Wagners „Parsifal“ in Hamburg: Dunkel, verrätselt und überfrachtet, sängerisch hochwertig

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Es beginnt ganz harmlos mit einer einsamen brennenden Kerze auf der auch später immer dunkel bleibenden Bühne. Schemenhaft sieht man eine, scheinbar bis ins Unendliche reichende, bühnenhohe, immer wieder wabernden Spirale, die auch gespiegelt wird. Und hier agieren in den Etagen alle Protagonisten bei Achim Freyers Inszenierung von Richard Wagners „Parsifal“. Es ist eine Produktion, die schon im September 2017 an der Hamburger Staatsoper Premiere hatte und jetzt wieder gestreamt wurde. Aber der damals 83-alte Freyer, der auch für das Bühnenbild, das Licht und die Kostüme verantwortlich zeichnet, tut alles um mit seinen Bildern, einem Mittelding zwischen Walpurgisnacht und Geisterbahn, das an sich schon rätselhafte Bühnenweihfestspiel noch mehr zu verrätseln und zu verfremden. So huschen und schreiten in allen Stockwerken, die mit Zahlen und anderen kryptischen Symbolen bestückt sind, dunkle Gestalten herum.  Es sind der Chor der Gralsritter, der mit einem Rollstuhl herumgeschobene Titurel, Amfortas wie ein Christus an ein Kreuz gebunden, blutverschmiert und leidend mit Dornenkrone. Zudem werden immer wieder auf den Gaze-Vorhang vor der Bühne elementare Stichworte aus dem Werk projiziert.

Alle Protagonisten und der Chor sind in futuristische, fantastische, fast märchenhafte Kostüme gesteckt und mit Clown-artig erstarrten Grimassen weiß/schwarz dick geschminkt, wie im Kabuki Theater. Speziell die Choristen tragen auch Requisiten und Symbole mit sich: Blut wird mit roten Tüchern dargestellt, der Speer ist ein leuchtender, schwebender Leuchtstab und erinnert an „Starwars“. Zudem sind sie alle zu eigenartigen, antik wirkenden Gesten, teils in Zeitlupe gezwungen. Meist gibt es Statik, extrem etwa bei Gurnemanz, der sich vom linken Bühnenrand kaum wegbewegt und mit einer Spirale am Kopf, auf dem noch ein weiterer Kopf aus Pappmaschee sitzt, belastet ist. Ungesehen taucht Kundry immer wieder aus dem Nichts auf, mit einem zotteligen Haarfilz, der bis zum Boden reicht und an das Haupt der Medusa erinnert. Die Blumenmädchen erscheinen in schweinchenrosa Kostümen mit riesigen Brüsten. Bei der Enthüllung des Grals schreitet ein Kind herein, mit lichtdurchflutetem Röckchen und einem riesigen Schwellkopf. Bühnentechnik, Lichtpunkte und Projektionen sorgen dafür, dass der Raum oft in Bewegung zu sein scheint, ohne selbst wenig Bewegung der handelnden Personen zu fordern. Freyer will offenbar nur ja keine hehren Gefühle hervorrufen, dafür sorgt er für eine totale Überfrachtung. Und wieder einmal sind Ausstattung und Konzeption wichtiger als die eigentliche Personenführung. Und es bleibt fünf Stunden durchgehend düster, obwohl die Figur des Parsifals eigentlich eine Lichtgestalt sein soll.

Kent Nagano und die Hamburger Philharmoniker musizieren im stoffüberdeckelten Orchestergraben, scheinbar eine gewisse Anleihe aus Bayreuth, schlank, transparent, mit teils reicht breiten Tempi. Es gelingt aber nicht immer, die Spannung von Wagners grandioser Partitur durchzuhalten. Und es fehlt etwas an Klangrausch.

Ein Ereignis ist Andreas Schager in der Titelpartie, der die Rolle 2017 auch schon in Bayreuth sang: Da hört man kraftvolle Töne, makellose Höhen, ein feines Timbre und bewundert sein Stehvermögen. Große Wortdeutlichkeit bringt er auch mit wie fast alle Solisten der großen Partien. Wie beim Gurnemanz von Kwangchul Youn etwa, ebenfalls schon Bayreuth erfahren. Er singt die Partie mit wunderbarem, weichem Timbre.Vladimir Baykov ist ein wie ein Teufel mit blonder Tolle und Riesenkrawatte ausstaffierter, dämonisch und feurig singender Klingsor. Claudia Mahnke bringt die komplexe Figur der Kundry mit eindrucksvollem Spiel und hochexpressiver Stimme auf die Bühne. Auch Wolfgang Koch gefällt als extrem leidender Amfortas. Wunderbar sind auch all die kleinen Rollen besetzt, etwa die Blumenmädchen und auch der Chor der Hamburger Staatsoper (Einstudierung: Eberhard Friedrich) singen tadellos. Nicht immer klappt allerdings die Koordination von der dunklen Bühne herab zum Orchester.

Jedenfalls wurde dieser „Parsifal“ vom Publikum auffällig ausdauernd und geradezu frenetisch bejubelt!

Dr. Helmut Christian Mayer

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