© Xiomara Bender
Berlioz/ Puccini Tiroler Festspiele 3.7.2026
Bewegende Emotionen als fulminanter Start bei den Tiroler Festspielen
Zum Auftakt der diesjährigen Tiroler Festspiele hat Intendant Jonas Kaufmann und sein Team einen Opernabend mit zwei besonderen Raritäten gestaltet. Im Mittelpunkt stehen zwei weibliche Heldinnen und beide offenbaren ihr Herz und ihre Gefühle.
Hector Berlioz bewarb sich mehrmals um den Prix de Rome, ein bezahltes Stipendium in der italienischen Hauptstadt. Dreimal wurde er mit dem Vorwurf zu modern und zu fortschrittlich von der Jury abgelehnt. Unter den abgelehnten Kompositionen befindet sich auch die Kantate Cleopatra, eine lyrische Szene nach einem Text von Pierre Ange Viellard. In diesem Jugendwerk vertont Berlioz die letzten zwanzig Minuten im Leben der großen Pharaonin, bevor sie von einer Schlange gebissen wird. In Form von begleiteten Rezitativen macht er das Orchester zum dramatischen Instrument in diesem Monodram, die Gefühle und Gedanken der gefallenen Machthaberin ausdrückend. Beschwörungen, wehmütige Erinnerungen, Verzweiflung und Vorwürfe nehmen musikalische Gestalt an. Innere, unausgesprochene Gedanken werden offengelegt.
Die emotionale Intensität wird durch die szenische Umsetzung von Deborah Warner unterstützt. Die Britin führt die elegant im schwarzen Kostüm gekleidete Monarchin in ein tristes graues fensterloses Verliess - Bühne Antony Mc Donald - nur von zwei dunkelhäutigen Dienerinnen begleitet.
Von der Umwelt abgeschottet, lässt Cleopatra, überzeugend von Veronique Gens umgesetzt, ihren Gedanken freien Lauf. Ein letztes Aufbäumen, eine Abrechnung mit dem Ist und dem Vergangenen wird von der Französin mit subtilen Nuancen in Spiel und Stimme vermittelt. Hier wird angeklagt, abgerechnet und gelitten und das in raschem Wechsel. Die Intimität des Ortes weiß Gens in das Festspiehaus zu übertragen und das Publikum in ihren Bann zu ziehen.
Die Musik von Hector Berlioz setzt Edward Gardner mit dem Orchester der Tiroler Festspiele mit gefühlvoller Raffinesse um. Die bestens vorbereiteten Musiker folgen seinen vielschichtigen Interpretationsgedanken. In feinsten Piani erklingen Schattierungen von Ängsten, Beteuerung gleich gegenüber mächtigem von Wut geprägten Aufbäumen gegen das Schicksal. Es ist ein bewegendes spannendes Musikdokument, das hier aus dem Vergessen gehoben wird.
Nach der Pause folgt ein nicht minder bewegendes Frauenschicksal mit dem Einakter Suor Angelica von Giacomo Puccini. Hier erdrückt das bigotte christlich milde Gemeinschaftsleben in einem herzlos geführten Kloster. Suor Angelica ist gefangen in ihrem grausamen Schicksal. Durch unehrenhafte Schwangerschaft ist die junge Adelige dorthin verbannt. Zentral ist der Besuch ihrer kalten Tante und Vormund. An der Nachricht vom Tod ihres nur einmal in den Händen gehaltenen Sohnes zerbricht ihr Schutzschild und sie nimmt sich das Leben. Deborah Warner gelingt es wiederum in die Tiefe der Seele einzudringen. Wirkt das Klosterleben an der Oberfläche sortiert aufgeräumt und ruhig, durchbrechen subtil die harten Regeln das Bild. Die Spannung ist spürbar mit dem geschickt hinausgezögerten Erscheinen der fürstlichen Tante - ausdrucksstark Alice Coote - die durch eine dunkle Tür am Bühnenhintergrund eintritt. Der folgende Dialog baut erste Momente des Mitleids beim Betrachter auf, im folgenden Finale weiss Corinne Winters in der Titelrolle alle Register zu ziehen. Mit einer unglaublich farbenreichen Stimme, treffsicheren Höhen in warmen Tönen vollbringt sie grosse Momente der Musikdramatik. Dem inneren Kampf zwischen Disziplin, Verzweiflung, Verlust und Leere weiss die junge Amerikanerin in Gesang und Mimik umzusetzen, die niemand unberührt lassen. Der Selbstmord durch Gift in einem Meer von Kerzen umhüllt von himmlischen Gesängen der Klosterschwestern wird zu einem beklemmenden Schicksalsakt.
Giacomo Puccini widmet sein Schaffen vielen Frauenschicksalen. Neben Tosca oder Mimi (La Boheme) wird seine ergreifende musikalische Auskleidung des Leids der wehrlosen vom gesellschaftlichen Zwängen zerdrückten Schwester Angelica oft zu wenig beachtet. Seine Melodien und Harmonien vereinen hier aber meisterhaft eine Vielfalt von Emotionen. Diesen widmet sich auch hier Edward Gardner mit Verve und Präzision, die er mit dem Orchester meisterhaft zelebriert.
Große Begeisterung und stehende Ovationen für eine festspielwürdige Eröffnung in Erl.
Dr. Helmut Pitsch
07. Juli 2026 | Drucken
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