Massenets "Thaïs" aus dem Theater an der Wien: Kitschfreie, starke Klänge und Bilder

Xl_thais-wien-4-21-5

Es ist dieser berühmte, unwiderstehlich süße, ja fast schmalzige Ohrwurm „Méditation“, ein beliebtes Konzertstück mit dem berührenden Violinsolo von der Konzertmeisterin Maighréad McCrann auch wunderbar gespielt, das jeder kennt und das in keinem Wunschkonzert fehlen darf. Und diese Melodie zieht sich leitmotivisch durch die ganze Oper „Thaïs“, die hingegen kaum jemand kennt und die auch kaum gespielt wird. Dabei enthält diese Oper von Jules Massenet, dieUraufführung fand 1894 in der Pariser Garnier-Oper statt, auch sonst wunderbare, hochromantische Musik. Und sie wirkt umso mehr, wenn sie so musiziert wird, wie jetzt am Theater an der Wien, das dieses Werk nach einer Aufzeichnung auch im TV zeigte und wovon ebenso eine DVD produziert wird.

Denn das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Leo Hussain erweist sich als subtiler Sachwalter von Massenets vielfach unterschätztem, hier etwas gestrafftem Juwel und der manchmal etwas süßlich anmutenden Partitur: Feines, französisches Parfum mit vielen, samtigen Schattierungen wird ebenso versprüht, wie farbig-poetische,raffinierte aber durchaus auch kraftvolle Klänge. Und so entsteht von Anfang an eine herrliche atmosphärische Stimmung ohne ins Kitschige abzugleiten.

Exzellent sind die beiden Sänger der Hauptpartien: Makellos mit warmen Farben und glänzenden Höhen aber auch dramatisch lodernd singt Nicole Chevalier die anspruchsvolle Partie der bekehrten Edelprostituierten Thaïs.Auch mit ihrem ausdruckstarken Spiel bringt sie alle Fassetten der Figur wie Hure, Bekehrte und Sterbende. Josef Wagner besticht mit seinem sinnlichen Bassbariton, der den langen Kantilenen des Einsiedlermönchs Athanaël sanfte Schönheit und edle Eindringlichkeit verleiht. Beide Sänger bieten ausgefeilte Rollenporträts. Die einzige weitere größere Rolle, die des Lebemanns Nicias, ist beim flexiblen Charaktertenor von Roberto Saccà in besten Händen. Auch die vielen kleine Rollen gefallen und der Arnold Schönberg Chor agiert und singt wieder einmal glänzend.

Wenn es also nicht an der Musik liegt, dass das Werk nicht sooft aufgeführt wird, kann es wohl nur am Inhalt liegen, denn der ist wirklich schwer nachvollziehbar. So handelt Massenets Vertonung des Romans von Anatole France (das Libretto stammt von Louis Gallet) von der ägyptischen Nobelkurtisane Thaïs, die von einem Jugendfreund Athanaël, bekehrt wird. Dieser hat sich als Mönch dem Glauben verschrieben und ist für die weltlichen Begierden blind geworden, durchbricht aber seine Starrheit und findet die irdische Liebe knapp vor ihrem Tod wieder.

Alle tragen Engelsflügel, die Mönche schwarze, Thaïs plüschige-rote. Und bald huscht sie schon zu Beginn über die schlafenden Mönche in der asketischen Wüstenlandschaft hinweg. Minimalistisch nur in einem Halbrund in verschiedenen Farben beleuchtet, sieht man dann als Kontrast eine elegante, exaltierte Gesellschaft und leicht bekleidete Mädchen in einer Villa und schließlich eine unbestimmte Ödnis zwischen Leben und Jenseits auf einer hässlichen Müllhalde im letzten Bild (Ausstattung: Johannes Leiacker). Darin zeigt Peter Konwitschny mit ganz wenigen Versatzstücken ohne orientalischen Pomp, deine reduzierte, kitschfreie Version des schwülstigen Fin-de-siècle-Dramas. Sowohl das Ballett ebenso wie einige andere Szenen sind gestrichen. Der deutsche Regisseur fokussiert sich in seiner präzisen Personenführung ganz auf das ideologische und emotionale Duell zwischen der Titelfigur und dem Mönch. Mit dem Verlust der Flügel etwa in der Mitte des Abends beginnt die leidvolle Menschwerdung. Konwitschny schafft es, mit wenigen Mitteln, große Oper und starke Bilder zu machen. Etwa im Finale, wenn sich für Thaïs und Athanaël in der Wüste der Moment der Wahrheit auftut, als der Augenblick, in dem beide den Irrtum ihres Lebens erkennen.

Dr. Helmut Christian Mayer

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading