Wenn das Cimbasso die tragische Grundierung des Dramas akzentuiert

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Ernani Giuseppe Verdi Besuch am 24. April 2026 Premiere am 26. April 2026

Oper Köln Staatenhaus Deutz

Wenn das Cimbasso die tragische Grundierung des Dramas akzentuiert

Intendo, intendo. Compiasi il mio destin fatale.Der Bandit Ernani, eigentlich ein verstoßener Aristokrat, erlebt mit drei Hornstößen aus der Ferne die Besiegelung seines Schicksals. Das Zeichen, das er seinem Gegenspieler in einem bizarren Pakt wider den gemeinsamen Feind, den spanischen König, verpfändet hat, führt ausgerechnet in seiner Hochzeitsnacht mit Elvira sein Ende herbei. Ernani ist zwar ein schuldlos aus der Bahn geworfener Außenseiter. Doch kein klassischer Räuber. Er steht zu seinem Schwur und ersticht sich.

Rache, Intrige, Mordkomplott, Belagerung und Krieg sind in Giuseppe Verdis fünfter Oper ein beliebtes Sujet. Bietet es doch eine willkommene Kulisse für ein Dramma lirico, das alles auffährt, was italienische Oper zu bieten hat. Davon kann man sich derzeit an der Oper Köln überzeugen, die den 1844 am Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführten Vierakter aus seinem Dasein im Schatten des Kernrepertoires reißt.

Dabei stimmt dieses Kompliment nicht so ganz. Die Oper Bonn wagt sich 2022 an eine szenische Realisierung im Rahmen ihrer Serie von Aufführungen früher Verdi-Opern. Sie trägt so der Tatsache Rechnung, dass Ernani nicht lediglich verkürzt als Zwischenstation auf dem Weg zur Erfolgstrias Rigoletto, La Traviata, Il Trovatore gesehen werden sollte, sondern als eigenständiges Werk. Das Kölner Haus entscheidet sich gegen eine szenische Fassung und für eine konzertante Aufführung mit Giuliano Carella am Pult des Gürzenich-Orchesters Köln.

Einerseits verständlich angesichts der teils grotesken Schauergeschichte mit dem stark von Verdi beeinflusstem Libretto Francesco Maria Piaves nach Victor Hugos Schauspiel Hernani ou l´honneur Castillan, in der ein gewisser Don Carlos, König von Spanien, um die Liebe zu Elvira kämpft und im Aachener Dom zum Kaiser gewählt wird. Auch wegen der begrenzten Entfaltungsmöglichkeiten im Staatenhaus Deutz, dem Übergangsquartier noch bis zum September, bis zur Rückkehr in das Stammhaus in der Stadtmitte. Andererseits bedauerlich, da doch etwas dran sein muss an der Vorlage für eine der damals höchst erfolgreichen Kompositionen in Verdis hochromantischer Phase zwischen 1844 und 1850. Immerhin dirigiert Gaetano Donizetti die Wiener Erstaufführung.

Als plagte die Kölner Intendanz eine Spur von schlechtem Gewissen, wird Cora Hannen mit illustrierenden Elementen beauftragt, die unter dem Begriff der „szenischen Einrichtung“ rubriziert werden. Als Requisiten dienen lediglich drei Blumensträuße, die die Liebe der drei männlichen Protagonisten zu Elvira symbolisieren. Ferner ein goldschimmerndes Horn, das von einer Musikerin hereingetragen wird und das dreimalige Hornsignal antizipiert, das Verdi als Zeichen des Todes von Ernani verwendet. Dazu kommen noch einige spärliche Lichteffekte (Dominik Vogelsang).

Verdis Wunsch, mit Tenor, Bariton und Bass die drei Männerstimmen aufzubieten, auf die er auch bei künftigen Kompositionen bauen wird, schimmert erkennbar in den Schlüsselszenen durch, auf die Piave das Hugo-Drama gerafft hat. Ernani, Juan d’Aragon, Sohn des von Don Carlos getöteten Herzogs von Aragonien, kehrt aus der Verbannung zurück und lebt als Bandit mit Gleichgesinnten in den Wäldern. Er verliebt sich in Elvira, Nichte des spanischen Granden Don Ruy Gomez de Silva, der diese gegen ihren Willen heiraten will. Auch Don Carlos begehrt Elvira zu seiner Frau.

Schon sehr realitätsfremd, dass eine Frau gleich von drei Männern umworben wird. Aber ganz große Oper, 150 Minuten vor Leidenschaft berstende Musik, die noch haften bleibt, wenn Intrige und Gewalt schon lange verrauscht sind. Verdis Partitur mit ihrem speziellem Musikstil am Ende der Ära des Belcanto und im Aufdämmern der Grand opéra liegt bei Carella in den besten Händen. Im wahrsten Sinne des Wortes setzt er sie mit weit ausschweifenden Gebärden unter vollem Körpereinsatz mächtig ein. So entfaltet sich die. rauschende orchestrale Grundierung, zu der die Flotte der Posaunen samt des für Akzente sorgenden Cimbasso grandios den Sound des Schicksals liefert. So steigert sich die Vernetzung von Soli- und Chorpassagen in einen fast mustergültigen Zustand. So gewinnt der vierte Akt mit seiner schon gegen die überkommene Nummernoper, gegen die forme chiuse gerichteten besonderen Verdichtung Profil und Wucht.

Kompositorisch verliert Ernani von Akt zu Akt, vor allem gegen Ende an musikalischer Klasse, was dem von Rustam Samedov einstudierten Chor der Oper Köln wahrlich nicht anzukreiden ist, der auf einer Tribüne hinter dem Orchester positioniert ist. Freilich schwankt die Performance. Eviva! Beviam!, der Chor der Bergrebellen und Banditen unmittelbar nach dem Preludio des Orchesters, ein weinseliger, von energischem Rhythmus getragener Auftritt ist sehr viel packender möglich. Ad Augusta, die Beschwörung „heiligen Feuers in der Seele“ durch den Bund Gleichgesinnter im dritten Akt und ein Bestandteil von Melodien des Risorgimento, gelingt da schon zündender.

Das vor dem Orchester agierende Sängerensemble überzeugt mit stimmlicher Qualität und furiosem Ausdruck. In der Titelpartie erfüllt Young Woo Kim weitgehend Verdis Anforderungen eines tenore eroico. Mit heroischer Strahlkraft, auch wenn diese bisweilen zu robust, zu physisch fokussiert vorgetragen wird. Mit subtiler Emotionalität des verfolgten Außenseiters. Mit subtilen Phrasen wie in seiner Auftrittsarie Come rugiada al cespite.

Neben ihm gewinnt der lyrische Bariton Insik Choi in der Rolle des Don Carlo an Format und Ausstrahlung. Verdi hat seine Wandlung von der Charaktermaske zum empathischen Menschen, der letztlich sein Einverständnis zur Vermählung Ernanis mit Elvira gibt, mit belcantistischer Würde ausgestattet. Choi gestaltet seine größten Auftritte, das Liebesgeständnis Da qual di che t’hoh veduta gegenüber Elvira und sein Räsonieren Ah de‘ verd’anni miei am Grabmal von Karl dem Großen, mit leuchtenden Farben und einer anrührenden Innerlichkeit. Adrian Sâmpetrean ist als Don Ruy Gómez de Silva ein imponierender basso cantate, der mit dem Adagio Infelice! E tu credevi und der anschließenden Cabaletta Infin che un brando vindice zugleich Schmerz und Unversöhnlichkeit anzeigt.

Als Elvira hat Marta Torbidoni nicht nur die Liebe dreier Männer auf ihrer Seite. Verdi schenkt dem soprano spinto ein breites Repertoire an expressivem Material, von der Kavatine Ernani Ernani involami mit ihren disruptiven Tonsprüngen zu Beginn bis zum flammenden Racheschwur Ferma crudele im Schluss. So sehr Torbidoni die technischen Finessen zwischen dramatischen Gipfelstürmen und lyrischer Introvertiertheit beherrscht, so sehr fällt sie bei der Gestaltung der affektiven Nuancen ab. In den weiteren Partien runden die Giovanna der Maria Koroleva, der Don Riccardo von Wesley Harrison und Ferhat Baday als Jago das positive Gesamtbild ab.

Langanhaltender, vereinzelt mit Bravi!-Rufen durchsetzter Beifall dankt allen Mitwirkenden für ihr Können. Insbesondere Carella und den Orchestermusikern, zu denen sich die Akteure der Banda gesellen, die ihren Part hinter einem Vorhang zur linken Seite erfüllt und für einen dramatischen räumlichen Effekt gesorgt haben. Bis zum 2. Mai sind noch zwei Aufführungen vorgesehen. Es ließe sich auch von zwei Gelegenheiten sprechen.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Matthias Jung

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