Walküren als Gebärmaschinen und Kinder als Material in Doktor Wotans Biolabor

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Die Walküre Richard Wagner Besuch am 29. März 2026 Premiere

Oper Köln Staatenhaus Deutz

Walküren als Gebärmaschinen und Kinder als Material in Doktor Wotans Biolabor

Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind. Wotan nimmt nach langem Ringen Abschied von Brünnhilde, „Du meines Herzens heiligster Stolz“. In Richard Wagners Libretto wird sie in einen Ring von Feuer, das Loge entzündet hat, in tiefen Schlaf versetzt, zu dem die Piccolo-Flöte und sechs Harfen beseelt die Begleitmusik spielen. Bei Paul-Georg Dittrich, dem Regisseur des Ersten Tags in der Neuproduktion der Tetralogie Der Ring des Nibelungen an der Oper Köln, wird die Lieblingstochter des Göttervaters, umspielt von Rot zuckenden Blitzen, in den Kabinenraum eines Apparats versetzt, der eine Druckkammer sein könnte.

Langsam schließen sich deren transparente Türen unter den leuchtenden Melodiebögen des bewegenden Abschieds, von Brünnhilde mit Gebärden begleitet, die sowohl Verstehen wie Schrecken verraten. Wotan macht sich derweil an einem Laptop zu schaffen, um Brünnhildes Trennung von Natur und Zivilisation mit den ultimativen Daten abzusichern. Danach wirft er sich in seinen Bürosessel, um das von ihm selbst organisierte Schauspiel genauestens beobachten zu können. Der Mann als Voyeur?

Minuten später ist die Szene mit den pianissimo gespielten Holzbläsern und den noch intimeren Streichern verklungen. Die Sängerdarsteller und die großartigen Musiker des Gürzenich-Orchesters Köln mit Marc Albrecht am Pult werden anhaltend gefeiert. Lediglich das Regieteam um Dittrich wird mit heftigen Buh-Rufen empfangen, die sich mit dem Beifall für das Bühnenkonzept fast die Waage halten.

Dittrichs Erarbeitung des Ring-Vorabends speist sich aus der elementaren Idee, im Gold, dem Wotan nachjagt, nicht Metall, sondern den Menschen in seinen unberührten Anfängen, den Kindern, zu sehen. Sein Rheingold basiert auf der Lust am Phantastischen, die sich mit der Beschwörung der wahren Natur der Menschheit paart, den Kindern und ihren besonderen Fähigkeiten. Von dieser durchaus unkonventionellen Metapher, die Assoziationen von Unschuld und Reinheit weckt, bleibt in der Walküre nur wenig übrig. Schlimmer noch: Zwar spielen Kinder nach wie vor eine Rolle. Doch sind sie nun entfremdet als human ressources und menschliches Material im Dienst einer auf die Weltherrschaft zielenden Macht zu erleben. Als Experimentiermasse in einem biomedizinischen Labor von der Art des Lebensborn-Vereins Heinrich Himmlers zur Vermehrung einer „rassisch wertvollen Bevölkerung“ im Regime der Nazis. Auf das Schicksal dieser für die „arische Elite“ rekrutierten oder zwangsgermanisierten Kinder wird im Programmheft verwiesen – insgesamt eine historische Klammer, die weder notwendig noch wünschenswert ist.

Brünnhildes Beschwörung der Walküren und Wotans Zorn gegen die unbotmäßige Tochter in ein Reproduktions-Labor zu verlagern, minimiert vor allem den musikalischen Zauber gerade des dritten Aufzugs deutlich. Dittrichs Ring-Konzept scheint in einer Welt zu spielen, die zumindest nicht auf Anhieb verstanden und möglicherweise deshalb von einem Teil des Publikums abgelehnt wird. Ob sie sich in der Fortsetzung, zunächst im kommenden Jahr mit Siegfried, erschließen wird, bleibt abzuwarten.

Doch verfolgen wir Wagners Schöpfung der Zwei-Personen-Mini-Dramen in Serie, das Finden und Verschmelzen von Siegfried und Sieglinde, den Kampf von Wotan und Brünnhilde um Liebe, Verständnis und Vergeltung der Reihe nach. Das Vorspiel zum ersten Akt, dieses rasende Konvolut eines Sturms der Natur und von Blitzen Donners aus dem Rheingold, leitet über in eine reduzierte Andeutung von Hundings Hütte. Durch sie kann man auf einen zerstörten Wald mit zersplitterten Stämmen ohne Laub und Blätter schauen. Auch die Esche, in die einst ein Fremder Nothung gerammt, ist kahl und von Untergang gezeichnet. Im Hintergrund lastet ein voller Mond über der Szene, erst öd und grau, dann gold-gelb erblühend, als Siegmund vom Wonnemond singt, dem die Winterstürme weichen. Technisch anspruchsvoll dient er zugleich als Projektionsfläche für die Begegnung der Wälsungen als Kinder im Scherenschnitt-Format.

Rätsel geben die Überwachungskameras auf, die über das Gelände verteilt sind. Die von ihnen produzierten Bilder werden mit wechselnden Einstellungen auf große Screens projektiert, die zum Teil ungewöhnliche Sichtweisen und Perspektiven auf das Bühnengeschehen liefern. Einmal sind die Konterfeis von Siegmund und Sieglinde links und rechts von der Bühne minutenlang zu sehen, wie eingefroren. Unterstrichen wird so ihr Status, Zwillinge zu sein. Zu Beginn wie vor den Aufzügen zwei und drei sind auf diesen Screens Aufnahmen zerstörter Städte oder Impressionen von Bodycams zu sehen, die etwa bei der Tätersuche nachts in waldigen Gegenden entstehen. Die Video-Kunst stammt von Robi Voigt, das Licht von Andreas Grüter.

Nach und nach kristallisiert sich mit der Veränderung des von Pia Dederichs und Lena Schmid geschaffenen Bühnenbilds die Erkenntnis heraus, dass es sich bei dem vermeintlichen Wald um den äußeren Teil des Labors handelt, das Wotan mit dem Ziel betreibt, den Helden mit Hilfe der Walküren als Gebärmaschinen oder Hebammen zu züchten, der ihm die Weltherrschaft zurückbringen soll. In dieser Öde müssen sich die Laborprodukte bewähren und für den Kampf um die Weltherrschaft rüsten. Mona Ulrichs Kostüme sehen für Sieglinde eine Montur in Grau vor, die an die Arbeitskleidung von KZ-Insassen erinnert. Siegmund ist von ihr kaum zu unterscheiden. Auf der Rückseite der Monturen sind geheimnisvolle Muster zu sehen, die an germanische Runen erinnern, im Verlauf der Handlung um ein rotes Kreuz ergänzt. Später ist das zerfetzte Hemd Siegmunds im Blickfeld, nach dem Kampf auf Leben und Tod, den er sich mit Hunding geliefert hat.

Zu Beginn des zweiten Aufzugs sitzt Fricka stumm und still in einem Wohnzimmer im Stil – erinnert sei an die Lebensborn-Anspielung – der frühen 1940er Jahre vor einem hellroten Vorhang. Zu dieser quälend langen pantomimischen Sequenz gehört ihre Beschäftigung mit Röntgenbildern von Schwangeren und einem Ultraschallapparat. Denkt sie an eine eigene Schwangerschaft, um gleichzuziehen mit den Frauen, die Wotan mit Töchtern, den Walküren, beschenkten? Dieser, klassisch mit Augenklappe, macht seine Aufwartung in einer hellbeigen Uniform mit Schaftstiefeln, die etliche Assoziationen auslöst, darunter keine schönen.

Kaum ist der Vorhang zur Seite gezogen, offenbart sich das Biolabor des Göttervaters in seiner ganzen Monstrosität. Embryonen in Gläsern verdeutlichen, welchen Stellenwert hier menschliches Leben hat. Elemente von Hightech erzeugen eine flirrende Hinterwand. Hier, lautet die unmissverständliche Botschaft, wird modernste Technologie zur Produktion von Nachwuchs eingesetzt, nach dem bekanntlich gerade Autokraten auch heute lechzen. Die Walküren sind entweder schwanger oder bringen ihre Babys auf offener Bühne zur Welt.

Auf der oben offenen Skala der Perversion der Macht liefert die Ausstattung des dritten Aufzugs weiteres Futter. Kinder aus dem Reproduktionsprogramm Wotans, der nun als Chefarzt des Kliniklabors firmiert, sind an Infusionsapparaturen angeschlossen, die – befremdlich genug – am Ende zu stummen Zeugen von Wotans Abschied und Feuerzauber werden. Natürlich werden auch Schaukelpferdchen verwandt, um zu suggerieren, dass das Menschliche nicht ganz der Reproduktionsgewalt geopfert worden ist. Die musikalische Gewalt des Walkürenritts, Vorspiel zum zweiten und voll hochgefahren im Vorspiel zum dritten Aufzug, unterstreicht die Bedrohlichkeit dieser Anmutung. Ist sie doch letztlich Ausdruck der Kampfbereitschaft der Walküren, Kriegerinnen in den Schlachten für Wotans Interessen.

Die Personenführung des Regisseurs schwankt zwischen Treue zum Textbuch und freien Innovationen unterschiedlicher Überzeugungskraft. Hundings Umgang mit seiner Ehefrau fällt bei Dittrichs ruppiger und streckenweise bösartiger aus als im Original. Als Reaktion auf Wotans Siegmund, falle, dem Entzug seines göttlichen Schutzes, schneidet sich Brünnhilde das zuvor lange blonde Haar zur Kurzhaarfriseur ab, um Wotan Kampfbereitschaft zu signalisieren. Dittrichs Suche nach Gesten und Bildern geht fast unvermeidlich mit Ungereimtheiten einher. Bei Wagner erreicht Siegmund Hundings Hütte waffenlos. Nothung steckt ja noch in der Esche. Bei Dittrich ist er bewaffnet. Bei Wagner endet Hunding durch eine nahezu beiläufige Aktion Wotans. In Dittrichs Sicht tötet er sich spektakulär mit einem Messer, das er sich vorn an der Bühne mit schaurigem Stöhnen an die Kehle setzt.

Wie schon im Rheingold packt das akustische Großkino, das das Orchester ebenerdig über die volle Breite des Saales in der exponierten Position vor der Bühne bietet, das Publikum im voll besetzten Saal total. Aus der Aufstellung im Breitwandformat ragen die Harfen am linken Rand und das auf die rechte Seite konzentrierte Blech mit den Posaunen hervor, die einen geradezu himmlischen Walhalla-Sound produzieren. Einmal mehr drängt sich mit Rekurs auf den verdeckten Orchestergraben im Bayreuther Festspielhaus und die von Wagner hierzu entwickelte Theorie der Eindruck von einer orchestralen Werkstatt auf. Marc Albrecht, dem Chef dieser Werkstatt, gelingt es hervorragend, den Strömungsfluss der Partitur in seinen hymnischen wie ekstatischen Emanationen zur Geltung zu bringen. Nahezu unvermeidlich die Gänsehaut, wenn das Orchester zu Siegmunds Wälse! Wälse!, der Anrufung des Vaters in höchster Not, den Sound hochpeitscht und agiert wie Ozeanwellen im Orkan.

Das Ensemble der Sängerdarsteller baut in den Schlüsselrollen weitgehend auf den Ring-Vorabend auf. Jordan Shanahan ist bei seinem neuerlichen Rollendebüt mit seinem zum Spielerischen neigenden Bariton ein Wotan, der als streitend liebender Vater mehr überzeugt als in der Funktion der eiskalten Autorität. Die Fricka von Bettina Ranch macht ihm als zänkische und aufbegehrende Gemahlin mehr zu schaffen, als es ihm lieb sein kann. Wenn sie ihm dieses Wie törig und taub du dich stellst entgegenschleudert, wird schon früh klar, dass der Göttervater auch zu Hause an Macht verliert. Trine Møller macht die Metamorphose der Brünnhilde im Gefühlsgeflecht von Empathie und Rebellion durch ihren flexiblen Sopran wirklich glaubhaft. Leider sind geradlinige Stimmführung und Textverständlichkeit dieses inneren Familienkreises nur phasenweise angesagt.

Daniel Johanssons Siegmund bleibt merkwürdig unprätentiös und phasenweise blass, auch wenn er sich temporär mit tenoraler Emphase zu steigern weiß. Vom Hunding des Tijl Faveyts mit kernigem Bass und spielerischer Wucht wird er jedenfalls ausgestochen, sofern der Vergleich angebracht ist. Astrid Kessler gibt der Sieglinde mit ihrem teils lodernden, teils lyrisch-melodischen Sopran die Farben, die diese Partie verlangt. Nicht sehre dich Sorge um mich, ihr an Brünnhilde adressierter Todeswunsch, geht unter die Haut. Die Interpretinnen der Walküren machen ihre Sache gut – auch weil sie sich als Darstellerinnen mächtig einbringen.

20 Jahre nach der letzten Inszenierung der Tetralogie von Robert Carsen an der Oper Köln türmen sich über der Werkstatt, in der ein neuer Ring geschmiedet wird, schon viele Fragen auf. Braucht es Anspielungen auf die Schreckensherrschaft der Nazis und diese die Inszenierung durchziehende Spur der Gewalt, um Wagners Weltepos so zu vermitteln, dass auch Antworten auf heutige Anforderungen erwartet werden können? Weißt du wie das wird? fragt Erda schon im Finale von Rheingold. Man möge sie ernst nehmen.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Matthias Jung

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