Wenn der Figaro im Bonner Barbershop die Fäden zieht

Xl_gpbarbier198__c__bettinastoess © Copyright Foto: Bettina Stöß

Il Barbiere di Siviglia Gioacchino Rossini Besuch am 25. Januar 2026 Premiere

Theater Bonn Opernhaus

Wenn der Figaro im Bonner Barbershop die Fäden zieht

Seit mehr als 200 Jahren ruft Il barbiere di Siviglia von Gioachino Rossini Opernregisseure auf den Plan. Gesucht wird stets ein innovativer Zugang zur Komödie des Rossini-Librettisten Cesare Sterbini nach dem ersten Teil der Figaro-Trilogie von Piere-Augustin Beaumarchais. Davon kündet die breite Rezeptionsgeschichte des Werks, das 1816 im Teatro Argentina in Rom seine Uraufführung erlebt. Il barbiere di Siviglia o sia L'inutile precauzione – so der vollständige Titel des Melodramma Buffa – ist als frivoles Lustspiel, Slapstick-Komödie, Screwball-Comedy, als Szenario mit Raum und Requisite wie 2015/16 in Essen oder als Figurentheater wie 2021 an der Staatsoper Wien auf die Bühne gebracht worden. 2023 im Stil einer TV-Vorabendserie an der Deutschen Oper am Rhein.

Wer sich als Regisseur an eine Neuinszenierung des Zweiakters macht, kann im Grunde nicht scheitern. Dafür ist das Stück mit seinem komödiantischen Reichtum, den stilsicher getroffenen Charakteren in einem Tohuwabohu von Eitelkeit, Gier und Machtgelüsten sowie der federnden Musik mit ihren Melodien, Koloraturen und Crescendo-Gipfeln einfach zu stark. Von dieser Gewissheit getragen, überrascht der südafrikanische Regisseur Matthew Wild am Theater Bonn mit einer Neuinszenierung, die sich einem weiten Spektrum an Formen und Stilen öffnet, dabei selbst die Einbindung von Hip-Hop-Dance verkraftet, was – so die mutmaßliche Intention – die Brücke hin zu einem Publikum U 20 schlagen soll. Folgerichtig plant das Bonner Haus auch eine Vorstellung für Schüler.

Wild, von 2015 bis 2021 Künstlerischer Leiter der Oper Kapstadt, ist ein gefragter Regisseur an Opernhäusern in Europa. Ausgezeichnet werden seine Inszenierungen von Porgy and Besss am Theater an der Wien und des Tannhäuser an der Oper Frankfurt. Der Regisseur verknüpft inhaltliche Akribie mit visueller Prägnanz. Eben diese „Visitenkarte“ stellt Wild jetzt am Boeselagerhof unter Beweis.

Bei Wild ist ähnlich wie vor Jahren in der Inszenierung von Giuseppe Verdis Aida Bonn der Schauplatz des Geschehens. Hier und heute ist der „Barbier vom Rhein“ das factotum aller. Über die ganze Breite der Bühne zieht sich eine Häuserzeile, wie sie sich in der Kernstadt und der Altstadt häufig auffinden lässt. Die Werkstätten und Technischen Abteilungen des Bonner Theaters haben großartig gearbeitet, um die Vision des Bühnenbildners Dirk Hofacker umzusetzen. Diverse Shops, eine Noodle-Bar, die Apotheke, eine Zahnarztpraxis samt Wartezimmer für Besucher sowie ein Barbershop reihen sich parterre aneinander. Von hier zieht der Bonner Barbier seine Fäden.

Im oberen Stock residiert Rosina, Mündel und Nichte des Zahnarztes Dr. Bartolo. Ihr macht es nicht im Geringsten etwas aus, bei der Morgentoilette oder beim Ankleiden beobachtet zu werden. Hier zieht sich Bartolo in sein Privatgemach zurück. Hier findet die köstliche Gesangsprobe im zweiten Akt statt, in der Rosina und Lindoro dem Dottore ein Schnippchen schlagen. Die Räume im erstem wie im zweiten Stock sind zu einem großen Teil dank Pendeltüren und der Drehbühne in verschiedene Richtungen begehbar. Dies erlaubt dem Personal der Buffa, das häufig in Velocissimo-Manier, in höchster Geschwindigkeit unterwegs ist, überraschende Auf- und Abgänge sowie Begegnungen, die ineinanderfließen.

Auch vor der Häuserfront bestimmt Illustres die Szene. So eine mobile Litfaßsäule, auf der Lindoro alias Graf Almaviva sein Ständchen für Rosina darbringt. Männer des Chores des Theaters Bonn tauchen ausgestattet mit Instrumenten vor Rosinas Haus auf, um ihr auf Geheiß des Grafen ein Ständchen zu bringen. Das bringt nicht den erwünschten Effekt, da die Begehrte nicht auf dem Balkon erscheint, und geht zudem im Lärm unter, der die Nachbarn an die offenen Fenster treibt. Die von Raphaela Rose ersonnenen Kostüme fügen sich passend in die Vorstellung einer bunten Stadtgesellschaft am Rhein ein. Rosina wechselt adrettes Rosa, mal uni, mal gestreift, mit wadenlanger Abendgarderobe. Lindoro legeres Ausgeh-Outfit samt Mütze mit Straßenanzug oder Militäruniform, in der sich auch die Dienerschaft phasenweise bewegt. Figaro präsentiert mit kragenlosem Weiß, brauner Weste und dunkler Schürze sein Metier. Bartolo favorisiert Lindgrün, Basilio Cord und bunte Pullover.

Visuell akzentuierte Ausstattung, die die Komödie Sterbinis und die perlende Maschinenmusik Rossinis mit modernen Ausdrucksmitteln verbindet, nimmt das Publikum schon zur optischen Begleitung der Ouvertüre für sich ein. Zu sehen ist der Tenorstar Almaviva, der sich nach einer Operngala im Bonner Theater in Alltagsdress umkleidet und aufmacht, seine Verehrerin Rosina zu treffen. Der vom Videodesigner Clemens Walter besorgte Einspielfilm punktet mit Lokalkolorit vom Opernhaus bis zum Bertha-von-Suttner-Platz, raschen Schnitten und einem spektakulären Zoom auf die analoge Welt, das reale Bühnenbild.

Wilds Inszenierung strotzt wie die Berg- und Talfahrt der Partitur nur so von Komik, witzigen Anspielungen und komödiantischen Impromptus. Die Szenen in Bartolos Zahnarztpraxis lösen wiederholt befreites Lachen im Publikum aus. Es ist Slapstick pur, wenn sich der Patient in Bartolos Behandlungsstuhl unter dem strengen komödiantischen Spiel der Sprechstundengehilfin Bertas, Haushälterin im Original, windet und, um der Tortur Bartolos zu entgehen, auf allen Vieren aus dem Behandlungszimmer zu entkommen sucht. Und als beste Unterhaltung wird die Parodie Bartolos der Bariton-Ikone Dietrich Fischer-Dieskau und dessen Interpretationen von Kunstliedern verstanden, wohlgemerkt in deutscher Sprache.

Wilds Stärke ist die genaue Erfassung der Charaktere. Die Zeichnung von Basilios und Figaros Durchtriebenheit gelingt ihm ebenso vorzüglich wie die Stilisierung Bartolos zum Looser des Geschehens, der mehr und mehr ahnt, dass seine Heiratspläne mit Rosina scheitern werden. Letztlich bleibt ihm nur noch Lachgas, um seinen Part an und in der Komödie zu halten. Im Finaletto, dem zweiten Finale, als sämtliche übrige Protagonisten längst hinter einem Meer an Blüten aus dem Theaterhimmel verschwunden sind, ist schlussendlich nur noch er hinter einem Fenster im oberen Stock zu sehen. Erstarrt zur Salzsäule, das Bild eines Verlierers, dem nichts vergönnt ist, weder Rosina noch das Happy End.

Besonderen Drive fügt Wild seinem Konzept durch zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer hinzu, die in Gestalt von Hip-Hop-Figuren immer dann zum Zuge kommen, wenn der Regisseur den Irrungen und Wirrungen in den Köpfen eine zusätzliche Ausdrucksdimension vermitteln möchte. In der Choreografie von Rudi Smit entfachen sie in einigen Passagen lebendiges Feuerwerk. Daneben stehen andere, so im „Kanon des Chaos“ innerhalb des Finale eins, das die kollektive Verwirrung in Turbulenzen ausmalt, die keinerlei Steigerungen außerhalb der Musik benötigen. In solchen Passagen wirken die Tänzer schlicht als Doublette. Da sie ihre Sache höchst professionell erledigen, lässt sich letztlich wenig gegen ihren Part einwenden, dem hohen Aufwand aber auch nicht viel abgewinnen. Luxus pur, wenn man so will und unter Luxus den schönen Überfluss versteht.

Sollte bis hierher der Eindruck einer völlig überdrehten Performance entstehen, so stimmt dies nicht in Gänze. In den Rezitativen und vor allem den großartigen Duetten hat der Text Vorrang, sei es im rezitativo accompagnato oder im instrumental begleiteten Gesang. Da hat das Momentum des Augenblicks seinen Auftritt, um Rosina und Figaro, das wahre Buffo-Paar der Komödie, den Adel der Seele erleben zu lassen, den Rossini seinen Schützlingen in Noten schenkt. Selbst etwas Ernst erlaubt sich Wild. Bartolos Selbstbespiegelung A un dottor de la mia sorte weitet Wild auf einer fiktiven Social-media-Plattform mit Posts und Reaktionen auf diese zur Anzeige von Übergriffen des fast schon sprichwörtlichen alten weißen Mannes. Formal ist diese Videosequenz ein Eyecatcher. Inhaltlich kann sie als Anspielung in eigener Sache verstanden werden, auf die Trennung von einem Regisseur, die die Bonner Oper vor einigen Monaten vorgenommen hat.

Der Barbier vom Rhein funktioniert auch deswegen, weil ein äußerst spielfreudiges, komödiantisch hochtalentiertes Sängerensemble auf der Bühne agiert. Inspiriert und in Laune gehalten vom Rossini-affinen Beethoven Orchester Bonn im Graben mit dem Belcanto-Spezialisten Matteo Beltrami am Pult. Pointiert durch das Cembalo und die Gitarre, letztere beim Ständchen Lindoros für seine Angebetete. Nicht zuletzt durch die federleicht jubelnde Soloklarinette. In der verkleinerten Schar der Herren des Theaterchores Bonn, bestens einstudiert von André Kellinghaus, wissen die Sänger einen trefflichen Partner an ihrer Seite.

Abgesehen von Charlotte Quadt als Rosina sind in den tragenden Rollen Gäste aufgeboten. Mit ihrem hohen Mezzo kann sie nicht das Ideal einer Isabella Colibran erreichen, für die Rossini eine zweite tief(er) gelegene Fassung komponiert. Hingegen brilliert sie durch totale Ausspielung ihrer komödiantischen Mittel. Der gerade 27-jährige Armenier Grisha Martirosyan in der Titelpartie überzeugt mit seinem kernigen und frischen Bariton. Der aus Petersburg stammende Spiel-Tenor Anton Rositskii ist ein graziler und eingängiger Almaviva, molto affabile, um es Italienisch zu sagen. Enrico Marabelli bringt seine enorme Erfahrung mit Bassbariton-Partien des italienischen Fachs grandios in die Gestaltung des Bartolo ein.

Aus dem Bonner Ensemble überzeugen Pavel Kudinov als Basilio und Nicole Wacker als Berta mit imponierender Spielfreude, letztere überdies mit famosen Spitzentönen. Miljan Milovic, festes Mitglied des Bonner Theaterchors, ist ein markanter Fiorello, Seogjun Jang ein präsenter Offizier.

Mit dem vom Publikum mit Jubel für alle Beteiligten quittierten Barbier vom Rhein verfügt das Theater Bonn über ein Pfund für die Karnevalszeit. Gewiss auch darüber hinaus, bis in den Juni.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Bettina Stöß

 

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