London Royal Opera House Covent Garden – Siegfried Neuinszenierung

Xl_siegfried_bk_roh_175 © Royal Opera House

London Royal Opera House Covent Garden – Siegfried NI 31.3.2026

Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner in der Regie von Barry Kosky ging mit dem Siegfried weiter. Oft fällt den Regisseuren nach Rheingold und Walküre zum Siegfried und seinen vermeintlichen Längen nicht mehr allzu viel ein. Wie er in einem Interview mit A. J. Goldmann aus München im Programmheft kundtut, wirkt Kosky dem mit folgender Ansicht und auch an diesem Abend wieder zu erlebenden Stilmitteln entgegen. Statt durch wenige große Orchesterzwischenstücke wie dem Einzug der Götter nach Walhall, dem Walkürenritt oder dem Finale der Götterdämmerung setzt sich der Ring seiner Meinung nach vielmehr zusammen aus langen komplexen Dialogen zwischen zwei oder drei Figuren. Und diese Szenen muss man im Hinblick auf ihre dramatische und psychologische Komplexität inszenieren. Sonst kann es schnell schiefgehen und sich Langeweile einstellen.

Kosky legt also großen Wert auf eine Vermenschlichung des Ring, was bei allen Figuren des Siegfried an Covent Garden zu erleben war. Es gibt keine Helden! Siegfried ist kein Held, sondern ein Anti-Held, denn alles geht bei ihm am Ende „unglaublich schief“. Wotan hält er für den Wanderer aus Schuberts Winterreise, der durch sein Leben wandert und nicht begreift, was er alles falsch gemacht hat. Im Kostüm von Victoria Behr wirkt er wie ein abgehalfterter Landstreicher, der aber Konflikte mit Alberich, Siegfried und Erda beherzt angeht, immer noch auf seinen alten Ruhm vertrauend. Christopher Maltmann spielt diese dramaturgisch stark aufgewertete Rolle sehr beeindruckend mit einem kraftvoller gewordenen Bass-Bariton.

Zur Intensität dieser Rolleninterpretation gehören auch die Dialoge zwischen Andreas Schager als Siegfried und Peter Hoare als Mime. Schager hat nun stimmlich und darstellerisch die Titelrolle zu einer seiner Glanzrollen entwickelt. Er spielt den Siegfried hoch engagiert, mit guter Mimik, facettenreicher Emotion von herrlichen Lyrismen beim Waldweben bis zum Kampf mit Fafner. Er leistet sich intensive Auseinandersetzungen mit Hoare als Mime, den Kosky für repulsiv und tragisch hält und der bei ihm von allem etwas sein muss: Psychiater, Krankenschwester, Koch, Zimmermädchen und Künstler.

Aber auch die Auseinandersetzung zwischen dem Wanderer und der sehr klangschön singenden Wiebke Lehmkuhl als Erda hat es in sich. Hier wie in einigen anderen Szenen, auch beim finalen Werben Siegfrieds um Brünnhilde, geht es bisweilen physisch allzu handgreiflich, bis fast zur Verletzungsgefahr, zu. Elisabet Strid als sehr jugendliche und engagiert spielende Brünnhilde passt mit ihrem leuchtenden und facettenreichen Sopran, der stets auch zu großer Attacke fähig ist, bestens ins Bild und also zu Schager. Christopher Purves als Alberich und Soloman Howard als völlig in Gold gekleideter Fafner passen sich in diese Ästhetik bestens ein. Sarah Dufresne sang einen klangvoll lyrischen Waldvogel.

Wie schon zuvor lässt Kosky die sehr alte und splitternackte Illona Linthwaite fast den ganzen Abend auf der Bühne. Sie soll die sich entwickelnde Geschichte wie eine dunkle Version der gepeinigten Natur aus den Augen der Urmutter wahrnehmen. Das geht nicht immer recht auf und wirkt bisweilen unpassend und gar störend. Um es anders zu sagen: Diese Inszenierung hätte all ihre Meriten, wenn sie nicht auftreten würde.

Dabei ist das Bühnenbild von Rufus Didwiszus nicht unbedingt im Stile Koskys. Es beginnt mit einer erbärmlichen Baumhütte in verkohltem Geäst und einer alten Schmiede mit detailreicher Schwert-Schmiedung, über eine verschneite Waldlandschaft mit einfachem Wohnhaus Fafners, auf eine finale Blumenwiese mit der verkohlten Weltesche. Auf der Wiese tummeln sich Siegfried und Brünnhilde wie die ersten naiven Menschen. Beleuchter Alessandro Carletti hielt dem Publikum den großen Feuerzauber im 3. Aufzug vor. Man blickte auf eine schwarze Wand. Schade!

Antonio Pappanodirigiert das Orchestra of the Royal Opera House wieder beherzt mit höchstem Engagement und schafft einen sehr gut zu den Dialogen passenden Kommunikationsstil, dann aber auch wieder große dramatische Steigerungen wie im 3. Aufzug. Musikalisch ein großer Abend!

Dr. Klaus Billand

 

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