Nabucco in Jerusalem Die richtige Oper am rechten Ort

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JERUSALEM / ISRAEL: NABUCCO – Premiere am 20. Juni 2019

 

Einmal im Jahr führt die Israeli Opera Tel-Aviv-Yafo eine out-door opera auf, wie man hierzulande zu dem sagt, was wir in Europa gemeinhin als open air performance bezeichnen. Dieses Jahr war es im Rahmen des Opera Festivals in Jerusalem - In Memory of Alfred Greenberg, eine einmalige Aufführung von Giuseppe Verdis „Nabucco“ in einem kleinen Tal, dem sog. Sultan‘s Pool unterhalb der Mauern der Old City of Jerusalem unweit des David Towers. Das ist auch nicht weit von der Stelle, an der einst der mystische Palast des Königs Salomon gestanden hat, der gerade wieder in der „Frau ohne Schatten“ in Wien von der Kaiserin so pathetisch besungen wurde. Es ist Verdis „jüdische Oper“, die von der Zerstörung eben dieses ersten großen Tempels der Juden, des Tempels Salomons, 586 v.Chr. durch Nebukadnezar II. (Verdis Nabucco) und die darauf folgende Verschleppung der Juden in die babylonische Gefangenschaft handelt. Alles, was vom Palast Solomons nach der babylonischen und der römischen Zerstörung (im Jahre 68) des Wiederaufbaus durch König Herodes vor etwa 2000 Jahren noch geblieben ist, ist der Western Wall, die westliche Außenwand, eher bekannt als Klagemauer. Seit über 2000 Jahren sind ihre alten Steine für die Juden Zeugen einer glorreichen jüdischen Vergangenheit, ein stolzes Erbe und stehen für eine außergewöhnliche nationale Wiedergeburt. Die Klagemauer ist der Fokus jüdischer Wünsche  und Gebete für Erlösung und Erneuerung. Es ist beeindruckend, das zu erleben.

Also die richtige Oper am richtigen Ort! Etwa 5.000 Besucher kamen in das ausverkaufte künstlich errichtete Halbrund mit großer, an ein Pop-Konzert erinnernden Bühne, und erlebten eine traditionelle, aber mit geschickten Licht- (Keren Granek) und Bühnenbildeffekten spannend gestaltete Inszenierung von Gadi Schecter. Es war also eine eigene Produktion der  Israeli Opera Tel-Aviv-Yafo, die pro Saison sieben Neuinszenierungen zeigt, davon drei eigene und vier entweder gemietete oder in Koproduktion entstandene Produktionen. Hinzu kommt eine out-door opera.

Schon vor Beginn erkennt man das Bühnenbild von Niv Manor als einfachen, wie ein großer Schiffsbug wirkenden Aufbau, und man wähnt sich schon in R. Wagners Frühoper „Der Fliegende Holländer“ – hier allerdings noch völlig undenkbar. Im Laufe des Abends entpuppt sich dieser Aufbau jedoch zu einer vielseitig nutzbaren Spielfläche mit vielen Ebenen, die nicht nur die Protagonisten hervorheben, sondern auch einige stark wirkende Bilder für den in der Tiefe ansteigend platzierten Chor mit immerhin 64 Sängern ermöglichen. Die exzellente Wandelbarkeit des Bühnenbildes wird durch Rotation vollzogen, ohne dass diese - wie so oft, wenn Regisseure eine Drehbühne bekommen - je überhandnimmt. Gadi Schecter sorgte durch eine dramaturgisch stets nachvollziehbare und ausgefeilte Personenregie für intensive Aktion, bei der das Rollen-erfahrene Protagonisten-Team sicherlich eine große Hilfe war. Nur gelegentlich wurde das Bild etwas statisch stereotyp, am ehesten in den großen Tableaus mit Solisten, Chor und Statisten. Man erlebte ein völlig werkgetreues story telling, wie es bei solchen Veranstaltungen, in die viele Nicht-Opern-Geher kommen, üblich ist. Sogar der Götze, eine Art Adler, war zu sehen und wurde nach Nabuccos Wiedererstarken von diesem in graue Trümmer geschossen. Er sank dann auf Raten in sich zusammen…

Die antiken, aber geschmackvoll passenden Kostüme entwarf Ula Sheytsov. Für das hier wegen des doch relativ weit entfernten Rundes mit dem Gros der Zuschauer wichtige, auf Mikroports bauende Soundsystem, zeichnete Yuval Zilberstein verantwortlich. Die Klangqualität war hervorragend.

Der Rumäne Ionut Pascu glänzte als Nabucco mit einem warmen und wohlklingenden Bariton, genau geeignet für das italienische und wohl auch französische Fach. Der erst 41jährige verfügt bereits über ein umfangreiches Rollenrepertoire von fast 40 Partien, darunter auch Scarpia, Don Giovanni und Holländer (2011-12 in Bukarest) und begann seine Sängerkarriere bereits mit 18. Neben Gesang studierte er auch sechs Jahre Orchesterdirigieren. 2005 wurde er Solist an der Bukarester Oper, wo er noch heute regelmäßig auftritt. Pascu gestaltete den Nabucco ebenso souverän als mächtigen babylonischen König wie in seiner Demut als gefallenen Egomanen. Ira Bertman beeindruckte mit einer stimmstarken, wenn auch in den dramatischen Höhen etwas schrillen, ebenfalls äußerst souverän auftrumpfenden Abigaille, gegen die Fenena keine Chance haben konnte. Simon Lim sang einen charaktervollen, stimmlich etwas rauen Zaccaria mit großer Würde. Domenico Menini war ein etwas blass bleibender Ismaele mit klangschönem, aber etwas kleinem Tenor. Shay Bloch, die den Pagen in der „Salome“ in Tel Aviv im Januar gab, glänzte als, betroffene Fenena mit einem ausdrucksvollen Mezzo und devoter Interpretation der Rolle. Ihre Rettung durch Nabucco kam sprichwörtlich in letzter Sekunde, als sie den Kopf schon auf dem Henkertisch hatte und dieser - Gott sei Dank - etwas zu ausgiebig sein Schwert schwang. Als er seine Chancen, den finalen Schlag zu setzen, verunmöglicht sah, zog er sich gemächlich in die Reihen der Soldaten zurück. Man wird sicher nochmal gebraucht…

Der junge Yuval Zorn dirigierte mit viel Emphase und exaktem Schlag das Opera Orchestra - The Jerusalem Symphony Orchestra und den von Ethan Schmeisser bestens einstudierten und choreografierten Israeli Opera Chorus. Der berühmte Gefangenenchor wurde zweimal in unterschiedlicher Choreografie gesungen, für mich ein Novum dieser Szene. Zunächst kauerten die Sänger im weiten Rund des ansteigenden Bühnenaufbaus und stellten während des Gesangs einen großen Judenstern auf. Zur Wiederholung wandten sie sich dann dem Publikum zu, eine Art Appell, den eine solche Chorpositionierung immer bewirkt oder bewirken soll. Das Publikum war begeistert und spendete langanhaltenden Applaus, am Schluss auch allen Solisten und dem leading team.

Zach Granit, der Generaldirektor der Israeli Opera Tel-Aviv-Yafo, hatte mit der Wahl dieses Werkes für die open air Vorstellung offenbar den Nagel auf den Kopf getroffen.

Klaus Billand

   

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