Puccinis „Tosca“ am Theater an der Wien: Grausamkeiten im Schneesturm

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Es schneit, der Wind heult, es wütet ein richtiger Schneesturm. Hinten steht ein schäbiger, alter Wohnwagen. Mittig zwischen mehreren Schneehäufen sieht man einen knorrigen, abgestorbenen Baum, an dem mehrere abgetrennte Gliedmaßen herunterhängen und ein menschlicher Torso angebunden ist. Davor steht ein kleines, unscheinbares Kreuz mit einem winzigen Madonnenbild, links davon eine Staffelei mit Bildern. Jeder wird sich jetzt fragen, welche Oper so beginnen könnte. Erraten, natürlich Giacomo Puccinis „Tosca“ in der Sicht von Martin Kusej, die jetzt als Neuproduktion am Theater an der Wien gezeigt wird. Es gibt natürlich weder eine zeitliche noch überhaupt eine Verortung. Es gibt natürlich keine Kirche, keinen Palazzo Farnese und keine Engelsburg. All dies spielt im Nirgendwo. Dieses trostlose Ambiente wirkt wie ein apokalyptisches Endzeitbild (Bühne: Annette Murschetz).

Hier kriecht gleich zu Beginn im Schnee frierend und nur mit blutgetränkter Unterwäsche bekleidet Angelotti herum. Ein abgetrennter Arm wird hereingeworfen, der sofort von einem Schäferhund geholt wird. Entbehrliche Idee! In diesem Wohnwagen „residiert“ Scarpia und erscheint im edlen, grauen Wolfspelz, weißem Pullover und weißer Hose (Kostüme: Su Sigmund). Beim „Te Deum“ wird er den knorrigen Baum besteigen.

Tosca wird vor allem im zweiten Akt auch optisch wie ein Flittchen dargestellt, die sich Scarpia, sie hatte nach der Lesart des Regisseurs schon vorher mit ihm ein sexuelles Verhältnis, stets anbietet und ihn verführen will. Ein Tiefpunkt ist, wenn sie in schwarzen Strümpfen und nur mit einem Body bekleidet auf Scarpias Schoß reitet und mit dem Rücken zum Publikum ihr berühmtes „Vissi d’arte“ singen muss. Ein fataler Regiefehler! Sie tötet Scarpia erst aus Eifersucht, als dieser die Gräfin Attavanti, die in dieser Produktion immer wieder meist blutverschmiert durchs Bild geistert, küsst. Natürlich begeht Tosca nicht Selbstmord, sondern wird von der Attavanti mit drei Schüssen erschossen. Ständig rennen Schergen in schwarzen Kampfanzügen mit schwarzen Masken und Maschinenpistolen herum. Das Volk ist zuerst ärmlich in Lumpen beim „Te Deum“ zu erleben, am Ende wirken sie wie Zombies aus einem Horrorfilm.

Der österreichische Regisseur, er ist auch Direktor des Wiener Burgtheaters, scheut sich auch nicht, Eingriffe ins Libretto vorzunehmen und den Text teilweise oder zumindest in den Übertiteln an die stattfindenden Gegebenheiten zu adaptieren. Hauptsache es ist anders? Kusej will offenbar unfassbar zeitgeistig und modern sein, zielt dabei aber völlig vorbei. Er gibt Rätsel über Rätsel auf. Das Sammelsurium an Ideen wirkt wie ein Stückwerk und fügt sich nicht zu einem Ganzen. Seine konzeptionellen Ideen gehen nicht auf und auch die angedeuteten möglichen Beziehungen zwischen den Protagonisten werden nur halbherzig angeleuchtet.

Musikalisch hingegen konnte man mehr als zufrieden sein. Marc Albrecht, recht kurzfristig eingesprungen für den ursprünglich vorgesehenen Ingo Metzmacher, am Pult des ORF Radio-Symphonie-Orchesters Wien, versteht er es, mit geschärfter Dynamik eine konstante Spannung zu erzeugen, die jedoch manchmal etwas zu grob und zu überhitzt laut wird. So fehlt es etwas an duftiger Klangschönheit und durchhörbarer Zartheit.

Kristine Opolais spielt und singt die Titelheldin mit höchster Expressivität und Dramatik bis zur Selbstaufgabe mit ihrem zeitweilig etwas herben Sopran. Ihre Darstellung geht unter die Haut. Eine Entdeckung ist der erst 34-jährige US-Amerikaner Jonathan Tetelman, dessen ausgesprochen schöner Tenor über viel Schmelz und mühelose Höhen verfügt und der auch das „Vittoria!“ wie auch alle anderen Spitzentöne strahlend und nur manchmal mit Überdruck schmettern kann. Die Melodie des Hirten singt er auch gleich selbst. An seiner Darstellung sollte er noch arbeiten. Gábor Bretz ist ein cooler, eleganter, sehr zynischer Scarpia, der auch über eine feine, baritonale Eleganz verfügt. Ivan Zinoviev ist ein kernig singender Angelotti. Tadellos hört man auch den Arnold Schönberg Chor (Leitung: Erwin Ortner), es gibt keinen Kinderchor. Von guter Qualität erlebt man die vielen kleineren Rollen: Andrew Morstein ist ein solider Spoletta. Rafal Pawnuk mit Pistole und Schlagstock bewaffnet ist nicht nur der Sciarrone sondern auch der Mesner und der Gefängniswärter zum Finale. Als Mesner ist er bekleidet wie ein schräger, mit Federschmuck und Pelzmütze bestückter Schamane, der an jene Figur erinnert, die an der Erstürmung des Kapitols beteiligt war. Er ist es auch, der Cavaradossi erbarmungslos und verächtlich allein mit einer Pistole zum Schluss hinrichtet.

Jubel gab es nur für die Sänger, den Dirigenten und das Orchester. Ein Buhorkan ertönte, als der Regisseur erschien, den dieser aber sichtlich lächelnd genossen hat.

Dr. Helmut Christian Mayer

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