© monika Rittershaus
Richard Wagner Die Walküre Opernfestspiele München
Fricka als Strippenzieherin - Wotans Selbstmordversuch - Die neue Walküre feiert Erfolg in München
Nach gefeierten Regiearbeiten mit Tannhäuser in Bayreuth 2019 und 2025 mit Rheingold bei den Opernfestspielen München war die Erwartungshaltung vor der Premiere der Walküre, der Fortsetzung des Ring des Nibelungen von Richard Wagner in München an Tobias Kratzer groß. Und er schaffte es wiederum mit einem großen Wurf, humoristisch mit satirischen Blicken, spannend, bilderreich ganz im Stil einer bayerischen Soapopera oder Familiensage, aber mit psychologischen Impetus.
Rainer Sellmaier gestaltet mit einfachen Kunstgriffen eine eher traditionelle Raumgestaltung, die sich vielseitig einsetzen lässt. Hundings Hütte ist ein typisches einfaches Bungalow im Wald mit Holzvertäfelung und Kachelofen im offenen innerraum, den die Drehbühne freigibt. Der Hausherr fährt im Lada vor, das typische offroad Jägerauto. Er legt einen Widder vor einem einfachen Marterl neben seinem Haus. Die Brücke ist so einfach stilsicher geschlagen zu Fricka, Wotans Frau und der Hüterin der Ehe, die von einem Widdergespann gezogen wird. Sie wird in der Interpretation von Kratzer zur Strppenzieherin des göttlichen Schicksals, ganz am Textbuch gehalten. Im inneren der Hütte findet sich der goldene Altar wieder, der in Rheingold die Götterburg Walhall symbolisierte, nur hier im Kleinformat.
Mit sicherem Gespür verknüpft Kratzer die Handlungsstränge, hält sich an Text und insbesondere an die Musik, bringt aber seinen vielschichtigen Erzählstil ein und schafft mit Humor, der nicht ohne bissige Satire ist, eine moderne Welt, in der die Götter, allen voran Wotan als auch die Walküren in den ebenfalls von Sellmaier gestalteten historischen Kostümen wie aus der Zeit gefallen wirken.
Viel Aufmerksamkeit widmet Kratzer der Biographie, besonders der Kindheit der Wälsungen. In Videos zeigt er die Zwillingskinder mit Wölfing Wotan und Mutter in der Holzhütte im Wald. In deren verbrannten Resten finden sich die Geschwister auf ihrer Flucht wieder. Notung steckt nicht in der Esche Stamm, sondern liegt unbeachtet im Geräteschupoen und Siegmund muss in einem Arsenal verrosteter Degen fündig werden.
Die schicksalshafte Konfrontation Fricka - Wotan findet passend am Tatort des Ehrbruchs in Hundings Hütte statt. Viele Details mit großer Aussagekraft werden geschickt eingebaut und es gelingt, die nicht gerade einfache Familiengeschichte sensibel mit Humor und vor allem spannend zu erzählen.
Ein wahrer Clou gelingt dem Regieteam mit dem Walkürenritt. In einer Videoprojektion reiten die Walküren durch die Münchner Innenstadt vorbei an staunenden Touristen und Geschäftsleuten. Dabei sammeln sie noch ein paar tote Radfahrer ein. Das Nationaltheater ist ihr Ziel. Dem Publikum gefällt es und bedankt sich mit viel Szenenapplaus. Im Königssaal des Nationaltheaters angekommen, arbeiten die Walküren an der Reinigung der Toten und kleiden diese als wiedererweckte göttliche Krieger ein. Dies erfolgt sehr emsig, um sich em tobenden Wotan nicht zu stellen.
Hier zeigt sich wiederum eine weitere Besonderheit dieser Regiearbeit Es wird nicht statisch herumgestanden, Kratzer führt die Begegnungen, die zwischenmenschlichen Beziehungen und Gefühle mit feinen und weniger feinen Gesten wie bei Hunding aus. Aber auch hier wird nichts überdehnt, jede Bewegung sitzt und hat Ausdruckskraft. Selten erlebt der Opernbesucher eine solch ausgefeilte Arbeit über doch stramme 5 Stunden.Der Ring ist ein monumentales komplexes Epos, das hier einer modernen Reality Show mit märchenhaften Charakter gleicht und in unsere Zeit passt.
Musikalisch erzählt Wladimir Jurowski am Pult die Handlung, die sich in der Partitur dank der Leitmotivtechnik ebenso farbenreich wiederspiegelt. Sein Erzählstil ist nüchterner, straffer und sehr korrekt. Mitunter, insbesondere im ersten Akt, hätte man sich mehr Schwung und gefühlvollere Begleitung aus dem Graben gewünscht.
Nach einer dramatisch unterlegten Szene Fricka mit Wotan im zweiten Akt wird es im anschließenden Dialog Wotan Brünnhilde wieder schleppend. Schwung und Gefühle breiten sich im dritten Akt aus und erwärmen die Gefühle im Publikum. Der Verlust der Lieblingstochter nach dem Verlust des Lieblingssohnes Siegmund kommt im Orchesterklang erdrückend zum erblühen. Der spartanische Feuerzauber mit einer kleinen Kerze, von Loge auf die Bühne gestellt, steht einer lodernden Feuersbrunst knisternd aus dem Graben gegenüber.
Das Orchester wirkt von den intensiven Spieltagen im Rahmen der täglich stattfindendenden Festspiele leicht ermüdet. Unkonzentriertheiten, besonders bei den Bläsern fallen auf.
Gesanglich ist der Abend wiederum auf höchsten Niveau. Allen voran begeistert Nicholas Brownlee als Wotan. Seine Wortdeutlichkeit und seine darstellerische Begabung machen den Abend zum Erlebnis. Sein Bassbariton verfällt nicht in einen Sprechgesang. Mit warmen vollen Ton werden Wörter und Phrasierungen ausgesungen, ohne Schwächen zu zeigen. Der junge US Amerikaner verinnerlicht auch das Regie- und Rollenkonzept, sein Wotan kämpft streitbar gegen den nicht aufzuhaltenden Niedergang. Sein Wunsch nach dem Ende endet in telegenen Selbstmordversuchen mit dem Messer, die an seiner Unsterblichkeit scheitern.
Seine geliebte Tochter Brünnhilde gestaltet Miina - Liisa Värelä in statischer Ruhe, dafür mit mehr Farbe und Leben in der Stimme. Sie ist folgsam mit mehr Ehrfurcht als Wiederstand, sich an ihren Speer klammernd. Berührend sucht sie eine letzte Gunst ihres Vaters zu erbeten. Mit Joachim Bäckström wurde Siegmund ebenso erstklassig besetzt. Lyrisch, weich im Gesang, sicher in den Höhen gepaart mit bester Verständlichkeit ist sein Rollendebüt an der Bayerischen Staatsoper als junger Held eine freudige Entdeckung. Eine mächtige Sopranstimme mit dramatischen Ansätzen hat Irene Roberts, die Sieglinde in dieser Neuinszenierung. Ekaterina Gubanova drängt elegant ihren Gatten in die Ecke und erzwingt ihren Sieg über dessen Pläne. Unterstützt von der Regie wird ihre Fricka zu der unterschätzten Gegnerin, die nah am Geschehen im Hintergrund die Strippen zieht. Ain Anger ist zumeist als einer der Riesen in Rheingold zu erleben, hier zeigt er als Hunding den herzlosen Eigenbrötler, der wenig Gefühl für seine Frau, umso mehr aber für seinen Glauben und die angebeteten Götter zeigt. Sein kräftiger Bass passt hier gut.
Große Begeisterung im ausverkauften Haus für Regie, Dirigat, Orchester und Sänger.
Dr. Helmut Pitsch
09. Juli 2026 | Drucken
Kommentare