Opera Incognita Aida entspringt dem Museum und wird zurückgebracht

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Opera Incognita sucht das Ausgefallene. Sowohl in Werken als auch in Aufführungsorten. Ohne festes Haus trifft das opernbegeisterte Münchner Publikum das freie Opernensemble an besonderen Spielstätten. Das architektonische Juwel Müllersche Volksbad diente bereits als Bühne genauso wie der große Hörsaal der Universität München. Diesmal wird das ägyptische Museum in München gefunden. Über eine grosse Freitreppe geht es in den Untergrund. Das Ägyptische Museum befindet sich im ausgedehnten Untergeschoss der neuen Filmhochschule. Ein übermächtiger Steinquader umgibt den unscheinbaren Eingang. Sofort fühlt sich der Besucher vor den mächtigem Tempelanlagen des antiken Ägyptens. Insofern ist die Auswahl der Oper Aida für diesen Rahmen logisch. Die Aufführung findet aber in einem leeren langgestreckten Saal, einem Nebenraum des Museum für Sonderausstellungen statt. Nüchtern ist der Betonbau, ein paar Sesselreihen für die Besucher in der gesamten Länge sind aufgestellt. Das kleine Orchester umfasst 13 Musiker und ist am rechten Saalende plaziert. Schwarze Stoffwände decken die Glaswände ab.

 

Die gemeinsame Probenarbeit heben die Gründer und Treiber, der musikalische Leiter Ernst Bartmann und der Regisseur Andreas Wiedermann als besonderen Konzeptgedanken von Opera Incognita hervor  Sie suchen die ideale Symbiose zwischen Musik und Inszenierung für das etablierte aber auch insbesondere für ein neues und jüngeres Publikum. Gemeinsam haben sie am Mozarteum in Salzburg studiert und seit 2005 arbeiten sie in den Projekten von Opera incognita zusammen. In den letzten Jahren hat sich diese Zusammenkunft von musikbegeisterten und erfahrenen Musikern einen erstklassige Reputation erspielt und die seltenen außergewöhnlichen Aufführungen sind immer restlos ausverkauft, Zusatzvorstellungen und Sitzplatzergänzungen die Regel.

 

Vielfältig sind wiederum die Regieideen von Andreas Wiedermann. Viel Raum nimmt die Antike in seiner Umsetzung der Liebesgeschichte von Aida und Radames ein. Inspiriert von den Zeichnungen und Friesen des alten Ägypten lässt er die Sänger und den Chor an die lange Betonwand gebannt in bildhaften Posen auftreten. So wie wir es von den Ausstellungsstücken nebenan kennen. Der Bezug zum Museum wird in einer eingefügten Ebene raumgreifgend ergänzt. Zwei Museumsangestellte schieben zur Ouvertüre ein vermeintliches antikes Fundstück auf einem Rolltisch herein. Die Beschreibung wird an die Wand projiziert. Sand aus Ausgrabungsorten wird an das Nilufer gekarrt. Nicht immer logisch gelingt die Überlappung der Ebenen, aber zumindest immer effektvoll. Das Schlussbild überzeugt. Aida und Radames werden in Leinen eingewickelt wie Mumien und Goldmasken aufgesetzt. Neugierige Museumsbesucher schleichen vorbei und betrachten die Beiden wie Ausstellungsobjekte.

 

Auch der italienische Freiheitskampf und die politische Bedeutung  Giuseppe Verdis finden humorvoll Eingang. Der Freiheitskämpfer Garibaldi wird als Puppe zum Triumphmarsch in einer Ausstellungsvitrine aufgefahren. Auch Giuseppe Verdi wird vorbeigeschoben, darf aber auch noch seinen Ausspruch "Kehren wir zur Antike zurück – das wäre Fortschritt " an die Wand heften. Erheiterung erzeugt der Einfall des Regisseurs die Sklaven mit roten  Schildmützender Gewerkschaft  ver.di   in die Freiheit zu entlassen. Auch musikalische Brücken werden zur Antike durch orientalische Klänge und Trommelschläge gebaut. Aber alles findet sich unauffällig harmonisch ineinander und überfrachtet nicht. Der Handlungsablauf hängt am Libretto.

 

Unterstützt wird der musikalische Leiter Ernst Bartmann von einem großen engagierten Chor aus Laien und Musikstudenten und einem kammermusikalisch besetzten Orchester. Zaghaft klingen die ersten Töne an, hungrig die ersten Violinenstriche - die ersten und zweiten Violinen sind jeweils nur mit einem Musiker besetzt - aber der romantische farbenreiche Verdiklang entsteht langsam. Das Blech schmettert heroisch, das Schlagwerk trommelt eindringlich. Es entsteht die gewünschte Opernatmosphäre. Der reduzierte Klangkörper trumpft nicht mit kraftvollen Tutti auf, nein es geht um Gefühle und Kontraste. Die Gestaltung ist bestens auf die akustischen Möglichkeiten des Raumes abgestimmt.  

 

Kristin Ebner studierte bei bekannten Sängerpersönlichkeiten wie Gabriele Schnaut oder Siegfried Jerusalem. Sie verleiht ihrer Aida viel Dramatik in der Interpretation mit ihrem kraftvollen dunklen Sopran. Mit sanften Druck windet sie sich in die hohen Lagen, wirkt aber immer sicher in der Intonation, ihr Volumen füllt den Raum ohne Schrille.  Wehmut und Verzweiflung ziehen in ihrer Nilarie spürbar auf. Gut einstudiert überzeugt Anton Klotzner als Radames, der seinen Tenor sicher und mit Sorgfalt bis zum Ende gehaltvoll präsentiert. Auch Klangfarben kommen nicht zu kurz auch wenn seine Stimme nicht mit sattem warmen Timbre unterlegt ist. Carolin Ritters heller frischer Mezzo lässt Amneris nicht als die rachsüchtige mächtige Pharaonentochter trumpfen. Besser verzehrt sie sich in ihrer unerfüllten Liebe. Gegen die Stimmenmacht der meist im forte singenden Aida setzt sie so gefühlvolle Momente. Viel Aufmerksamkeit und Raum gewinnt Robson Bueno Tavares mit seiner Darstellung des Ramfis. Der Brasilianer setzt seinen Bariton gehaltvoll ein und gibt im herrschaftliche Würde. Torsten Petsch überzeugt mit einer ausdruckstarken Gestik und feinen Gesang als Amonasro.

 

Am Ende gibt es wiederum viel Beifall für einen außergewöhnlichen Opernabend, ganz nach dem Muster von Opera Incognita. Ausgefallene Orte, einfache Mittel, intensive Personenregie und höhe Qualität der musikalischen Interpretation.

 

 

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