Altbekanntes packend neu erlebt - Fidelio im Münchner Justizpalast

Xl_fidelio_2026_reduz00002__002_ © Anton Empl

Ludwig van Beethoven Fidelio Opera incognita Justizpalast 24.4.2026

Altbekanntes packend neu erlebt - Fidelio im Münchner Justizpalast

Andreas Wiedermann als szenischer Leiter und Ernst Bartmann als musikalischer Leiter und Arrangeur erfreuen immer wieder mit Ihrer Kreativität und Können sowie dem selbstlosen Einsatz der Mitglieder ihrer privaten Operncompagnie Opera incognita.

Klassische Opern an aussergewöhnlichen ansprechenden Spielorten, modern arrangiert mit einfachen Mitteln umgesetzt prägen ihre einfallsreichen Projekte.

So bringen sie nun Ludwig van Beethovens Freiheitsdrama, seine einzige Oper Fidelio an den Münchner Justizpalast. Der prächtige neobarocke Bau ist domininiert von einem großzügigen Foyer mit Lichtkuppel und ausladendem Treppenhaus. Er ist in seiner Verwendung als Gericht  und Dienstgebäude des Bayerischen Justizministeriums geradezu prädestiniert für die Handlung um den unschuldig eingesperrten Florestan, der von seiner mutigen Gattin Leonore durch List gerettet wird. Als Gefängniswärter Fidelio verkleidet, gewinnt sie das Vertrauen des Gefängnisdirektor Rocco und die Gunst dessen Tochter Marzelline. Das doppelte Spiel gelingt, der mordlüstige Tyrann Pizarro wird abgesetzt und die rechtliche Ordnung gewinnt und die Freiheit kehrt zurück.

Schwierig sind die akustischen Verhältnisse in dem großflächigen hohen Kuppelbau und stellte das gestalterische Team vor Herausforderungen. Kürzungen waren die Folge, wenige verbliebene  Textstellen werden nur eingeblendet, von der Darstellern geflüstert und mit moderner Musik begleitet. So verbleiben in beklemmender Dichte nur die bekannten einprägsamen Arien.

Räumlich werden die zwei Flügel des Stiegenhauses bespielt, das Publikum sitzt in mehreren Stuhlreihen in der Halle mit Sicht auf die gesamte Front des Treppenhauses über zwei Etagen. Eine Gruppe von Gefangenen zieht zur kurzen Ouvertüre ein. Ihr Hab und Gut wird eingesammelt und ein oranger Overall als Gefangenenmontur verteilt. Solche hängen auch dekorativ von der Decke. Florestans Verlies ist hinter einer Tür unter dem Treppenhaus, aus der er auftritt. Die Befreiung erfolgt am Treppenabsatz, die erlösten Gefangenen jubeln neben dem königlichen Denkmal im ersten Stock des Foyer über den Köpfen des Publikums im ausverkauften Haus.

Über 100 Minuten gelingt eine packende, durch die hallende Akustik besonders einnehmende Interpretation. Das harte Schicksal, die bewegende Befreiung und der umjubelte Sieg über den Tyrannen sind schlüssig und ausdrucksstark dargestellt. Die kleine satirische Einlage eines möglichen anderen Finales mit Mord an Leonore durch die betrogene Marzelline und an Florestan durch Pizarro wird gleich zurückgedreht und das Originalende abgespielt.Ein Regiegag der kruz für Innehalten und überraschte Verwunderung sorgt.

Musikalisch mit großem Bedacht auf die einnehmende Akustik führt Ernst Bartmann die fünf Instrumentalisten deutlich im Volumen zurückgedrängt als Klangteppich. Das kleine Orchster sitzt hinter dem Publikum auf dem Treppenabsatz gegenüber der Bühne. Der Chor kommt im tutti gut zu Geltung, ob breit verteilt oder dicht zusammen gestellt. Die Stimmen fließen zusammen. Die Wortdeutlichkeit verblasst im Hall.

Das Sängerensemble kommt sehr gut mit den räumlichen Gegebenheiten trotz limitierter Probenmöglichkeiten zurecht und überzeugt auch in der Darstellung. Manuel Kundinger ist ein süffisanter gelackter Bösewicht Don Pizarro, Stephan Liu ein leidender gebrochener Florestan mit leichter Ermüdung gegen Ende seines Auftritts.

Karolina Plickova  spielt realistisch die Verkleidung als Fidelio, und gefühlvoll die von Freude und Mitgefühl übermannte Gattin Leonore. Ihre kraftvolle Stimme kann sie gut im Volumen zurück halten. Rund und stimmig ist Martin P Summer der gehorsame Gefängnisdirektor Rocco als auch der väterlich sich Sorgende. Seine Tochter Marzelline ist bei Johanna Schmertl gut aufgehoben. Jung energiegeladen spielt sie die in ihrer Liebe Aufgehende.

Erfüllt, betroffen und besonders berührt spendet das Publikum großen Beifall in dem ehrwürdigen kühlen Raum der für den Abend sehr lebendig wurde. Ein Opernerlebnis, das nicht so schnell vergessen wird.

Dr. Helmut Pitsch

 

 

 

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