© Geoffroy Schied
Georg Friedlich Händel Alcina Prinzregententheater Opernfestspiele München 21.7.2026
Ein musikalisches Feuerwerk mit belangloser Regie - Alcina zaubert in München
Georg Friedrich Händels letzter großer Opernerfolg, die Opera seria Alcina ist nach Richard Wagners Walküre die zweite Neuinszenierung der diesjährigen Münchner Opernfestspiele. Die Mythologie von der bösen Hexe Alcina, die über eine Insel herrscht und ihre Liebhaber zu Stein verwandelt, schien Händel ein passender Opernstoff, den er in einem italienischen Libretto fand. Er straffte die Rezitative, dem nicht italienisch sprechenden Publikum in London entsprechend und fertigte umso mehr wirkungsvolle Arien an, als Ausdruck von Emotionalität und Gefühlen an.
Die junge Regisseurin Johanna Wehner müht sich in ihrer Interpretation mit GenderPlattitüden ab, indem sie alle handelden Personen im Geschlecht neutralisieren will. Dabei wird sie von Ellen Hofmann mit ebenso einfallslosen wie wenig ansprechenden Kostümen unterstützt. So stürzt der Abend in die Belanglosigkeit mit deutlichen Längen, die durch die großartigen musikalischen Leistungen nur zum Teil aufgewogen wird.
Zumindest sind die beiden Bühnenbilder von Benjamin Schönacker optisch ansprechend. Für die ersten beiden Akte befinden wir uns in einem Herrenhaus im südlichen Kolonialstil, grüne Wände gelbe Jalousien. Das Mobiliar ist ein Stilmix von Biedermeier, Thonetstühlen und modernen Designstücken. Konträr dazu findet sich der Betrachter nach der Pause in einem kühlen dunklen Büro - Foyer wieder, mit nackten Goldstatuen und einem großen Wandgemälde, in dem Alcina zum Finale verschwinden wird.
Die Personenregie erinnert in der Statik an einen konzertanten Opernabend mit ständigen Auftritten von der Seite, der am Ende wirkungsvoller und wirtschaftlicher gewesen wäre. Mehr als unnötig ist die immer wiederkehrende Reinigungstruppe, die im militärischen Gleichschritt, der nur schlecht gelingt, erscheint ohne jeglichen Mehrwert und eher stört. Große Anerkennung gehört den Statisten, die als goldfefärbte Skulpturen in verschiedenen Posen lange Minuten unbewegt ausharren müssen.
Ein erstklassiges Sängerensemble macht den Abend zum akustischen Erlebnis. Jeanine de Bique bannt zu Beginn mit ihrer kräftigen und in allen Lagen sicheren und schön gestalteten Intonation. Farblich wechselt ihre Stimme zuwenig, sodass ihre Auftritte und da capo Arien über den Abend hin monoton wirken. Im Spiel überzeugt sie mit ihrer einnehmenden Erscheinung. Eindrucksvoll ist die stimmliche Entwicklung von John Holiday, der schon öfter in München zu hören war und nun als Ruggero zurück kommt. Der Countertenor verfügt über eine lupenreine Technik und gewaltiges Stimmvolumen. Auch weit in den Höhen bleibt er in der Bruststimme mit wohlgeformten Tönen. Geschmeidig sind seine Melodien. Sehr breit kann er seine Stimme in alle Gefühlslagen modulieren und bis in die Tiefe ohne Bruch führen. Seine zahlreichen Arien meistert er bis zum Ende mit Bravour, eine große körperliche Leistung.
Elsa Benoit gestaltet Morgana, die Schwester Alcinas. Sie schwankt in ihren Gefühlen zwischen zwei Männern und wird am Ende von beiden zurückgewiesen. Diese Irrfahrt setzt die Französin in eine stimmliche Seelenfahrt um. Schmeichelnd ist ihre Stimme, die sich geschickt über die Koloraturen bewegt und viel in die Betonung von Gefühlen legt. Gut justiert sie die Stimme im Volumen, bleibt leicht und verständlich in den Piani und kann auch in Zorn und Rachegefühle wechseln.
Avery Amereau steckt als in ihren Bruder Ricciardo verkleidet in einer Hosenrolle. Sie gibt sich als Bradamante nur ihrem Verlobten Ruggero preis, die gekommen ist, um seine Liebe wieder zu gewinnen und ihn dem Zauber Alcinas zu entziehen. Das gefährliche Spiel gelingt, Stimmlich sehr überzeugend bleibt sie im Spiel hölzern.
Julian Pregardien ist Orente, der Liebhaber von Morgana, der diese zurückweist, nachdem sie sich Hals über Kopf in Ricciardo verliebt. Zuerst zündelt er noch eine Intrige an. Es gelingt ihm gut mit seinem Spiel und lyrisch gefärbten Gesang am turbulenten Hof Gehör zu finden. Carine Tinney ist der junge Oberto, der unerschrocken herumirrt und seinen Vater sucht, der von Alcina in eine Steinfigur verwandelt wurde. Tinney zeigt dies jugendlich impulsiv. Ihre "Barbara" - Barbarin Rufe treffen ins Mark. Gerrit Illenberger ist ein stattlicher Melisso mit sattem Klang im Bass.
Höchste barocke Klangfreude entwickelt sich im Orchestergraben. Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters haben sich unter der Intendanz von Sir Peter Jonas zu einem Barockensemble erster Sahne zusammengeschlossen und bieten hier eine erstklassige instrumentale Untermalung. Unter der Führung von Stefano Montanari wird hier mit viel Verständnis und Kenntnis zeitgemäßer historischer Interpretation musiziert. Schwungvoll und leicht, immer wieder zu dramatischen Zwischenspielen bereit besteht eine sehr lebendige Verbindung zur Bühne.
Das Publikum im ausverkauften Haus zeigt seine Begeisterung in stehenden Ovationen und lautstarkem Beifall.
Dr. Helmut Pitsch
22. Juli 2026 | Drucken
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