© Michael Pöhn
Gleich drei Rollendebüts gilt es bei der Wiederaufnahme von Richard Wagners Die Walküre an der Wiener Staatsoper zu vermelden. Am gespanntesten und neugierigsten war jenes von Michael Spyres erwartet worden. Und der US-amerikanische Tenor, schon an allen großen Häusern zu erleben, erweist sich als schönstimmiger und durchschlagskräftiger Siegmund mit tollen „Wälse“-Rufen und fast müheloser Höhe. Besonders seine Mittellage erweist sich als ausgesprochen schön. Nur einmal, beim finalen „Wälsungen Blut“ scheint er Mühe zu haben. Erstaunlich auch, dass Camilla Nylund als Rollendebütantin in der Rolle der Walküre-Brünnhilde hier am Haus aufscheint. Selten erlebt man so makellose, hochdramatische „Hojotoho“ Rufe wie von ihr. Sie erweist sich als eine durchschlagskräftige Brünnhilde mit ungefährdeten Spitzentönen. Auch ihre Ausdrucksfähigkeit ist ungemein reich. Im Finale berührt sie mit großem poetischem Ausdruck und innigem Spiel. Gemeinsam mit dem „Wotan vom Dienst“ in allen anderen großen Häusern weltweit aber unglaublich noch nie an der Staatsoper, Michael Volle, beschert sie uns dabei auch szenisch, großes Musiktheater. Der deutsche Heldenbariton zeichnet den Gottvater als älteren und resignierten Mann mit teils geflüstertem Parlando aber doch auch mit weichen aber machtvollen Tönen. „Leb wohl, Du schönes, herrliches Kind“: Besonders in seiner Abschiedsszene von seiner Lieblingswalküre, die ja zu den größten, musikdramatischen Momenten in Wagners Schaffen zählt, kann er tiefemotional faszinieren. Simone Schneider, schon mehrmals am Haus zu erleben, gefällt wieder als Sieglinde mit blühendem, schlankem jugendlichem Sopran. Sie ist der Inbegriff der Wagnerschen Liebenden und singt die Partie mit geschmeidiger Stimme, intensiv bis an die Grenze des Möglichen gehend ohne je forcieren zu müssen. Fricka ist die für diese Rolle mit optimaler Stimmfärbung ausgestattete Szilvia Vörös, gegen die der Göttergatte aber rein gar nichts auszurichten vermag. Günther Groissböck ist ein machtvoller Hunding, vor dessen optisch dargestellter Brutalität man sich auch sehr Fürchten sollte. Er singt ihn mit schwarzem Bass. Die Walküren sind ohne Furcht und Tadel und uneingeschränkt gut.
Auch aus dem Graben erklingt immer wieder Wunderbares: Denn ungemein subtil, mit feinen Nuancen wird hier musiziert.Pablo Heras- Casado atmet aber auch immer mit dem Duktus dieser herrlichen Musik. Mit stets animierender Zeichengebung schafft er, dass die Musiker des Orchesters der Wiener Staatsoper die herrlichen, lyrischen Momente aber auch die großen Klangsteigerungen nutzen. So werden packende Aktabschlüsse und weiträumige Spannungsbögen erzeugt, dabei immer die nötige Transparenz bewahrt und die Sänger fast nie zugedeckt. Der „Sog“ der Wagner-Klänge reißt das Publikum den ganzen Abend mit.
Sven - Eric Bechtolfs Inszenierung wird jetzt in zwei Serien letztmalig am Haus gezeigt. Sie soll von einer Regie von Ersan Mondtag demnächst abgelöst werden. Sie stammt aus 2007 ist unspektakulär. Ohne sich auf politische oder mythologische Deutungen einzulassen, beschränkt er sich einfach darauf, die Gefühle und Beziehungen der Protagonisten in einem kargen Einheitsraum von zweifelhafter Ästhetik (Bühne: Rolf Glittenberg) ohne Angabe einer Zeit und eines Ortes zu erzählen. So gelingt es ihm bei Wotans Abschied von seiner Lieblingswalküre, die auch musikalisch durch sensible Piani zu einem Ereignis wird, ergreifende, tiefe zwischenmenschliche Emotionen zu erzeugen. Spektakulär gelingt mittels Videoeinspielungen auch der finale „Feuerzauber“. Unnötig aufgemotzt wird die Szene jedoch von kleinen Eisenbettchen, Kinderspielzeug oder im Hintergrund vorbeiwandernden Videowölfen oder einem in einem Tuch eingewickelten, toten weißen Wolf. Wie auch der Walkürenritt zu einem lächerlichen Fangenspiel zwischen Kapuzenmännern und blutbefleckten Megären mitten unter Holzpferden degradiert wird.
Zum Finale gab es riesigen Jubel für alle.
Dr. Helmut Christian Mayer
28. Mai 2026 | Drucken

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