Wien: Berliner Staatskapelle unter Thielemann mit edler Liedgestaltung und einnehmender Landpartie

Xl_kleiter_krimmel___igor_ripak-wien-4-26 © Igor Ripak

„Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“: Nach dem langen, wunderbar innig gespielten, einleitenden Violinsolo des Konzertmeisters ließ Julia Kleiter mit dem zu Herzen gehenden Lied „Morgen“ von Richard Strauss hingebungsvoll und feinsinnig ihren glockenreinem Sopran im Wiener Musikverein erklingen. Die deutsche Sopranistin interpretierte auch weitere, ausgewählte Orchesterlieder, Kleinode vom bayrischen Komponisten wie etwa „Verführung“ und „Muttertändelei“ oder „Ruhe, meine Seele“ sowie „Waldseligkeit“ mit tiefsinniger Interpretation, lupenreiner Höhe und wunderbarer Phrasierung. Dabei wurde sie von der Staatskapelle Berlin unter Christian Thielemann, der seit Beginn der letzten Saison GMD der Staatsoper unter den Linden und somit auch Chefdirigent dieses Orchesters ist, meist einfühlsam und subtil begleitet. Nur fallweise funktionierte die Balance zwischen Orchester und Sängerin nicht, denn sie wurde etwa bei „Verführung“ vom Orchester teilweise zugedeckt. Das geschah auch anfänglich beim aufstrebenden Bariton Konstantin Krimmel, der mit seiner weichen und ausnehmend schönen Stimme den gesamten Abend faszinieren konnte. Und das mit Liedern ebenfalls von Strauss wie dem stürmisch unheimlichen „Nächtlichen Gang“, „Pilgers Morgenlied“ oder „Hymnus“. Für den reichen Applaus bedankten sich die beiden Künstler mit zwei Zugaben, natürlich ebenfalls mit Liedern von Strauss.

Obwohl bei Ludwig van Beethovens „Pastorale“, der beim Komponisten sonst übliche titanenhafte Ton fehlt, sollte sie nicht als heiter-problemloses Nebenwerk verniedlicht werden. Hector Berlioz bezeichnete die 6. Symphonie gar als schönste aller Beethoven Kompositionen überhaupt, weil „sie einen unvergleichlich größeren Eindruck macht als irgendeine andere“. Zudem das Werk als Prüfstein an Klangkultur und Reichtum an Abstufungsmöglichkeiten. Und gerade da war das oftmals als erste Programmmusik bezeichnete, für damalige Zeiten völlig untraditionell fünfsätzige Werk bei den Musikern unter dem viele Akzente und Stimmungen herausarbeitenden, deutschen Dirigenten in besten Händen: Mannigfaltige Valeurs, zahlreiche Nuancen, betörende Streicher erklangen besonders im Andante, im „Gewittersatz“ wie auch im Finale, das zu einem einzigen herrlichen Lobgesang wurde. Überraschend dann noch zum Schluss angesetzt: Beethovens „Egmont-Ouvertüre“. Die Bühnenmusik wurde geradezu sensationell interpretiert und mündete in die Jubelchöre für den Dirigenten und Orchester.

Helmut Christian Mayer

 

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