Anliegen. "Wir bringen Künstler wieder auf die Bühne, 100 Künstler in drei Ländern. Juan Diego Flórez startete in Pesaro, Rolando Villazón wird in Paris und ich in Berlin mitmachen ".

"Ich kenne so viele bekannte Sänger, die nicht wissen wie sie die nächsten drei Monate überleben, ihre Familien finanzieren sollen"  unterstreicht sie ihr Engagement aber zeigt auch Verständnis, "dass die Politik jetzt Oper als Vergnügen und nicht essentiell einstuft, aber Kunst ist lebenswichtig. "

Mit viel Freude denkt sie an ihre nächsten Rollendebüts. Besonders ihre erste Elsa (Lohengrin) in Berlin ist ein langgehegter Wunsch. In November beginnen die Proben und es wird ihre erste szenische Aufführung nach dem Lockdown sein. Berlin ist neben der Schweiz ihre zweite Heimat, sie besitzt dort eine Wohnung und fühlt "sich der Sprache und Kultur" verbunden. Sie hat sich seit langem auf die Rolle vorbereitet und mit ihr auseinandergesetzt. Die selbstbewusste Sängerin schätzt Elsa, - "Elsa glaubt tief an die Dinge ist pur und naiv" - und Richard Wagner. "Er hat tief über das Leben nachgedacht, an alle Details gedacht, von der Auslegung bis zur Darstellung auf der Bühne, ja bis zu seinem eigenen Theater". An Bayreuth denkt sie noch nicht, vielleicht in der Zukunft einmal, aber an andere Wagner Rollen wie Elisabeth in Tannhäuser. "Wagner ist ein gesunder Komponist und verlangt nicht zuviel von den Stimmen, er besitzt ein Konzept von Linie und Harmonie".

Über das Regiekonzept von Calixto Bieito in Berlin ist sie noch nicht informiert. Durch die neuen Bestimmungen wird an einem neuen Konzept gearbeitet. Über die Zusammenarbeit mit Regisseuren gibt sie sich offen, aber selbstbewusst. "Ich nehme alles an, jede Idee ist wertvoll. Etwas wirklich aussergewöhnliches kann eine Geschichte verändern. Aber ich akzeptiere nicht Personen, die aus anderen Bereichen kommen und keine Ahnung haben." Sie erinnert sich an ein Beispiel "Wir hatten sieben Wochen Proben, aber die haben nicht wirklich etwas gebracht. Wir müssen ausufernde Produktionen eliminieren, sie kosten Zeit und Geld und erzeugen unnotwendigen Unmut."

Weiters wartet sie auf ihr Debüt von Manon Lescaut in München, Rusalka an der Met und eine konzertante Aida in Verona in 2021 mit Riccardo Muti. In der Arena wird sie auch in zwei Tagen mit Vittorio Grigolo stehen, Placido Domingo dirigiert die Gala. Die Arena ist ein Ort, den sie besonders bewundert eine besondere Athmosphäre.

Aufgeschlossen zeigt sie sich auch der modernen Musik. Ein Song von Abba hat in ihr Programm bei den diesjährigen Salzburger Festspielen Eingang gefunden. Ein Liederabend, der grosse Emotionen bei Publikum und der Künstlerin auslöste. "Ich habe das Repertoire zum ersten Mal gesungen, sogar ein bulgarisches Lied, die Reaktion ging tief und landete auf einem anderen Level, so wertvoll, im Kontakt persönlicher." Corona hat die Frage aufgeworfen " was ist wichtig in unserem Leben, wir können alles verlieren, wir müssen beim wesentlichen bleiben. Es steckt so viel Schönheit im simplen Weg." Ganz natürlich knüpft die unprätentiöse sympathische Künstlerin den Faden zu ihrer persönlichen Lebensphilosophie "Das Leben ist schön, so wie es ist.  Wir müssen nicht unsere Kleidung, unser Essen in den Medien preisgeben. Wir brauchen nicht mehr und mehr. Wir müssen nicht zu persönlich im Internet sein".

Auf zeitgenössische klassische Musik angesprochen, zeigt sie Offenheit und grosses Interesse. "Ich bin offen für neue Komponisten und jedes Projekt, an das ich glaube und das ich unterstütze. Wir brauchen moderne Komponisten." Und bescheiden ergänzt sie "und wenn ein Komponist an meine Stimme glaubt, freue ich mich auf ein Projekt". Bisher hat es noch keine Anfrage gegeben. "Aber vielleicht hilft unser Interview".

Helmut Pitsch
Telefoninterview 27.8.2020

©Rolex/Reto Albertalli

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