© Virginia Rota
Georges Bizet Carmen Salzburger Festspiele 3.8.2026
Gewalt und Düsternis- Tristesse erdrückt Carmen in Salzburg
Viel hat Georges Bizets Oper Carmen bereits an Inszenierungskonzepten über sich ergehen lassen, das wohl düsterste und surrealste gelangt zur Zeit in Salzburg zur Aufführung.
Die argentinische Künstlerin Gabriela Carrizo versucht sich hier erstmals als Opernregisseurin und arbeitet ihre eigenen Traumata aus der argentinischen Heimat halbherzig auf. Gewalt dominiert von Anfang an. Ständig wird geschlagen, den grotesken Höhepunkt in einer Szene, die nach Jugendschutz ruft. Ein Soldat drückt einem Kind ein Gewehr in die Hand und dieses mordet seine Spielkameraden wie auf der Hühnerleiter.
Liebe und Andalusien kommt in dieser nüchternen Inszenierung nur im Libretto vor, in der Personenregie gehen die Gedanken von Carrizo unter. Die beabsichtigte Anklage an die männlich dominierte gewalttätige Gesellschaft und der folgliche Femizid kommen in dem unklaren Getümmel auf der Bühne nicht zur Geltung. Das Mitgefühl und die Zustimmung liegt eher bei Don Jose als bei der uninspirierten Zeichnung der Titelheldin.
Die optische Gestaltung von Christof Herzer hingegen ist geprägt von starken Bildern. Eine graue Betonwüste wird durch die ausgezeichnete Lichtregie von Tom Visser zur surrealen Umgebung wie Gemälde von Salvatore Dali. Von oben droht Unheil in Form einer dunklen Decke, die sich zum blutrot ausgeleuchteten Finale langsam nach unten bewegt. Wie ein Meteorit, der die Erde zu erschlagen droht. Nicht neu die Idee, aber wirkungsvoll.
Gemeinsam mit Teodor Currentzis hat Carrizo auch Hand an das Libretto gelegt. Die gesprochenen Texte werden gestrichen, zum Teil durch spastische Tänzereien der Theatergruppe Peeping Tom, zu deren Gründern sie gehört, ersetzt. Musikalisch werden elektronische Klangmomente mehr als Umweltgeräusche der Düsternis eingebaut. Auch die Mutter von Don Jose wird als stumme Rolle ohne Mehrwert auf die Bühne gebracht und wenig appetitlich nackt beerdigt.
Nicht wirklich zündend auch der Regieeinfall, den Wirt Lillas Pastia als Flamencosängerin auftreten zu lassen, die melodramatischen Gesänge finden sich aber nicht in die Handlung ein.
Dafür erhebt Currentzis in einer bewundernswerten Detailarbeit ein neues Hörgefühl der weltbekannten Partitur. Schon zur Ouvertüre ist klar, der Abend wird anders. In exaktem Spiel seiner Musiker des von ihm im Westen gegründeten Utopia Orchesters entwickelt er ein atemberaubendes Tempo ohne gehetzt zu wirken. Gleich im Anschluss wechselt er in ruhigere Gewässer, leicht und transparent bleibt es die meiste Zeit. Die reißerischen spanischen Anklänge lässt er feinnervig im Hintergrund. Zur ersten Arie Carmens - der Habanera taucht er in intime Kammermusik. Immer wieder animiert er die Streicher und Bläser aufzustehen, um Passagen besonders inbrünstig zu gestalten. An keinem Moment verliert er Spannung. Immer wieder erweckt er noch nie Gehörtes. Maniriert werden Gefühle nah an zuviel herangetragen.
Anspruchsvoll ist es für die Sänger zwischen den Farben des Orchesters und der Düsternis der Bühne eine Rolle zu definieren. Allen voran kann Asmik Grigorian ihr großes darstellerisches Talent in diesem mit Spannung erwarteten Rollendebüt nicht ausspielen. In Springerstiefeln und unweiblichen Kostümen soll hier keine liebevolle Begehrlichkeit entstehen, die aus den Worten und der Musik sprudeln. Als Sopranistin im eher dramatischen Fach fehlt ihr für diese Mezzopartie die Fülle und Wärme der Tiefe. Es gelingen ihr immer wieder intime Momente feiner lyrischer Prägung, besonders in ihrer Todesahnung aus den gelesenen Karten, von der Lichtregie magisch begleitet.
Jonathan Tetelman verfällt als Brigardier Don Jose den Fängen Carmens, verliert seine gesellschaftlichen Rang und in inneren Zwängen gefangen, sein Gleichgewicht. Der Us Amerikaner mit chilenischen Wurzeln wird von den Medien zum Latin Lover stilisiert, kann aber hier mit großen menschlichen Zwängen und ehrlicher Liebe überzeugen. Sein hölzernes Spiel verbunden mit seiner Wärme und Schmelz im Gesang verstärken sein Charakterprofil. Dieser Don Jose wird kein kaltblütiger Frauenmörder wie von der Regie angelegt.
Kristina Mkhitaryan ist als Micaela das Bindeglied von Don Jose zu seiner Herkunft und traditionellen Erziehung. Selbst ist sie in ihn verliebt und auch Wunschkandidatin dessen Mutter. Im strengen Kostüm erscheint sie resolut, selbstbewusst und nicht hilflos in der gewaltbereiten Umgebung. Die Strenge und auch kräftig expressive Stimme zeichnen so auch hier ein Rollenbild, das bisherigen Imterpretationen widerspricht aber in diese Inszenierung passt. Diese Micaela berührt nicht mit jugendlicher Reinheit, sondern wirkt durch Ordnung und gefühllose Strenge.
Auch Davide Luciano darf als Escamillo nicht der kraftstrotzende angehimmelte Torero sein. Dieser Escamillo erscheint in einfachster Kleidung und während zu seiner Arie über Gefahren und Tod ein Mitglied der Tanzgruppe wenig männliche Verrenkungen absolviert. Sein schmeichelnder fülliger Bariton gefällt, darf aber keine Strahlkraft auf seine Bewunderer erzeugen.
Eine neue Deutung auf der Bühne aber insbesondere im Graben mit neuen unvergesslichen musikalischen wie optischen Impressionen geht mit höflichem nur leichtem euphorischen Beifall für den Dirigenten zu Ende.
Dr. Helmut Pitsch
09. August 2026 | Drucken
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