Wagners "Siegfried" an der Theater an der Wien - Gescheiterte Dekonstruktion

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Es ist ein kaum zu kalkulierendes Wagnis, an Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ herumzudoktern und gar aus der Tetralogie eine Trilogie zu machen. Gerade am „Ring“, der eingefleischten Wagnerianern ohnedies sakrosankt ist und ausschließlich in der richtigen Abfolge stattzufinden hat. Das Theater an der Wien geht dieses Experiment ein und bietet eine stark gekürzte Fassung, mit reduzierter Orchesterbesetzung, wobei Text und Musik innerhalb der Szenen unangetastet blieben, jedoch die Chronologie aufgelöst wird.

Die Regisseurin Tatjana Gürbaca, der Dirigent Constantin Trinks und die Dramaturgin Bettina Auer haben diese Dekonstruktion gewagt und sind daran zwar interessant aber immerhin doch mit Anstand gescheitert. Denn diese „Ring-Trilogie“ ist weder Fisch noch Fleisch, sie ist einerseits schmerzlich unkomplett und für eine herkömmliche Deutung zu sprunghaft. Sie ist aber andererseits bei weitem nicht radikal genug für eine wirklich neue Sichtweise. Jeder der drei Abende beginnt mit derselben Szene: Hagen tötet Siegfried. Wotan, Brünnhilde und einige andere Personen eilen fassungslos herbei. Dann erfährt man, was zu diesem Mord führte und zwar immer aus einer anderen Perspektive und von einer anderen Person. Deshalb werden diese nunmehr neuen, drei Teile anders, nämlich „Hagen“, „Siegfried“ und „Brünnhilde“ benannt. Ziel soll es sein, mithilfe von Rückblenden und Sprüngen die Handlungsabläufe stringenter und die Zusammenhänge psychologisch durchdachter hervorzukehren.

Und genauso, mit diesem Mord beginnt auch „Siegfried“, um dann auch tatsächlich einen Teil der ersten Szene von Mime und Siegfried gleich anzuschließen. Dann wird in den kompletten ersten Akt der „Walküre“ gewechselt. Es folgt der Rest der „Schmiedeszene“, hierauf eine reduzierte Szene mit der Tötung des Drachen und schließlich die Begegnung Siegfried mit Wotan/Wanderer sowie die Erweckung von Brünnhilde. Dabei kommt es, scheinbar um eine Art Entmystifizierung zu betreiben und das „Hehre“ zu entschärfen, zu einigen Lächerlichkeiten: So wird etwa statt des Schwertes „Notung“ eine Art Brotmesser verwendet, das Siegmund aus dem Fauteuil herauszieht und das später Siegfried beim Schmieden mit einem Klebeband zusammenpickt. Weitere kindische Einlagen sind ein mit einem Dreiradler herumfahrender Siegfried. Viele Figuren sind personifiziert: So taumelt der Drache Fafner total betrunken und immer noch aus einer Flasche trinkend mit zotteligem Fell und einem Helm mit Hörnern herum, dem dann besonders blutrünstig das Herz aus dem Leib herausgeschnitten und triumphierend in die Höhe gehalten wird. Das Waldvöglein ist ein Mädchen mit Müllsäcken wie eine Landstreicherin aussehend. Zweifellos versteht Gürbaca ihr Handwerk und kann mit unzähligen Details und Symbolen aufwarten, wenn etwa Siegmund erscheint und seinem Sohn Siegfried das blutverschmierte T-Shirt überstreift. Nur, die Gesamtkonzeption passt einfach nicht.

Ziemlich ausgedünnt, durch die besetzungsmäßig reduzierte Fassung hört man das farbenreich disponierte ORF Radiosinfonieorchester Wien unter Constantin Trinks. Sängerfreundlich, transparent und spannungsvoll agieren die Musiker. Besonders das „Waldweben“ und das Finale werden zum klanglichen und emotionalen Ereignis.

Durchwachsen ist das Ensemble. Eindeutig auf der Habenseite: Daniel Johannson ist ein sehr viriler Siegmund mit kraftvollem Tenor. Daniel Brenna schafft die gefürchtete, mörderisch schwere Partie mit Bravour, kann immer wieder alle höchsten Töne stemmen und hat auch für das lange Finale immer noch notwendigen Kraftreserven. Erstklassig und verschlagen hört man wortdeutlichst Mime, der von Marcel Beekman mit idealem und präzisem Charaktertenor ausdruckstark gesungen wird. Stefan Kocan ist ein machtvoller, schwarzer Hunding und Fafner. Liene Kinca ist eine passable Sieglinde. Ingela Brimberg kann als Brünnhilde überzeugen. Ihre Spitzentöne sitzen alle. Aris Argiris ist ein nobler, kleinstimmiger Wotan, der hier Wanderer heißt. Mirella Hagen ist ein inniger Waldvogel. Jubel!

Helmut Christian Mayer

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