Viel nackte Haut viel Blut viel Brutalität -Tosca ohne Grandezza in München

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Giacomo Puccini Tosca Bayerische Staatsoper 9.4.2026

Viel nackte Haut viel Blut viel Brutalität- Tosca ohne Grandezza in München

Kornel Mundruczo ist ein ungarischer Filmregisseur, der in seiner Inszenierung der Oper Tosca von Giacomo Puccini aus 2024 seine Begeisterung für Piero Paolo Pasolini einzusetzen versucht. So wird der Maler Mario Cavaradossi zum Filmregisseur als optische Kopie von Pasolini, statt in einer Kirche sind wir bei Dreharbeiten in einem großen Raum mit mächtigen Portalen, einem Spiegel und einem futuristischen Leuchter von der Decke. Hektisch wird am Set gearbeitet und versucht Filmszenen aus Pasolinis Arbeiten mit viel Nacktheit nachzustellen. Der flüchtende Angelotti findet nicht wirklich Platz hier und versteckt sich in einer Kiste. Scarpia erscheint mit ein paar Carabinieri in Uniform. Es wird ausufernd brutal mit den Menschen am Set umgegangen und zum Finale auf diese eingeschlagen.

Scarpias Palast ist der Pariser Wohnung von Maria Callas nachempfunden. Fauteuils, Vorhänge und Kristalleuchter schmücken den Guckkasten, der in die Bühnenmitte gefahren wird. Zur Folterszene wird der Raum hochgefahren und gibt den Blick auf einen Glaskasten frei. Mit roter Farbe und kräftigen Gesten werden schmerzhafte Schläge angedeutet.

Zurück im Ausgangsraum wird ein Gefangnishof nachgestellt, wieder werden Mitinsassen gedemütigt. Zur Glanzarie "E lucevan le stelle" wird der Zuschauer mit Videos zugedönst, sodass die Wirkung dieses Höhepunktes untergeht. Die Hinrichtung findet wiederum in der Folterkammer statt. Viel Blut sprizt an den Wänden, nach Toscas Sprung in den Tiber wird nochmals nachgelegt.

Insgesamt bildet die Umsetzung einseitig Pasolinis extravagante Filmkunst, seine politische linke Haltung und seine Konfrontation mit der Obrigkeit ab, die Liebesgeschichte wird ohne Grandezza erzählt.

Am Pult zeigt sich Marco Armiliato von der Rohheit angesteckt und lässt das Bayerische Staatsorchester mächtig und sehr laut aufspielen. Nicht ohne Wirkung. Er baut Spannung und Dramatik auf, lässt wenig Verschnaufpausen zu.

Für die Sänger ist der Klangteppich so üppig bemessen und herausfordernd. Doch es gelingt ihnen ausnahmslos, sich gut zurechtzufinden. Ailyn Perez Ist eine natürliche Persönlichkeit auf der Bühne. Ihre Tosca ist weltoffen, weiblich temperamentvoll. Ehrlich wirkt ihre Liebe und Eifersucht. Scarpias mit Macht durchgesetzte Begierde steht sie hoheitsvoll gegenüber. Im Mord kommen die Emotionen hoch. Sie hat eine prägnante Stimme, voll und eher dunkel gefärbt, flexibel in den Höhen. Hier kann sie mächtige Töne ohne schrill zu werden setzen. In der kraftvollen Höhe steht ihr Najmiddin Mavlyanov in nichts nach. Sein Tenor ist klar und natürlich mit wenig samtenen Timbre aber gut führbar bis in die Spitzentöne ohne Druck. Schauspielerisch bleibt er statisch, nicht wirklich eine italienische Ausstrahlung für diese doch zentral auf seine Rolle geschneiderte Regiearbeit. Süffisant selbstverliebt ist der Scarpia von Ludovic Tezier. Ein Machtmensch, der sich darin sonnt andere zu verletzen. Stimmlich schafft er eine großartige Darstellung. Roman Chabaranok singt einen jungen wenig gemarterten Angelotti fein und solide. Hervorzuheben ist auch der Solist des Tölzer Knabenchores als Hirte. Leider geht sein reiner gut intonierter Gesang in der sinnlosen Videoflut unter. 

Dr. Helmut Pitsch

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