Schumanns "Faust-Szenen" auf DVD aus Berlin: Ein seltsam konstruierter Hybrid

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Als „beschämend“, ja sogar „skandalös“ bezeichnen so manche Musikwissenschafter die Tatsache, dass die „Szenen aus Goethes Faust“ von Robert Schumann heute beinahe in Vergessenheit geraten sind. Und für Nikolaus Harnoncourt ist das dreiteilige Werk, das auf Johann Wolfgang Goethes „Faust I und II“ basiert, sogar die „grandioseste und vielleicht einzig gültige Faustvertonung“.

Ungewöhnlich ist Schumanns Auswahl der vertonten Szenen aus Goethes übermächtiger Textvorlage: Wir treffen Faust nicht im Studierzimmer an, erfahren nicht, wie er seinen Deal mit Mephisto eingeht, dafür macht die philosophische Schlussszene mit ihrer Erlösungsmystik und dem abschließenden Chor "Alles Unvergängliche ist nur ein Gleichnis" gut die Hälfte des Werks aus. Auch wenn Schumann anfangs gar nicht wusste, wohin ihn dieses ambitionierte Projekt treiben würde, gelten die "Faust-Szenen" heute als eines seiner Hauptwerke, in dem er das reiche Potential vokalsinfonischer, dramatischer Musik in einem ganz einzigartigen Genre ausschöpfte.   

1862 in Köln uraufgeführt, sind die „Faust-Szenen“ weder eine Oper noch ein Oratorium, sie vertonen eben Szenen aus Goethes Jahrhundertwerk und skizzieren die sprachliche Tiefe in allen Klangfarben und Stimmkombinationen aus Solisten, Chor und sehr ausdifferenzierten Orchesterpassagen. Das Werk wurde zur Eröffnung der frisch renovierten Staatsoper unter den Linden in Berlin am 3.10.2017 von Daniel Barenboim und Regisseur und Intendant Jürgen Flimm als geradezu typisches deutsches Thema ausgewählt und es liegt nun 2020 als bei Arthaus Musik erschienene DVD Nr. 109418 vor. Eigentlich war die Wahl recht passend, wenn es bei den musikalischen Szenen geblieben wäre. Der Regisseur jedoch hat aus Gründen „einer dramatischen Transparenz“ die musikalischen Szenen mit schauspielerisch gesprochenen, zusätzlichen sieben, originalen Szenen des "Faust" ergänzt und damit Schumanns Werk so verlängert bzw. ständig unterbrochen.  Das Werk dauert normalerweise zwei Stunden, in dieser Berliner Fassung, aber über drei.  Und so entstand ein seltsamer Hybrid aus Oper und Schauspiel, unter dem Titel „Zum Augenblicke sagen: Verweile doch!“, mit dem man nicht so recht glücklich wird.

Denn Jürgen Flimms Berliner Produktion kann wenig Magie entfalten: Die Sprechpassagen zerlöchern den musikalischen Spannungsbogen und werden zudem stilistisch völlig anders gezeigt. Bunt ist das Treiben auf einer eingeschnittenen, bemalten Guckkastenbühne zwischen deformierten Elfenflügeln, Theatersesseln, maskenhafter Schminke, Perückenschau und allem, was der Kostümfundus so hergibt. Die drei sängerischen Hauptprotagonisten werden von Schauspielern verdoppelt, wobei alle fast ständig doppelt auf der Bühne sind. Die szenische Gestaltung durch Markus Lüpertz bietet auffällige Skulpturen, wie Faune und Torsi, antiken Riesen-Köpfen und Leinwände. Und insgesamt ist die Inszenierung eine chaotische Angelegenheit mit seltsamen, schwer nachvollziehbaren Ideen. Unerklärbare Statisten und Requisiten werden andauernd auf- und abgeschoben

Dafür gibt es auf der musikalischen Seite so manch erfreuliche Leistung: Allen voran ist Elsa Dreisig ein strahlendes Gretchen. Ihr Gesang trifft mitten ins Herz, ihre Artikulation ist lupenrein und neben ihrer lyrischen Qualität ist die Sängerin auch zu glaubwürdigen dramatischen Akzenten in der Lage, sie wird in der finalen Szene als puppenhafte Una Poenitentium wiedergeboren. Ebenfalls bestens disponiert zeigen sich der Kinder- (Einstudierung: Vinzenz Weissenburger) und Staatsopernchor des Hauses(Einstudierung: Martin Wright), während Roman Trekel als Faust einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Darstellerisch gibt er sehr präsent den Denker und Zweifler, sprachlich ist er wortdeutlich aber er singt sich recht eindimensional und angestrengt durch Schumanns Komposition. An seiner Seite agiert René Pape, optisch halb Joker, halb Beetlejuice als Mephisto mit machtvollem Bass. Das übrige Ensemble ist sehr homogen besetzt und tritt meist in mehreren Rollen auf: Katharina Kammerloher gefällt vokal und darstellerisch als Marthe, Sorge und Mater Gloriosa. In den weiteren Frauenpartien sind Evelin Novak, Adriane Queiroz und Natalia Skrycka zu erleben. Als Ariel und Pater Ecstaticus wartet Stephan Rügamer mit hellem Timbre und kultivierter Stimmführung auf, Gyula Orendt ist ein grundsolider Pater Seraphicus.

Das Schauspieler-Trio ist von entsprechender Prominenz: Sven-Eric Bechtolf entledigt sich des Mephisto recht zynisch aber auch auf mutige und energiegeladene Art und Weise, wirkt aber sehr sich selbst überlassen. Meike Droste schnoddert das Gretchen doch etwas zu sehr herunter. Als Faust verlässt sich André Jung auf reduzierte Mittel und seine Ausstrahlung.

Was Daniel Barenboim am Pult seiner Staatskapelle Berlin liefert, ist ein dunkel getönter, recht abgründiger Schumann. Zum Herauskitzeln von Kontrasten, Ecken und Kanten, von Visionären war in der Einstudierung vermutlich zu wenig Zeit. Aber die ordentliche Leistung im Graben überzeugt.

Dr. Helmut Christian Mayer

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