Wagners "Tristan und Isolde" im Stream der Wiener Staatsoper: Narkotisierender Klangkosmos

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Blutrot färbt sich der riesige Mond und versinkt langsam im schwarzen Horizont während Isolde mit wunderbar ergreifenden Tönen ihren Liebestod stirbt: Geprägt von immenser Symbolkraft, faszinierender Stimmung und großer Ästhetik erlebt man das Schlussbild bei Tristan und Isoldevon Richard Wagner an der Wiener Staatsoper, eine Opernaufzeichnung vom 18. Jänner 2015,, die man jetzt im Stream miterleben konnte.

Der Kreis hat sich geschlossen, denn zu den ersten Klängen des Vorspiels geht der Mond bereits hinter Nebelfetzen auf und bescheint unterschiedlich gefärbt überwiegend das gesamte Liebesdrama, dessen Ausstattung von Robert Jones stammt: Ein stilisiertes, drehbares Schiffsgerippe dominiert den ersten Akt, ein gewaltiger Mast mit beleuchteten Kranzspiralen den zweiten, ein verfallener Turm, der wie ein aufgeschichteter Steinhaufen aussieht, den dritten. Alles stimmungsvoll ausgeleuchtet und auch mit den stilisierten, wallenden Kostümen immer der Ästhetik verhaftet. Nur kann David McVicar die geschaffenen Räume nur bedingt mit Leben erfüllen. Denn Wagners Text brachte den schottischen Regisseur auf keine großen Ideen. Er führt die Protagonisten meist nur mit winzigen Gesten, ausdruckstarker Mimik und lässt diese zwar viele Gefühle zeigen. Insgesamt dominiert aber die Statik. Scheinbar soll eine Art Matrosenballett eine gewisse Dynamik erzeugen, was aber mehr als entbehrlich erscheint. Und irgendwelche Deutungsversuche oder Reflexionen lässt er schon gar nicht aufkommen.

Musikalisch ist die Neuproduktion jedoch beeindruckend: Wie Iréne Theorin diese schwierige Partie der Isolde gestaltet, ist ein Ereignis: Wie sie unerschöpfliche, emotionale Fassetten gestaltet, wie sie berührend ihre Phrasen ausformt von feinster Lyrik bis zur dramatischen Wucht, wie unerschöpflich ihre Kraftreserven und strahlende Leuchtkraft erklingt, ist einfach fabelhaft, weswegen sie auch zum Schlussapplaus zu recht mit dem größten Jubel überschüttet wird. Peter Seiffert als Tristan teilt sich seine Kräfte sehr klug ein, sodass er auch seine Fieberträume im letzten Akt nach lautstark hörbar machen kann. Alle Spitzentöne sind da und wohlklingend gesungen. „O sink hernieder, Nacht der Liebe“: Das Liebesduett im zweiten Akt gerät zur edlen Liedkultur und zum singulären Ereignis der beiden. Seifferts Wortdeutlichkeit ist exemplarisch ebenso wie jene von Albert Dohmen, der einen etwas knorrigen aber immer berührenden König Marke singt. Petra Lang singt die Brangäne nicht immer ganz ideal. Sie neigt fallweise dazu die Töne etwas anzuschleifen aber ihr „Nachtgesang“ ist ätherisch schön. Tomasz Konieczny ist ein wunderbarer Kurnewal mit feinem Timbre. Gabriel Bermudez ist ein kerniger Melot, Carlos Osuna ein schönstimmiger Hirte, Il Hong ein ebensolcher Steuermann. Der Chor des Hauses (die Einstudierung besorgte Martin Schebesta) ist als klanggewaltiger, sehr homogener Körper zu erleben.

Entfesselnden Klangzauber und narkotisierenden Klangrausch von betörender Schönheit hört man aus dem Graben, den das Orchester der Wiener Staatsoper unter dem verlässlichen Altmeister Peter Schneider entfacht. Mit feinen Nuancen und Farbenreichtum, mit packend aufgebauten Spannungstürmen bis zu eruptiven Ausbrüchen wird mit vollem Einsatz und Spielfreude musiziert.

Mit riesigem Jubel und Ovationen bedankt sich das Publikum für die mitreißenden Leistungen.

Dr. Helmut Christian Mayer

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