Wien: Florian Leopold Gassmanns Opernkarikatur „L‘opera seria“ amüsierte das Publikum

Xl_opera_seria__c__werner_kmetitsch_wien-3-26-1 © Werner Kmetitsch

Es wird gestritten und das von Anfang an: Impresario, Komponist und Librettist untereinander, egozentrische Diven sabotieren sich gegenseitig und selbst deren Mütter mischen sich letztlich ein. Schon die Generalprobe der Oper „L’Oranzebe“ versinkt bald im Chaos und die Premiere endet überhaupt im Desaster, wenn die Kulissen zusammenkrachen und zuletzt der Impresario mit dem Geld durchbrennt: Die Oper von Florian Leopold Gassmann (1729 in Böhmen-1774 in Wien), deren Uraufführung 1769 in Wien im damaligen Burgtheater stattfand und dann in Wien nicht mehr, nennt sich zwar „L‘opera seria“ ist aber eine satirische Buffo-Oper, die sich über das gesamte Genre lustig macht und keine Klischees auslässt: Sie ist, abgesehen von einigen wenigen Längen, mit scharfem Witz gezeichnet und karikiert die Absurditäten einer Opernaufführung. Im genialen Libretto von Ranieri de’ Calzabigi (auch Librettist von Glucks „Orfeo ed Euridice“) werden in der überdrehtesten Opernparodie des 18. Jahrhunderts mit beißendem Spott die Konventionen des Genres entlarvt: Sinnfreie, völlig überzogene Texte, aber auch endlos geschraubte Arien mit aberwitzigen Koloraturen, Balletteinlagen, die wie Fremdkörper wirken. Nicht ohne Grund galt der Librettist als die treibende Kraft der Opernreform Christoph Willibald Glucks, während Gassmann als Hofkapellmeister unter Joseph II. das Bindeglied zwischen Gluck und der Generation der Wiener Klassik bildete. Dabei verschwand die rasante Persiflage von den Spielplänen und wurde erst 1994 von René Jacobs wiederentdeckt.  Jetzt ist sie als Koproduktion mit der Mailänder Scala, wo sie bereits 2025 gezeigt wurde, am Theater an der Wien zu erleben.

Wie schon an der Scala setzt Laurent Pelly in seiner Inszenierung der Oper in der Oper diesen parodistischen Geist mit Detailgenauigkeit, Witz, Tempo und Spritzigkeit kongenial um. In Weißtönen mit leichten Pastellfarben sind seine ironisierenden Kostüme, in Grautönen die leergeräumte Bühne mit weißen Türen und derben Holzstegen am Boden (Bühne: Massimo Troncanetti) zu sehen. Schwarze Figuren als Kulissenschieber schwirren teils trampelnd herum, ständig Stühle und das Cembalo rein und raus räumend. In der eigentlichen Opernaufführung sind exotische Pflanzen angedeutet, ein riesiger Elefant aus Pappmaschee erscheint, ein köstlich outrierendes Ballett tanzt. Nur manchmal wird es etwas zu Klamaukhaft.

Am Pult wie in Mailand ist Christophe Rousset, der der prächtigen, brillanten Musik Gassmanns mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques auf historischen Instrumenten augenzwinkernd temporeichen Schwung und pointierte Akzente verleiht. Dabei kommt die Position Komponisten als Bindeglied der Entwicklung zwischen Gluck und Mozart sehr schön und deutlich heraus.

Hochklassig ist auch das Gesangsensemble, dessen Figuren mit köstlichen Namen bezeichnet sind, großteils identisch wie an der Scala: Stimmgewaltig singen Roberto de Candia als Dichter Delirio sowie Petr Nekoranec als Komponist Sospiro, die beide sehr stolz auf ihre Oper sind, wohingegen Pietro Spagnoli als Impresario Fallito mit profundem Bass, ständig Kürzungen sowohl der Musik als auch des Textes will. Julie Fuchs brilliert als eingebildete Primadonna Stonatrilla mit höhensicherem Sopran und perfekten Koloraturen, bei der nichts von einer angesagten Indisposition zu bemerken ist. Serena Gamberoni als Porporina und Andrea Caroll als Smorfiosa stehen ihr an Virtuosität in Nichts nach. Tenor Josh Lovell verfügt als Ritornelloüber das nötige Stilgefühl, einen langen Atem und alle Höhen. Untadelig auch: Alessio Arduini als Choreograf Passagallo sowie ungemein komisch die in alter Buffotradition mit Männern besetzten, kurzen drei Mütterrollen zum Finale.

Riesenjubel des sich köstlich amüsierenden Publikums.

Dr. Helmut Christian Mayer

 

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