Puccinis "Turandot" in Wien: Musikalisch effektvoll zwischen Realitäten und Traumwelten

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Der Raum ist in magisches Blau gehüllt. Ein Mann steht am Fenster. Es ist Puccini, der mit dem Finale seiner Oper ringt: Es ist ein Anfang, der einem Originalfoto nachgestellt ist. Dann setzt er sich ans Klavier. Er ist rastlos und blättert unruhig in seinen Notenblättern. Dann öffnet er eine asiatische Spieluhr, die das Hauptmotiv aus Turandot spielt. Schnell öffnet er die Partitur, mutiert zu Calaf und das Spiel beginnt. Denn erst jetzt setzen an der Wiener Staatsoper die ersten wuchtigen Töne von Giacomo Puccinis letzter, unvollendeter Oper, die sein Schüler Franco Alfano beendet hat, so wie sie hier auch gespielt wird, ein.

Diesmal hat es sich Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli leicht gemacht. Denn nicht nur der Anfang sondern auch sonst erinnern  alle anderen Bilder und Räume bei dieser Wiederaufnahme der Produktion der der Wiener Staatsoper aus 2016 frappant an seine Inszenierung dieser Oper in Graz von 2014 und teils auch an jene bei den Bregenzer Festspielen vom Sommer 2015. Im ästhetisch durchgestylten, nur zu einem kleinen Teil mit asiatisch stilisierten Ornamenten ausgestatteten Einheitsraum verschwimmt immer wieder die Realität mit einer Traumwelt. Die schiefen Wände und der schiefe Boden, beides verschiebbar, deuten darauf hin. Das chinesische Volk ist ein in festliche Abendroben und Anzüge der 30-Jahre, die Kostüme stammen von Dagmar Niefind, elegantes Opernpublikum, das sensationslüstern auf Theaterstühlen die Show beobachtet. Zur ihrer Unterhaltung tragen eckig tanzende Harlekins aber auch Salti schlagende und Spagat machende Akrobaten, Schwertkünstler und als Highlight die Hinrichtungen der erfolglosen Verehrer der eisumgürteten Prinzessin bei. Die Minister Ping, Pang und Pong in grellbunten Kostümen und Masken wirken im 2. Akt wie Pathologen in einem Seziersaal, wo alle abgeschlagenen Köpfe der Verehrer in Formalinbehältern in Vitrinen ausgestellt sind. Das Finale seiner Inszenierung endet als Massenhochzeit des gesamten Chores und auch von Turandot und Calaf, wobei sich letztere wie ein altes Ehepaar zum Schluss vertraut auf ein winziges Tischchen setzen. 

Zweifellos hat Marelli viele Ideen, die Geschichte der grausamen Prinzessin und ihrer diffizilen Rätsel zu erzählen. Diese sind klar und verständlich jedoch nicht unbedingt neu und erzielen trotz ihrer Symbolik, nicht jene starke visuelle und ästhetische Wirkung, die man sonst von ihm gewohnt ist.

Natürlich sind viele Fans überwiegend wegen ihm gekommen: Immerhin war Roberto Alagna als Calaf angesetzt. Der Starsänger singt die Partie mit einem bis in die höchsten Regionen immer noch sicheren Tenor und verströmte viel Schmelz. Seine Paradearie „Nessun dorma“ gelingt ihm jedoch nicht optimal, zumal er ein schnelleres Tempo als das Orchester anschlägt und den berühmten Spitzenton nur kurz anreißt. Den weitaus größeren Schlussapplaus erhält jedoch Golda Schultz, die bei ihrem Rollendebüt am Haus mit innigem Gesang und Spiel mit ihrem herrlich lyrischen Sopran eine wunderbare Liù gestaltet. Elena Pankratova hat eine Riesenstimme. So schafft sie die schwere dramatische Partie der Turandot mit wagnerischen Anforderungen an Umfang und Tonsprüngen sowie Spitzentönen mühelos. Allerdings weiß ihre Stimme vom Ausdruck her erst zum Finale zu beeindrucken. Ryan Speedo Green ist ein berührender Timur. Solide singen die drei Minister Boaz Daniel (Ping), Carlos Osuna (Pang) und Leonardo Navarro (Pong) sowie Benedikt Kobel als alter Kaiser im Rollstuhl. Stimmgewaltig hört man den Staatsopernchor (Einstudierung: Thomas Lang), der allerdings nicht immer mit dem Graben im Einklang war.

Dort agiert Ramón Tebar, erster Gastdirigent des Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia und Musikdirektor des Orquesta de Valencia. Er setzt Puccinis Partitur im Orchester der Wiener Staatsoper mit teils zugespitzten Tempi aber immer delikat und feinschillernd mit exotisch-koloristischen Klangwirkungen um. Wie wohl der Phonpegel bei den Forte-Stellen manchmal recht gewaltig und sehr auf Effekt fokussiert ist und er es den Sängern dadurch nicht immer leicht macht, wird stets ungemein effektvoll und spannend musiziert.

Das Publikum zeigt sich von allen Bereichen begeistert. Es jubelt!

Dr. Helmut Christian Mayer

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