„Kunst ist ein Teil von unserem Sein“ ein kritischer Dialog mit Bariton Michael Volle

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Kunst ist ein Teil von unserem Sein“ ein kritischer Dialog mit Bariton Michael Volle

Von der Hotelterrasse bietet sich ein weiter Blick über Berlin, der aktuellen Heimatstadt von Weltstar Michael Volle. Mit seiner Frau, der Sängerin Gabriela Scherer und seinen beiden Kindern hat er hier den schmerzhaften Lockdown durchlebt. "So lange an einem Stück zu Hause, da lernt man die Bedeutung, den Wert einer funktionierenden Beziehung kennen und schätzen". Home schooling mit ihren beiden Kindern war eine besondere Herausforderung, die es zu meistern galt.

Hart haben ihn besonders die beruflichen Einschränkungen getroffen und der nachlässige Umgang der Politik mit dem Kulturbetrieb. Vor dreissig Jahren hat er sich für die Gesangskarriere entschieden, davon viele Jahre als Selbständiger. "Selbständige Sänger sind völlig unorganisiert, haben keine Interessensvertretung. Für die nächste Epidemie müssen wir uns wappnen!" Zieht er eine Lehre aus der Krise. " Der Kultur und Kunstbetrieb weiss heute noch nicht wie es weitergeht" ergänzt er kritisch und ist nicht nur hoffnungsvoll. "Künstler überlegen ihren Beruf zu wechseln oder erst gar nicht zu wählen. Manche brauchen zur Zeit ihre Altersvorsorge auf" fasst er Gespräche mit Kollegen zusammen. 

Selbst fühlt er sich in einer glücklichen Situation wieder bei ersten Projekten mitzumachen. In Konstanz realisierten seine Frau und er eine Sängergala mit der Südwestdeutschen Philharmonie, ein Orchester, das sich ständigen Tests unterzog, wirkte in Hamburg bei einem Videoprojekt der Symphoniker mit. "Es ist schon ein sehr spezielles Gefühl ohne Publikum. Ein Stück geht zu Ende und es fehlt der Applaus, der Austausch mit dem Publikum" vermittelt er das außergewöhnliche Gefühl.  "Die Menschen sind ausgetrocknet und durstig - Künstler wie Publikum". 

„Grossen Dank und Lob für Rolex und Sonya Yoncheva“ spricht er aus und freut sich an der vom Uhrenhersteller ins Leben gerufenen Konzertreihe Perpetual Concerts in der Staatsoper Berlin teilzunehmen. Erhaltet die Musik ist das Leitmotiv. „Musik und Kunst kann so viel auslösen. Hier wird Geld und Engagement locker gemacht, um notleidenden Künstlern zu helfen, ein Zeichen für andere zu setzen. Hoffentlich folgen weitere Unternehmen“.

Auf die Zukunft gerichtet antwortet er vorsichtig. „Wg. der Besetzungsbeschränkungen Barock und Mozart alleinig in der Oper zu spielen reicht nicht. Aber wie soll Strauss, Verdi oder Wagner in Zukunft mit den Auflagen funktionieren? Weiss ich nicht“. Sein nächstes Projekt steht beispielshaft in Zürich an. Die große Choroper Boris Godunow. „Herr Homoki hat erklärt, wie der Chor und das Orchester aus anderen Räumlichkeiten eingespielt wird. Unter den Abstandsregeln ist dies nicht anders möglich.“

In Leipzig freut er sich auf ein Konzert mit Arien und Duetten aus Fliegenden Holländer/Arabella mit Orchester. Gemeinsam wird er mit seiner Frau Gabriela Scherer auftreten. Er schätzt die gemeinsamen Auftritte. "Es ist ein ganz besonderes Gefühl gemeinsam auf der Bühne.“ Als Sänger und Kollege, nicht als Ehemann urteilt er "Mit ihr Arabella oder Holländer zu singen - das Größte !!!“ und freut sich auf ihr Rollendebüt als Lady Macbeth (Verdi) in Wiesbaden.

Seine kommenden Projekte listet er mit Fragezeichen auf. " Eine Frau ohne Schatten an der Met, ein Ring mit Thielemann in Dresden, eine Fanciulla hier in Berlin".  Im Oktober sind ein Konzertauftritt in Florenz mit Zubin Metha geplant, sowie die Teilnahme an neuen Festivalinitiativen in der Lausitz und in Österreich sowie im Festspielhaus Füssen eine Walkürengala im Dezember.

Seine Auftritte im italienischen Fach will er mehren, Nabucco, Falstaff und Trittico stehen an. "Gern mehr Mozart, es wird hier falsch eingeschätzt, dass aus dem schweren Fach kommend ich kein Mozartsänger mehr bin, aber eigentlich dann erst recht." 

"Als Pfarrerskind habe ich auch eine enge Beziehung zu Bach und der Kirchenmusik" und "Lieder liebe ich sehr" rundet er seine Pläne ab. 

Hell leuchten seine Augen auf, wenn wir auf dreißig Jahre Karriere zurückblicken. " Da gibt es viele große Erlebnisse, Hoffmanns Erzählungen in Bregenz mit Stefan Herheim, Meistersinger in Bayreuth von Barrie Kosky, oder von Kupfer, Wozzeck mit Andreas Kriegenburg in München, Nozze in Zürich". Besonders hat ihn der Schlussapplaus nach der letzten Meistersinger Aufführung in der Inszenierung von Otto Schenk mit James Levine im Dezember 2014 an der Met gerührt. 

Immer wieder taucht seine Darstellung des Hans Sachs in seinem Leben auf. "Die Rolle ist charakterlich anspruchsvoll. Sängerisch muss man sich die Kraft einteilen. Im ersten Akt muss ich daran denken, dass ich am Ende noch -Verachtet mir die Meister nicht -stemmen muss". Mittlerweile ist es positive Routine und es geht in Fleisch und Blut über.“

In der Zusammenarbeit mit Regisseuren zeigt er sich offen und 100% neugierig. "Es kommt auf den Dialog mit einem guten Regisseur an, ein konstruktives Miteinander, dann wird das Arbeiten und das Ergebnis gut". Seine Erfahrungen sind überwiegend positiv, "die „schwarze“ Liste an Regisseuren ist klein".

"Habe ich eine Rolle zig mal gemacht, muss ich offen bleiben", "es gibt keine Wahrheit" ergänzt er den Gedanken. Wichtig für seine künstlerische Leistung ist die Überzeugung "ich kann das machen, ich steh dahinter und muss ehrlich zu mir selber sein".

"Für neue Rollen in Zeitgenössischer Musik fehlt mir die Zeit, die möchte ich mit der Familie verbringen". Zu Beginn seiner Karriere hat er die Vocalsolisten in Stuttgart mitgegründet und viele Uraufführungen gesungen. "Die Musik ist höllisch schwer aber ich habe in Manfred Schreier einen guten Lehrer gehabt. Das war eine gute Schule". 

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Helmut Pitsch
(Berlin)

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