Wild-West-Epos ohne Räuber-Romantik und Tenorglanz im Angesicht des Galgens

Xl_la_fanciulla_theater_bonn_opernhaus__c__sandrathen-76-1-p © Sandra Then

La fanciulla del west Giacomo Puccini Besuch am 18. Oktober 2026 Premiere am 4. Oktober 2026

Theater Bonn Opernhaus

Wild-West-Epos ohne Räuber-Romantik und Tenorglanz im Angesicht des Galgens

Im Sommer 1909 entscheidet sich Giacomo Puccini endgültig, seine ursprünglich geplante Oper Die Österreicherin, eine Darstellung der letzten Tage von Marie Antoinette auf ein Textbuch von Luigi Illica, aufzugeben und sich ganz der Bibel lesenden Saloon-Betreiberin Minnie zu verschreiben. Kennen und, wie er mehrfach schreibt, lieben gelernt hat sie der Komponist beim Besuch des Theaterstücks The Girl of the Golden West von David Belasco bei einem Aufenthalt in New York. Ein gutes Jahr später, am 10. Dezember 1910, erlebt La fanciulla del west auf ein Libretto von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini an der Met mit Arturo Toscanini am Pult und Enrico Caruso in der männlichen sowie Emmy Destinn in der weiblichen Hauptrolle einen glänzenden Publikumserfolg.

Met-Direktor Giulio Gatti-Casazza, langjähriger Freund Puccinis, lässt es sich nicht nehmen, dem Haus schon zwischen dem zweiten und dritten Akt den Komponisten, dekoriert mit einem riesigen silbernen Kranz, wie einen Boxchampion zu präsentieren. Ungeachtet des Anfangserfolgs, der sich kurz danach in Chicago und Boston, London und Rom erneut einstellt, erreicht Puccinis Goldgräber-Drama nicht die Popularität seiner frühen Kompositionen. Arbeitet etwa die Staatsoper Hamburg seit einigen Jahren mit einer Inszenierung von Vincent Boussard gegen den Trend der tendenziellen Ablehnung des im Wilden Westen um 1850 spielenden Puccini-Verismo an, unternimmt gerade das Theater Bonn einen neuerlichen Versuch der Ehrenrettung. Diesen, macht die Inszenierung von Daniela Kerck überdeutlich, müsste es eigentlich gar nicht geben. Dafür sind Musik und Szene, was auch die begeisterte Aufnahme durch die Besucher unterstreicht, Musiktheater der besseren Sorte.

Gewiss, Puccinis Courage, dem Wilden Westen der USA zu einem Debüt auf der Opernbühne verhelfen zu wollen, entbehrt der schwelgerischen Melodik und der süffigen Arienkultur seiner Verismo-Trias vor und nach der Jahrhundertwende. Die Partitur im Bemühen, die Welt des kalifornischen Goldgräberrauschs sinnlich erlebbar zu machen, ist voller rauer, in den Blechbläsern partiell brutaler Orchesterfarben. Voller Spannungen und klopfender Rhythmen auf der Suche, die Charaktere der wilden Kerle samt ihrer gelegentlich ans Kitschige heranreichenden Räuberromantik einzufangen. Akzentuiert durch Anklänge an monotone Indianerweisen sowie ragtime-nahe Stile, die sich im Milieu der Goldgräber entwickelten.

Doch berührt auch die Musik der Fanciulla, in der Puccini „Liebe, nur Liebe, die die ganze Welt regiert“, sah, mit ihren Passagen von Verlangen, Furcht und Hoffnung. Mit ihrem einzigen, dann aber schwelgerischen Leitmotiv - Ausdruck der Fähigkeit, mit der Minnie zu lieben versteht –, das die gesamte Oper durchzieht. Mit ihren impressionistischen Ausflügen in eine noch nicht definierte Moderne, die indirekt Puccinis Verehrung für Claude Debussy erkennen lassen. Und seine sich aufbauende Affinität zur Filmmusik, die in ihm mit seinen New York-Aufenthalten wächst. Das Beethoven Orchester Bonn unter der musikalischen Leitung von Dirk Kaftan jedenfalls zeigt sich den und An- und Widersprüchen dieser Partitur gegenüber mehr als gewachsen. Dies gilt auch für die Herren des Chores des Theaters, einstudiert von André Kellinghaus, die mit ihren packenden Goldgräbergesängen dem Ganzen eine dunkle Grundierung verleihen, die mit ihrer Verfolgungsjagd im dritten Akt noch gesteigert wird.

Damals wie heute dürfte eine Ursache für die zögerliche Akzeptanz der Oper nicht zuletzt das Drama sein, das sich im Saloon Polka, in Minnies Zimmer sowie in einem Wald abspielt. Minnie, das „Mädchen mit 30 Dollar Bildung“, wie sie sich beschreibt, Betreiberin des einzigen Treffpunkts in der Gegend, wird von den Goldgräbern in einer Mischung aus emotionaler und erotischer Verehrung begehrt, ohne dass sie einem von ihnen ihre Gunst schenkt. Erst als ein geheimnisvoller Unbekannter auftaucht, der vom Sheriff gesuchte Bandit Dick Johnson alias Ramerrez, der es auf das geschürfte Gold abgesehen hat, ändert sich Minnies Gefühlsleben schlagartig. Der aus Sacramento angereiste Räuber verliebt sich in Minnie, diese in ihn, worauf Johnson seinen Plan aufgibt, das Gold zu rauben.

Bis zum versöhnlichen Ende, der Begnadigung Johnsons und seinem Aufbruch mit Minnie in ein neues Leben – gefeiert von beiden mit dem patriotischen Ausruf Addio, mia dolce terra! Addio, mia California! – erlebt das Publikum eine wahre Räuberpistole, in der Minnie sich zur leidenschaftlich liebenden und äußerst durchsetzungsfähigen Heldin des Dramas aufschwingt. Dabei spielen eine Pokerpartie samt falscher Karte und ein bedrohlicher Colt zu Pferde eine besondere Rolle.

Angesichts der aus Sujet, Milieu und Drama folgenden Nähe zu den Klischees des Wilden Westens – man wartet ja geradezu auf das Video vom in die Abendsonne reitendem Liebespaar – drängt sich die Frage auf, ob sich Daniela Kerck, die Regisseurin, der Versuchung entgegengestemmt hat, die Ballade vom „edlen Banditen“ als Kitschrevue zu inszenieren. Die Antwort lautet uneingeschränkt: ja. Ihr Regiekonzept kann durchaus mit dem umschrieben werden, was im heutigen Musiktheater immer seltener zu beobachten ist, das Bemühen um Werktreue.

Kerck, die auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, lässt die Episode in einem weitgehend dunklen unprätentiösen Einheitsraum spielen. Minnies Saloon wird lediglich durch eine Bar am linken Bühnenrand sowie Stühle im Zentrum angedeutet. Einmal, in der Szene Mister Johnson, un valzer? wird ein Klavier hineingerollt, was Harry, gespielt von Ján Rusko, einen kurzen trefflichen Auftritt als Barpianist ermöglicht. Mit wenigen Handgriffen wandelt sich die Schenke zum Zimmer in Minnies Blockhaus mit Schrank und Bett, in dem sich auch die bizarre Pokerpartie von Minnie und Sherriff Jack Rance abspielt, den Devid Cecconi mit baritonaler Eindringlichkeit und bedrohlicher Ausstrahlung verkörpert.

Für das nötige Lokalkolorit sorgen einmal die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer mit den notorischen Cowboyhüten und Ledergamaschen, ohne die bekanntlich kein Hollywood-Western auskommt. Zum anderen die Videoprojektionen von Astrid Steiner, die die Gebirgsregion der kalifornischen Sierra in wechselnden Stimmungen zeichnen, atmosphärisch besonders reizvoll durch Schneeflocken im Sturm auf dem Gaze-Vorhang. Zu Beginn des dritten Akts verlangt das Libretto eine freie Lichtung, auf der sich einige Goldgräber sowie Ashby, der Agent von Wells Fargo, in der Morgendämmerung den Schlaf aus den Gliedern schütteln. In dieser und weiteren Szenen zeigt sich die Lichtkunst von Max Karbe. Ashby, neben dem Sherriff ernsthaftester Verfolger Johnsons, konturiert Mikhail Biryukov mit grimmiger Attitüde.

Jede Besetzung der beiden Hauptpartien hat mit dem Handicap zu tun, dass die geschlossenen Solonummern, vornehmlich Arien und andere Glanzstücke des Sologesangs, hinter der musikdramatischen Dominanz der Fanciulla zurücktreten. Die Parforce, mit der Yannick-Muriel Noah Minnie und George Oniani Dick Johnson mit Leidenschaft und Hingabe verkörpern, lässt indes den vermeintlichen Nachteil nach und nach verblassen. Beiden schenkt Puccini zwar noch jeweils einen solistischen Auftritt im Stil seiner Oper Tosca, mit der die Fanciulla musikalisch wie thematisch erstaunliche Parallelen aufweist. Minnie das Arioso Laggiù nel Soledad. Noah beeindruckt hier mit inniger Beschwörung ihrer mädchenhaften Sehnsüchte. Johnson die Arie Ch’ella mi creda libero e lontano, die Oniani mit silbrig-metallischem Timbre und müheloser Höhe bewegend singt - so eindringlich, als gäbe es die Handschellen nicht, die ihn in Blickweite des bereits aufgestellten Galgens fesseln.

Alle weiteren Rollen – Minni agiert als einzige weibliche Hauptpartie in einem Netz von 18 männlichen Personen – sind in der Figurenzeichnung wie im Spiel ansprechend besetzt, darunter besonders zu nennen Gillen Munguia als Nick, Kellner des Saloons, und Tobias Greenhalgh als Sonora, der empathische Goldgräber. 

Das Publikum im nicht ganz ausverkauften Haus lässt durch anhaltenden Jubel für alle Künstler erkennen, dass es durchaus gewillt scheint, das Mädchen aus dem Wilden Westen in den Kanon der Puccini-Favoriten aufzunehmen. Wie weit dies mehr sein wird als eine Momentaufnahme, bleibt abzuwarten.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Sandra Then

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