Eugen Onegin am Gärtnerplatz - grosse Oper gegen den Virus gestemmt

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Immer wieder wird gerätselt, inwieweit die Oper Eugen Onegin autobiographische Züge des Lebens seines Schöpfers Peter Iljitsch Tschaikowski trägt. Er gab dem Werk die passende Bezeichnung „lyrische Szenen“ und trifft damit die Handlung des gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin. Er erzählt von der Begegnung der jungen wohlbehüteten Adeligen Tatjana mit dem dandyhaften vermeintlichen Weltbürger Eigen Onegin. Dieser reagiert gefühlskalt auf ihr Liebesgeständnis und erklärt sich der Liebe und Ehe unfähig. Erst spät bei einem Wiedersehen erlebt er seine Liebe zu der gereiften Tatjana, seine Begierde kann sie aber nicht für ihn gewinnen. Schmerzhaft ist die Erzählung, so schmerzhaft wie auch das eigene Liebesleben des Komponisten, der seine Homosexualität immer verbergen wollte und musste. Mutig geht das Münchner Gärtnerplatztheater in den aktuell schwierigen Virusbedingungen an die Umsetzung dieser grossen romantischen Oper. Eine reduzierte Orchesterfassung von Piotr Alexandrowitsch Klimow im Auftrag des Theaters ermöglicht die Abstandsregeln für Orchester einzuhalten, die Trompeter müssen in eine Prosszeniumsloge ausweichen. Sicherlich fehlt der üppige melancholische russische Orchesterklang aber unter der Führung von Anthony Bramall blühen Details der Partitur neu auf und die Intimität und verschlungene Gefühlswelt der Protagonisten steht in einem neuen Licht da. Nach wenigen Minuten ist der Zuhörer gefangen wie beim Original. Dazu zaubert Ben Baur eine lebendige bebilderte Handung mit einfachen Umbau durch teilweises Bewegen eines Vorhanges und ausgefeilte Lichtregie. Sein Bühnenbild ist geprägt von einem hohen Halbrund mit grosser Holztüren, die durch ihre Schlitze gefiltert das Licht eindringen lassen. Uta Meenen steckt die russische Landgesellschaft In klassische der Zeit der Entstehung entsprechende Kostüme. Alles fügt sich harmonisch ein, so auch der Chor und Tänzer. Mit wenig Accessoires, wie Stühlen, Blumen und Erntegebinden wird wirkungsvoll hantiert. Zentral arbeitet Ben Baur die Figur der Tatjana, dargestellt von Camille Schnoor heraus. Auch dem Komponisten lag viel an dieser Figur. Ihre Briefarie ist ein beliebtes Solostück von Sopranistinnen und auch Camille Schnoor gestaltet sie nuanciert, gefühlvoll und klar. Mitunter neigt ihre Stimme zu kraftvoll und scharf zu klingen. Im Spiel überzeugt sie mit Natürlichkeit und höfischer Grandezza. Anna Katharina Tonauer ist eine junge lebendige Olga, die die Rolle sicher meistert. Mathias Hausmann ist ein überzeugender gefühlskalter Titelheld. Sein Bariton sitzt sicher und tief, es fehlt ein warmer und satter Unterbau, passt aber gut für die charaktervolle Umsetzung. Lucian Krasznec verfügt über eine grosse Stimme mit sicherer Höhe, formt mitunter seine Töne unsicher und gepresst, besonders in feinen Piani. Edel und mächtig gesetzt ertönt die grosse Arie des Fürsten Gremin gesungen vom jungen Sava Vemic. Juan Carlos Falcon als Triquet und Ann Kathrin Naidu runden die durchgängig sehr gute Leistung der Sänger ab. Ein grosser Opernabend, der Lust auf mehr in diesen kargen Zeiten macht. Überschwenglich und lang ist der Applaus des Publikums mit vielen Bravi.

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