"Simon Boccanegra" an der Wiener Staatsoper: Große Gestaltungskraft

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Plácido Domingo ist ein Phänomen. Schon wenn er die Bühne betritt, verströmt er enorme Präsenz und lässt bald das schwerwiegende Schicksal der verkörperten Figur erahnen, und dass nach einer etwa 60-jährigen Karriere. Vor sieben Jahren hat sich der Starsänger nur noch auf die Baritonrollen verlegt und singt jetzt im Alter von bald 80 Jahren auch den unglücklichen, ehemaligen Korsar „Simon Boccanegra“ von Giuseppe Verdi: Allerdings hat die Zeit auch bei ihm Spuren hinterlassen und es fehlt ihm teils an der gewünschten stimmlichen Kraft. Aber noch immer beherrscht er technisch sein kostbares Organ voll. Und wo er an seine Grenzen stößt, wirkt es so, als ob es zur Charakterisierung der Figur notwendig wäre. Bei kleinen textlichen Schwierigkeiten, etwa in der Senatsszene, muss der Souffleur nachhelfen. „Figlia!“ – ungemein zärtlich, als Klangebärde höchster Intensität haucht der Doge dieses Wort, als er unverhofft seine verschollen geglaubte Tochter Amelia wiederfindet: Eine insgesamt ungemein bewegende Szene der Freude und des Schmerzes. Auch seine Sterbeszene ist wunderbar gestaltet. 

Stimmlicher Star des Abends ist zweifellos Günther Groissböck: Er singt den feindseligen Widerpart Jacopo Fiesco mühelos mit allen Höhen und Tiefen seines ausgesprochen noblen und schönen Basses, mit Prägnanz aber auch teils balsamischer Weiche und wunderbaren Phrasierungen. Wie überhaupt zu Beginn einer neuen Direktion, so wie jetzt jener von Bogdan Roscic, eine Reihe von Haus- und Rollendebüts stattfinden, die von einer glücklichen Besetzungshand sprechen. Neu ist der Usbeke Najmiddin Mavlyanov, der den Gabriele Adorno anfänglich ziemlich vibratoreich aber immer mit Schmelz und ungefährdeten Höhen singt. Über einen großen Sopran, der zu großen dramatischen Attacken fähig ist und recht eindimensional, meist im Forte eingesetzt wird, verfügt Hibla Gerzmava als Amelia/Maria Grimaldi. Sie hinterlässt sie zudem zuweilen auch einen angestrengten Eindruck. Markant und kraftvoll hört man Attila Mokus als finsteren Bösewicht Paolo. Solide erlebt man noch Dan Paul Dumitrescu als dessen Komplizen Pietro. Exzellent, stimmgewaltig und homogen singt der Wiener Staatsopernchor (Leitung: Martin Schebesta).

Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper zeigt Evelino Pido durchaus viel Gestaltungskraft und viele vibrierende und feine Nuancen. Er dreht aber manchmal ziemlich so auf, dass es auch die kraftvollsten Stimmen nicht schaffen, durchzukommen.

Das Libretto von Arrigo Boito, in dem es um Betrug, Machtgier und zu spät erkannte Familienbande geht, strotzt nur so vor Ungereimtheiten. Aber das nimmt man gerne in Kauf, denn musikalisch ist Verdis „Simon Boccanegra“ eine wunderbar reife, aber fast ohne Ohrwürmer auskommende Oper. Die Inszenierung von Peter Stein, die erstmalig bei den Salzburger Osterfestspielen 2000, dann beim Maggio musicale 2001 in Florenz gezeigt wurde und danach 2002 an die Wiener Staatsoper übersiedelte, ist zwar nur noch in den Grundzügen rudimentär vorhanden aber immer noch nachvollziehbar: Die krause Geschichte wird in wenigen, einfachsten Kulissen und Versatzstücken sparsamst mit roten Vorhängen, düsteren Lichtstimmungen, oft nur mit Lichtkegel sowie auch Kerzen und Fackeln (Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Moidele Bickel) erzählt.

Dr. Helmut Christian Mayer

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