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Die Königin von Saba Charles Gounod Besuch am 15. Mai 2026 Premiere
Deutsche Oper am Rhein Oper Düsseldorf
Wo in der Liebe der Baumeister den König von Jerusalem aussticht
Die Praxis der Deutschen Oper am Rhein, einmal je Spielzeit seltener zu erlebende Opern konzertant zur Aufführung zu bringen, ist auch eine Einladung zur Begegnung mit unterschiedlichen Konventionen des Genres. Nach den Belcanto-Opern I Capuleti e i Montecchi und Beatrice di Tenda von Vincenzo Bellini nun also die Grand opéra La reine de Saba von Charles Gounod mit den Duisburger Philharmonikern als Doppel- Premiere. Zunächst im Düsseldorfer Haus, am 31. Mai im Theater Duisburg.
Gounods Komposition, uraufgeführt 1862 in der Opéra de Paris, folgt der biblischen Geschichte der schönen Königin von Saba. Deren historische Existenz ist freilich nicht gesichert, was der Wirkung dieser märchenhaften Figur auf zahlreiche Künstler aller Epochen nicht im Geringsten geschadet hat. Die Episode nach einem Libretto von Jules Barbier und Michel Carré, die wiederum auf einem Kapitel aus Gérard de Nervals Voyage en Orient beruht, erzählt von der tragischen Liebe einer Königin circa 950 v. Chr. in und um Jerusalem.
Balkis, Königin eines Reiches mutmaßlich auf dem Gebiet des heutigen Jemen, lernt bei einem Besuch Solimans, ihres designierten Gatten, den Baumeister und Bronzegießer Adoniram kennen, der für Soliman einen wundervollen Bau errichten soll. Beide verlieben sich ineinander. Balkis, hingerissen von seiner Kunst, verlässt den König, ohne dass sich ihr Glück erfüllt. Adoniram fällt einer tödlichen Intrige zum Opfer, die von drei Handwerksgesellen bei Soliman eingefädelt wird. Balkis bleibt einzig und allein, dem Baumeister über den Tod hinaus ihre Liebe zu bekunden. Wer hätte da nicht Isoldes Liebestod im Gedächtnis?
Gounod stellt in seiner Grand opéra den Genius des Künstlers und die Hingabe an sein Werk in den Mittelpunkt. In der Anlage erinnert sie an Benvenuto Cellini von Hector Berlioz. Ebenfalls ein Künstlerschicksal, das des Renaissance-Bildhauers, der vom Papst den Auftrag erhält, eine große Bronzestatue zu gießen. 1875 wird in der Wiener Hofoper Karl Goldmarks Oper Die Königin von Saba uraufgeführt. Sie entwickelt sich von Beginn an zu einer der erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts. Hingegen steht Gounods Fünfakter unter keinem guten Stern. Napoleon III. dringt auf deutliche Veränderungen. Er empfindet es als Skandal, dass ein Baumeister einem amtierenden Regenten vorgezogen wird. Dies ist der Hintergrund der merkwürdigen Umbenennung des historischen Königs Salomo in Soliman, was eine unmittelbare politische Verbindung vermeiden helfen soll.
Die Uraufführung wird für Gounod aus unterschiedlichen Gründen zum Fiasko, in der Salle Le Peletier wie in der Pariser Presse. Die Komposition kollidiert mit den traditionellen von Giacomo Meyerbeer geprägten Erwartungen des Pariser Großbürgertums. Die bei Gounod aufkeimende Suche nach musikalischer Erneuerung wird wegen ihrer ambivalenten Nähe zum Opernrevolutionär Richard Wagner nicht verstanden oder schlicht abgelehnt. In heutiger Sicht ist Die Königin von Saba wegen Gounods Fähigkeit, thematische und psychologische Zusammenhänge subtiler und wirksamer darzustellen als bis dahin gewohnt, eine Wegbereitung für eine neue Komponistengeneration. Für diese stehen die Namen Gabriel Fauré, Emmanuel Chabrier, Georges Bizet.
Die plastische Schilderung des Geschehens vor dem Tempel Jerusalems, in Solimans Palast, im Palmenhain im Teich von Siloah, wo die Sabäer lagern, und ganz besonders in der Gießstätte Adonirams unweit des Tempelbergs lässt erahnen, mit welchem Aufwand an Ausstattung, Kostümen und Maschinerie die Bühnenrealisierung von Gounods Spektakel verbunden war. In einer konzertanten Aufführung werden die Schwächen des Librettos in Gestalt von banalen Wendungen insbesondere dann unübersehbar, wenn der Besucher den deutschen Übertiteln folgt.
Hendrik Vestmann, der Dirigent der insgesamt fünf geplanten Aufführungen in Düsseldorf und Duisburg, hat das imposante Werk auf eine konzentrierte Fassung zugeschnitten, um möglichst viele Szenen und musikalische Einfälle auch in einer konzertanten Version unterzubringen. Ein anspruchsvolles Unterfangen, das hörbar gelingt. Der weit gespannte Bogen einer „großen Oper“ zeichnet sich durch rasch wechselnde Stimmungen aus, die den Charakteren und Emotionen der Hauptfiguren folgen. Zwar ist die Königin noch eine klassische Nummernoper, doch „erlaubt“ sich Gounod anders als in der italienischen Oper mit ihren stark rezitativischen Anteilen eine packende neuartige Dynamik. Sie entsteht etwa dann, wenn eine Sequenz explodierender Ausbrüche unmittelbar auf eine äußerst zarte Stimmung folgt oder umgekehrt. Auch dann, wenn der in der Grand opéra elementare Massenchor mit peitschender Gewalt den Auftritt eines Sängerdarstellers kommentiert oder auf seine Weise fortsetzt.
Die Königin von Saba spielt zwar im Orient, will aber nicht den Anspruch einer „orientalischen Oper“ im engeren Sinne eingehen, so durch Adaption arabischer Exotik. Es dominieren französischer Esprit, elegante Musikfarben und ein aristokratischer Charakter. Das Orchester ist auf der Bühne postiert. Links zwei Harfen, rechts vier Kontrabässe, Holz und Blech etwas erhöht. Dadurch scheinen die beiden Klarinetten in das Zentrum des musikalischen Geschehens gerückt, wofür sie sich mit hinreißendem Spiel bedanken. Dahinter agiert der Chor der Deutschen Oper am Rhein mit Wucht und Temperament, wenn Spannung und Expressivität gefordert sind. Einmal mehr von Albert Horne vorzüglich einstudiert.
Das Werk sieht neun Solisten vor. Gleichwohl liegt der Fokus auch in der dramaturgischen Konzeption der Charaktere auf den drei Hauptpartien. Als Balkis ist Liana Aleksanyan in der einfühlsamen Zeichnung der leidgeprüften Liebenden eine sichere Bank. Mit ihrem voluminösen höhensicheren Sopran erfüllt sie die lyrischen wie die dramatischen Anforderungen der Partie voll und ganz. Sie bietet dem König von Jerusalem mit lodernder Parforce die Stirn, ist aber mit der Klage Höre ich auf, eine Frau zu sein, nur weil ich Königin bin? berührender, weil schlicht ein Mensch. Außerordentlich präsent ist sie im Liebesduett des dritten Akts mit Adoniram, in dem sich ihr Schicksal wendet und letztlich entscheidet.
Gounod hat den Baumeister Adoniram, mehr Künstler als Handwerker, bewusst in das Zentrum des Künstlerdramas gestellt. Der Tenor Sébastien Guèze entspricht der Anforderung des durchaus jugendlichen Helden mit weitgespannter Tessitura, ohne indes voll zu überzeugen. Während die Stimme in der Höhe die schneidende Brillanz entwickelt, die seine Angriffe auf Soliman prägen, verliert sie in der Mittellage an Ausgeglichenheit, wirkt sie immer wieder schroff, was nur zum Teil mit der Figur im Stück zu tun haben dürfte.
Auf jeden Fall überstrahlt wird er von Bogdan Taloș mit seinem nobel timbrierten Bass in der Partie des Soliman. Ist der König im Drama eigentlich der schwächere Part, so gleicht er dies stimmlich mit der nuancierten Schilderung von Zerbrechlichkeit, Eifersucht und Schmerz mehr als aus, die persönliche Größe verrät. Seine Duette, einmal mit Balkis, dann mit Adoniram avancieren zu Höhepunkten der Aufführung. In den Partien der drei verräterischen Gesellen machen Andrés Sulbarán als Amrou, Jake Muffett als Phanor und Valentin Ruckebier als Méthousaël gute Figur, letzterer mit kernigem Bass und offensiver Gestik. Annabel Kennedy als Bénoni gewinnt gleich zu Beginn mit einem beherzten Auftritt an Statur. In weiteren Partien unterstreichen Charlotte Langner als Sarahil und Jacob Harrison als Sadoc den positiven Gesamteindruck.
Das Publikum im vielleicht zu 80 Prozent belegten Saal feiert alle Mitwirkenden stürmisch. Große Oper kann offensichtlich auch heute die Aufmerksamkeit finden, die ihr vor und noch einige Jahre nach der Jahrhundertwende in Paris dank exorbitanten Aufwands sicher war. Die vom Radioprogramm WDR 3 besorgte Aufzeichnung der Düsseldorfer Aufführung soll im Herbst des Jahres in ARD Oper gesendet werden, also bundesweit. Ein willkommener Schritt, dem Werk zu neuerlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen.
Dr. Ralf Siepmann
Copyright Foto: Jochen Quast
18. Mai 2026 | Drucken
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