München Nationaltheater Il Trovatore russische Eleganz und amerikanische Masse

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Die monumentale Inszenierung von Olivier Py aus dem Jahr 2013 fordert den Betrachter. Das Schicksal kommt hier wahrhaft unter die Räder. Der Franzose bringt jedes Detail dieser komplexen Geschichte samt der Vorgeschichte auf die Bühne. Immer wieder taucht die alte Hexe auf, die all das Unglück verursacht hat. Verstohlen schleicht sie im dunklen langen Kleid mit rotem Strick um den Hals herum und mischt sich unter die Handelnden. Auch die Darstellung ihrer Verbrennung am abstrakten Scheiterhaufen wiederholt sich mehrmals. Dazu tanzt ihre junge Tochter Azucena mit zwei Neugeborenen herum, wiegt sie in ihren Armen und auch an der Geburt ihres Sohnes dürfen wir kurz dabei sein. Das Ganze auf einer mächtig bebauten Bühnenmaschinerie, die sich ständig dreht, teilt und so neu gestaltet. Der Auf au erinnert an die Zeit der Industrialisierung. Grosse laufende Zahnräder sind wesentlicher Bestandteil, auch eine Dampflokomotive gehört dazu. Das Schicksal dreht sich unaufhörlich und die Vergangenheit holt die Handelnden geschichtsträchtig immer wieder ein. In Einzelnen Guckkasten spielen sich Szenen ab, der Chor füllt laufend seitliche Tribünen.

Die Bühne sowie die Kostüme gestaltete Pierre Andre Weitz. Er steckt die Zigeunerin in ein elegantes langes schwarzes Kleid mit Spitzen und Zylinder, den Grafen Luna in edlen schwarzen Gehrock und Manrico in Lederjacke oder Ledermantel. Leonore trägt auch schwarz und wird hier verfremdend zur blinden Schönheit. Für diese Wiederaufnahme wurden durchgängig neue Sänger engagiert zum Teil erstmals in München präsent.

So der Amerikaner Russell Thomas als Manrico. Mit umfangreichen Körpervolumen würde man hier eine kräftige, wohlgeformte Stimme erwarten. Die Mittellage ist gut anzuhören, seine Höhe ist gepresst und dünn, die Tiefe schwammig, so wie auch seine Italienisch Kenntnisse. Zudem ist seine schauspielerische Leidenschaft nicht erkennbar. Zumeist steht er statisch da und atmet sichtbar um seine Töne laut klingen zu lassen. Ebenso massig ist Jamie Barton als Azucena. Die junge Amerikanerin verfügt über eine kraftvolle warme Stimme, wobei manche Höhen unsicher klingen. Demgegenüber stechen die aus dem Osten stammenden Sänger hervor. Krassimira Stoyanova ist eine formvollendete junge Adelige. Elegant in ihren reduzierten Bewegungen gibt sie die edle Blinde, die sich für ihren Geliebten opfert. Bewegend aber auch kämpferisch ihre letzte Arie. Die Spitzentöne trifft sie wohlgeformt und fällt gekonnt die Tonleiter hinunter. Mit leicht dunklem Timbre färbt sie das Rollenbild zur durch das Schicksal Geläuterten. Igor Golovatenko überrascht sehr erfreulich als mächtiger Bariton, der mit viel Schmelz seine emotionalen Regungen ausfüllt. Eine wahre Freude ist das Duett der beiden im letzten Akt und zieht die Zuhörer in ihren Bann. Auch den beiden Amerikaner gelingt das letzte Bild am besten. Ruhig und in der Lautstärke deutlich reduziert klingen ihre Stimmen überzeugender. Kwangchul Youn ist in der Rolle des Ferrando zu hören. Seine Stimme ist gealtert und es fehlt an Festigkeit. In den Tiefen Tönen wird sie unklar. Am Pult bringt Asher Fisch viel Verdi und Italianita. Militärisch zackig und blechern befinden wir uns auf dem Kampffeld, sakral feierlich und andächtig im Kloster und durchgängig emotional geladen im Spannungsfeld der Dreiecksgeschichte zwischen den beiden Brüdern ihrer Angebeteten. Das Staatsorchester spielt sich sichtlich mit Freude in diesen aktuellen Verdizyklus auf den Komponisten ein. Viel Beifall, ein paar Bravos und ein markiges Buh für den Tenor am Ende.

Dr. Helmut Pitsch

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