Es schüttet kräftig draußen und drinnen - Die Walküre in Bayreuth spaltet das Publikum

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Bayreuther Festspiele Die Walküre - Besuch am 3.8.2021

Es schüttet kräftig draußen und drinnen - Die Walküre in Bayreuth spaltet das Publikum

Kräftige Buhs und vehemente Bravi am Ende eines außergewöhnlichen beispiellosen Opernabends. Mit dem musikalischen Genie und für viele gottähnlichen Richard Wagner und dem umstrittenen aber allgemeinen anerkannten Aktionskünstler Helmut Nitsch treffen zwei herausfordernde Künstlerpersönlichkeiten aufeinader.

Helmut Nitschs Schüttbilder sowie blutgetränkten Mysterien - Passionsspiele  sind sein Markenzeichen. Aber der Wettergott zieht mit einem gewaltigen Regenguss kurz vor dem Beginn der Aufführung von Richard Wagners Die Walküre an Dramatik vor dem Festspielhaus in Bayreuth gleich. Ein striktes Sicherheitskonzept und überfordertes Personal lassen das elegante Publikum im wahrsten Sinne des Wortes im Regen stehen bis endlich beherzte Besucher durchnässt bis auf die Haut das Haus stürmen und die Absperrungen durchstoßen. Man muss geradezu von Glück sprechen, dass kein vollbesetztes Haus verkauft wurde. Drinnen werden die Roben und Smokings zurechtgerückt und gezupft.Richard Wagner hätte diese ungewollte Inszenierung gefallen. Dem Pulikum weniger. Die Stimmung entspannt sich einmal drinnen und rasch wechselt die Aufmerksamkeit zur Bühne. Der Vorhang ist bereits gelichtet und gibt den Blick frei. Hell erleuchtet strahlen große weiße aufgestellte Leinwände und der Boden ist ebenfalls weiss ausgelegt. Bunte Farbtöpfe stehen schon aufgereiht bereit. Pandemiebedingt wurde eine konzertante Aufführung der Walküre kurzfristig in das Programm aufgenommen. Die Premiere eines neuen Ring des Nibelungen wurde ja im Vorfeld auf das Jahr 2022 verschoben.  Als besonderer Aufhänger würde der österreichische Aktionskünstler für eine begleitende künstlerische Ausgestaltung eines konzertanten Opernabends eingeladen. Ein beispielloses neuartiges Konzept und Experiment nachdem bereits viele bildende Künstler Bühnenbilder oder auch Regie ausgeführt haben.

Die weissen Wände und der Boden werden das Einsatzgebiet von in weiss gekleideten Assistenten.von Helmut Nitsch im Stile seiner Passionen genutzt. Von oben werden in zarter Dosierung Farben behutsam auf den aufgestellten Leinwänden herunter gelassen, dünne Rinnsale führen so zu ständig wachsenden und wechselnden Gemälden. Am Boden wird weniger zart oder passend zur Musik lieblos Farbe aus Eimer mit Schwung ausgeschüttet. So geschieht dies für den Betrachter ermüdend und für den musikalischen Genuss störend. Denn sowohl die ständige bewegungsreiche Schüttaktion sowie die wohl zu vernehmende Geräuschkulisse fügt sich nicht in den Handlungsablauf sowie der musikalischen Ausgestaltung der Oper auf der Bühne. In Anlehnung zum Tod Siegmunds wird eine Kreuzigung mit Tränke in roter Farbe nachgestellt oder zu Brünnhildes Verbannung auf dem Walkürenfelsen ein Gekreuzigter auf den Boden gelegt und ein weiteres Opfer mit verbundenen Augen hält eine christliche Monstranz hoch. Wahrlicher Feuerzauber entsteht dagegen magisch aus den vielen Farben auf den Leinwänden. Unvergessliche optische Erlebnisse prägen das Ergebnis der Arbeit des Aktionskünstlers.

Blutleer und farblos steht im großen Gegensatz das gehörte Geschehen im Orchestergraben. Pietari Inkinen findet am Pult keine zündende Interpretation. Im Tempo gezogen erstickt jede Spannung, in der Lautstärke wirkt alles gedämpft. Ab und an preschen die Bläser kraftvoll in den Vordergrund. Es wirkt unvollständig und nicht im Fluss. Mitunter entstehen wahrhaft große musikalische Erlebnisse wie die Todesverkündigung als auch der oft überzeichnete Walkürenritt. Den Sängern ist er mit seiner Verborgenheit keine Stütze und diese finden öfters nicht den Einsatz oder Zugang zu seiner Begleitung. Hier ist deutlich Luft nach oben für sein Dirigat des gesamten Ringes nächstes Jahr.

Die Auswahl Sänger beschert dem Publikum eine derzeit schwer zu überbietende Besetzung. Alle Sänger treten in dunkler mönchsartiger Kutte auf, unscheinbare Holzsessel unterstützen den puristischen Ansatz für die konzertante Aufführung und heben sich vom bunten Treiben des Aktionskünstlers im Hintergrund scharf ab. Aber das passt.

Klaus Florian Vogt und Lise Davidsen sind sicherlich eine Idealbesetzung stimmlich und optisch für das Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde.Seine unverkennbare helle reine Tenorstimme hat an Volumen und Farbe noch dazugewonnen. Seine breiten weichen langgezogenen Melodiebögen bewegen. Jugendlicher ungestümer Kampfgeist geht bei ihm in verklärte erste Liebe farblich wie lyrisch über. Lise Davidsen ist mit ihren 34 Jahren bereits bestens in Bayreuth und bei den Wagnerianern eingeführt und angekommen. Ihr Sopran hat die nötige Kraft, Höhe und Volumen für die anspruchsvollen Partien und bleibt dabei immer leicht und klar. Ohne Druck und merkbare Anstrengung erzählt sie ihre Lebensgeschichte und verfällt in die inzestuöse Liebe aus der sie als Mutter um ihre Rettung streitbar mit den Walküren kämpft. Ohne viel Gestik ist sie in ihrer großen schlanken Gestalt immer sehr präsent. Tomasz Konieczny ist sehr kurzfristig nach der Absage von Günther Groissböck als Wotan  eingesprungen und besticht mit seiner mächtigen wohlintonierenden Stimme. Verfremdend wirken seine nahezu in den akklamierenden Sprechgesang verfallenden Stellen, die wohl dem gezogenen Tempo des Dirigenten geschuldet sind, welches für Sänger im Atem erschwerend ist. Dafür wirken die Gegensätze in seinen Auftritten wie Donnerhall. Irene Theorin ist eine schon länger gefeierte Brünnhilde und Ansätze zum Tremolo sind unüberhörbar. Kraft und Höhe ohne überzogene Dramatik und Schrille gefallen in ihrer Interpretation. Dmitry Belosselsky ist ein sicherer aber wenig dämonischer angsteinflössender Hunding. Christa Mayer ist eine sehr streitbare und selbstbewusste Fricka, die ihren Gatten zu nehmen weiß. Mit Gefühl und warmen Mezzo gestaltet sie das Zwiegespräch verführerisch. Dazu ist sie auch als Schwertleite eine der Walküren. Deren Ritt und Auftritt im dritten Akt ist mit ein Höhepunkt des Abends. Gut verständlich und ausgefeilt mit sich abhebenden Stimmen markieren die heldenhaften Schwestern eine eingeschworene aber vermittelnde Bande gehenüber dem vor Groll rasenden Gottvater.

Tosender Applaus mit herzhaften dumpfen Getrampel für die Sänger als auch vermindert für das Orchester und den Dirigenten, aufschäumendes Buh wider kämpferischen Bravi für den Aktionskünstler, der mit 83 Jahren nochmal ein kräftiges Zeichen gesetzt hat, sowie auch die Festspielleitung und der grüne Hügel nach der pandemiebedingten Absage letzten Jahres.

Auch das Erlebnis eines Gesamtringes wurde von der Festspielleitung geschaffen. Rund um die Aufführung der Walküre bastelte sie das Konzept Diskurs Ring 2021. Mit der Auftragsoper "Immer noch Loge" von Gordon Kampe mit Text von Paulus Hochgatterer wird die Frage beantowrtet, was nach dem Feuerbrand und Untergang in der Götterdämmerung bleibt bzw passiert.  In "Sei Siegfried" gibt es ein beeindruckendes Vietual Reality Erlebnis durch Jay Scheib. Der gefeierte Video und Performance Künstler gestaltete einen in der virtuellen Welt erlebbaren Drachenkampf. Mit der Virtuai Reality Kamera auf dem Kopf wird der Besucher zum Helden Siegfried und erlegt den unglaublich echten Drachen im Festspielhaus. Da kommt Vorfreude auf für den neuen Parisfal, der von Jay Scheib inszeniert werden wird. In der Installation der Japanerin Chiharu Shiota "The Thread of Fate" wird eine Parallele zu den Schicksalsfäden der Nornen gezogen. im kräftigen Rot  wird ein Netz aus Fäden überein bis zu 10m hohes Modell aus Metall gespannt. Die Installtation soll den Besucher inspirieren über das Universum zu reflektieren. 

Dr. Helmut Pitsch

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