Inszenierte Tschaikowski Romanzen an der Oper Frankfurt: Intime, feine Liebesschattierungen

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Ein mit altmodischem Muster grau austapezierter Raum, antike Stühle und Tische, brennende Kerzenleuchter, ein großer Kristallluster von der Decke hängend, ein riesiger Bilderrahmen im Hintergrund, auf den große Porträts eines Mannes, der Hauptperson, projiziert werden: Das ist die Wohnraumatmosphäre, die Herbert Murauer für die drei Männer und zwei Frauen erdacht hat, die sich hier aufhalten und unterschiedlichste Gefühle haben. „Nur wer die Sehnsucht kennt“ heißt das Motto dieses Liederabends aus der Frankfurter Oper, bei dem ausschließlich Lieder von Peter Iljitsch Tschaikowski präsentiert werden. Christof Loy schaffte die schwierige Aufgabe, einen ganzen Liederabend solcher selten gespielten Romanzen durch zu inszenieren, der jetzt Pandemie bedingt live ohne Publikum gestreamt wurde. Dabei ging es um Liebe in den verschiedensten Fassetten: Um unterdrückte Emotionen, um rauschhafte Momente, aber auch um Traurigkeit, um gescheiterte Beziehungen und die damit verbundene Einsamkeit. Dadurch entstanden dynamische zwischenmenschliche Beziehungen, in denen sich die einzelnen Figuren lieben, verachten und verklären. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der über seine diversen Liebesbeziehungen reflektiert. Er macht dies gemeinsam mit den anderen Figuren, die beiden anderen Männer sind eine Art Alter Ego der jüngeren Generationen, die aber auch in die Zukunft blicken. Eine Frau ist als ätherisch, die andere moderner unnahbar gezeichnet. Neben den überwiegend melancholischen Stimmungen, gibt es aber auch kurze Momente der Ausgelassenheit wie ein aufgekratzter Tänzchenreigen auf Tschaikowskis „Dornrö zu;schen“-Finale. Gelungen ist Loy ein feingezeichneter, intimer und berührender Abend.

Dafür sorgt auch die Auswahl der 24 Lieder, von über einhundert, als „Romanzen“ bezeichnet, die Tschaikowski über diese unendlichen Ausformungen der Liebe geschrieben hat, und zwar mit einer stilistischen Vielfalt wie kaum ein anderer russischer Komponist. Gewählt wurden von ihm Texte von Dichtern, die leicht erklärbare Sujets vermieden. Das Ungesagte drückte er musikalisch aus, was ihn ungemein populär machte. Diese Romanzen sind in Russland im Gegensatz zu Westeuropa fest im Repertoire verankert. Ergänzt wurde der Abend durch kurze Klavier- und Kammermusikwerke.

Die ausgewählten, meist in Moll gehaltenen Romanzen wurden von fünf Sängern, großteils solistisch aber auch als Duette und sogar Quintett in höchster Qualität dargeboten:Herausragend faszinierte Vladislav Sulimsky als sehr präsente Hauptfigur mit wohltimbriertem, nuancen- und emotionsreichem Bariton, der „Wieder wie einstmals allein“ wunderbar zum Finale sang. Er ist eine dunkle Erscheinung eines tragischen Mannes, der nach Gutsherrenart Stiefel zum Smoking trägt.Auch der junge Mikołaj Trąbka wusste mit hellerem Bariton seelenvoll zu singen. Andrea Carè gefiel mit tenoralem Schöngesang und starker vokaler Präsenz. Olesya Golovneva konnte mit ihrem farbenreichen, in den Höhen etwas scharfem Sopran, Kelsey Lauritano mit ihrem Mezzosopran zu faszinieren. Mariusz Kłubczuk und Nikolai Petersen überzeugten mit differenzierter aber einfühlsamer Begleitung am Klavier.Für eine Art Intermezzo in der Mitte des Abends sorgte ein Satz aus dem Sextett „Souvenir de Florence“ ebenfalls von Tschaikowski aus dem Off. Dabei wurden die entsprechenden Streichinstrumente und Notenpulte sinnig auf das sich öffnende Bild im Bilderrahmen verteilt. Wie gut, dass es in Zeiten der Pandemie wenigstens digitalen Trost gibt!

Eine DVD ist in Planung. Der Liederabend kann noch bis 25.6. nachgesehen und -gehört werden: www.frankfurt-oper.de

Dr. Helmut Christian Mayer.

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