Olga Peretyatko : "wollte ich meine Stimme einsetzen, um zu versuchen zu helfen und ein kleines bisschen Frieden in die Welt zu bringen"

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Kürzlich veröffentlichten wir eine Rezension des neuerschienenen Albums Songs for Maya von Olga Peretyatko bei Melodiya. Ein sehr persönlicher Einblick, denn es ist ihrer Tochter Maya gewidmet, die im vergangenen Januar geboren wurde. Wir nutzen die Gelegenheit, die russische Sopranistin zu dieser ganz persönlichen Aufnahme, ihrer Entstehung, ihrer Einspielung, dem Mantra, das sie mit Semjon Skigin komponierte, aber auch zur Wiederaufnahme ihrer Operntätigkeit zu befragen.

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Die Entstehungsgeschichte dieses Albums ist recht speziell, da Sie nicht wussten, dass Sie schwanger waren als Sie mit den Aufnahmen begannen. Können Sie uns die Geschichte zu diesem sehr persönlichen Album erzählen? Wie sind Sie auf die Idee gekommen und wie sind die Aufnahmen verlaufen?

Die Quarantäne hat mich in Berlin blockiert, wo ich die Neuinszenierung von Idomeneo an der Staatsoper gespielt habe. Die ersten zwei Wochen habe ich nur geschlafen, denn es war lange her, dass ich Urlaub hatte. Die nächsten anderthalb Monate waren seltsam, weil wir nichts machen konnten, und ich der Typ Mensch bin, der normalerweise zu viel macht. Dann rief mich mein Professor von der Musikhochschule an und schlug mir vor, ein neues Programm aufzustellen, das wir schon vor ein paar Jahren besprochen hatten - damals hatte ich keine Zeit es zu lernen. Dieses Mal hatte ich jedoch plötzlich viel Zeit, also haben wir beschlossen uns zu treffen und an mehr als 35 neuen Liedern zu arbeiten. Es waren allesamt Wiegenlieder.
Im Juni sagte mir dann mein Arzt, dass ich schwanger sei. Mein Mann und ich waren so glücklich! Alles passte perfekt zusammen... Ich rief meinen Professor an um ihm zu sagen, dass wir dieses Projekt nun aufnehmen müssten, da es für mich mittlerweile sehr intim und persönlich geworden ist: Ich singe nun für mein Kind!
Wir organisierten die Aufnahme im September im wunderbaren Pierre Boulez Saal. Wir hatten Glück und erhielten die Genehmigung dazu, weil wir nur zu zweit im Konzertsaal waren plus ein Tontechniker in einem anderen Raum.

Was ist die Geschichte hinter den Zeichnungen im Heft (das schlafende Kind, mit dem Adler, dem Mond, der Sonne...)?

Ich habe diese Zeichnungen bei einer russischen Künstlerin namens Ekaterina Kompanec bestellt. Dieses Artwork handelt über Lullaby von Tschaikowsky und beschreibt den Text des Liedes. Ich fand, dass es den Geist des Albums wunderbar widerspiegelt.

Wie haben Sie die verschiedenen Melodien ausgewählt, aus denen das Album besteht?

Da wir an 35 Liedern gearbeitet haben, war es eine schwere Entscheidung, eine einzige Stunde Musik auszuwählen. Ich habe sie alle absolut geliebt... Am Ende haben wir die besten Wiegenlieder in neun Sprachen ausgewählt plus einen speziellen Track, ein Mantra, das Semjon und ich komponiert haben und das Lullaby heißt.

Man hätte denken können, dass Russisch diese Aufnahme dominieren würde, aber dies ist nicht der Fall. Die Platte enthält viele verschiedene Sprachen, darunter auch Chinesisch und Japanisch. Auch wenn Sie es gewohnt sind in Fremdsprachen zu singen, war es hier nicht noch schwieriger? Haben Sie eine besondere Affinität zu einer dieser Sprachen?

Es war nicht unbedingt schwieriger, weil ich, wie Sie bereits gesagt haben, sehr daran gewöhnt bin in verschiedenen Sprachen zu singen. Für mich besteht eine Sprache vor allem aus Musik und Musik ist ein großer Teil meines Lebens, also habe ich mich sicher gefühlt in diesen neuen Sprachen zu singen. Ich habe keine besondere Affinität zu Japanisch oder Chinesisch, aber ich fand die Lieder einfach nur schön und beschloss, sie in das Album aufzunehmen. Zweck des Albums ist es zu zeigen, dass überall auf der Welt Menschen stets für ihre Kinder singen, um ihnen Frieden und Liebe zu bringen.

Können Sie uns mehr über das finale Mantra erzählen, das Sie mit Semjon Skigin komponiert haben?

Die Idee hinter diesem Mantra war das Prinzip der Einheit. Ich hatte den Eindruck, dass ich, indem ich alle Lieder aus all diesen Ländern auf einem Album zusammenbringen könnte, eine Botschaft der Hoffnung an die durch die Pandemie zerrissene Welt senden könnte. Jede Mutter wünscht sich Frieden und Glück für ihr Kind und hofft, dass es in einer geeinten Welt leben kann. Deshalb habe ich dieses Mantra auf 19 Sprachen gesungen: Hebräisch und Arabisch, Russisch und Ukrainisch, alle europäischen Sprachen, Chinesisch und Japanisch und so weiter. Die Melodie ist super einfach und genauso wie die eines Mantras, so dass jede Mutter und jeder Vater mit mir mitsingen kann.

Auf dem Cover der Platte sind Sie mit Ihrer Tochter zu sehen. Das Bild vermittelt einen friedlichen Eindruck. Hat die Mutterschaft Sie beruhigt oder etwas für Sie als Künstlerin verändert?

Ein Kind zu haben ist ein wunderbares Geschenk und der Frieden, der auf dem Cover des Albums zum Ausdruck kommt, ist ein Gefühl, das ich jeden Tag erlebe. Mein Berufsleben ist so anstrengend wie immer und Maya ist mein Rückzugsort. Für sie zu singen ist eine wahre Freude.

Es hat aber auch etwas Beruhigendes, die Platte selbst zu hören. Auf der einen Seite ist sie ideal, um ein Kind in den Schlaf zu wiegen, auf der anderen Seite ist sie aber auch für Erwachsene gedacht, um ihnen zum Beispiel beim Einschlafen oder Meditieren zu helfen. Da Sie selbst ein Anhänger dieser Art von Praxis sind (Meditation, Yoga), hatten Sie auch diese Idee im Kopf, als Sie das Album aufgenommen haben?


Olga Peretyatko ; © Jennifer Adler

Ich bin froh, dass Sie das sagen, denn das ist eines der Ziele dieses Albums! Für mich sind Schlaflieder und Mantras nah beieinander. Man versetzt sein Kind und sich selbst in Trance, indem man stundenlang einige einfache Melodien singt. Nach diesen langen Monaten der Pandemie, die uns von der Welt und den Menschen, die in ihr leben, abgeschnitten haben, wollte ich meine Stimme einsetzen, um zu versuchen zu helfen und ein kleines bisschen Frieden in die Welt zu bringen. Mantras sind bei mir vor fünf oder sechs Jahren aufgetaucht, als die Dinge in meinem persönlichen Leben schwierig standen. Sie haben mich seitdem nicht mehr verlassen! Für mich sind sie überall: in meiner Yoga- und Atempraxis und ganz allgemein in meinem ganzen Leben! Sie vereinen meine Existenz und ich wollte dieses wunderbare Gefühl der Einheit mit der Welt teilen.

Da die Welt des Showbusiness für mehrere Monate (fast) komplett stillstand, konnten Sie Zeit mit Ihrer Familie verbringen. Wird es schwierig sein, wieder auf die Bühne zu steigen und zu reisen?

Ein Kind zu haben ist jetzt die "neue Normalität", also wird es überhaupt nicht schwierig sein! Der Schlüssel ist, sehr organisiert zu sein und Unterstützung zu haben. Gott sei Dank haben wir eine Großmutter!

Wie fanden Sie das Wiedersehen mit dem Publikum?

Ich bin überglücklich! Bei meinem letzten Konzert habe ich mich sehr glücklich gefühlt und habe diesen Adrenalinrausch genossen, den ich so sehr vermisst hatte! Online-Konzerte sind schön, aber ohne Publikum ist es einfach nicht das Gleiche!

Wie haben Sie während dieser ganzen Zeit an Ihrer Stimme gearbeitet?

Wie immer! Vor allem, weil ich weiterhin meine neuen Rollen vorbereiten musste, von denen ich gehofft habe, dass sie trotzdem stattfinden würden. Außerdem fand mein erstes Online-Konzert drei Wochen nach der Geburt statt, ich habe also nie wirklich aufgehört zu arbeiten! Am Ende bin ich froh, dass es perfekt geklappt hat und dass meine Stimme noch besser geworden ist! Das habe ich all dem Sport und den Atemübungen zu verdanken, die ich vor und während der Schwangerschaft gemacht habe.

Was sind Ihre Pläne? Werden wir Sie bald wieder in Frankreich sehen können?

Ich bin jetzt in Hamburg und probe alle vier Damenrollen in Les contes d'Hoffmann für die Eröffnung der Saison im September. Aber ich werde natürlich wieder nach Frankreich kommen: Im März 2022 werde ich in Paris sein, für ein Konzert in der Pariser Philharmonie.

Interview von Elodie Martinez

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