Wie ein therapeutisch fähiger Vogel das Spiel um Zufall und Glück antreibt

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La gazza ladra Gioacchino Rossini Besuch am 25. Juli 2025 Premiere

Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad Bad Wildbad Kurhaus

Wie ein therapeutisch fähiger Vogel das Spiel um Zufall und Glück antreibt

In der 39 Werke umfassenden Welt der Oper von Gioacchino Rossini haben die Librettisten des Meisters aus Pesaro wenig ausgelassen. Gewiss, Vögel spielen in der Oper durchaus eine Rolle, vom Vogelfänger Papageno in der Zauberflöte bis zum Waldvogel in Siegfried und zum Falken in der Frau ohne Schatten. Ein Vogel, eine Elster, die silberne Löffel klaut, als zentrale Theaterfigur ist dann wohl doch mehr als ungewöhnlich, Rarität und Besonderheit. Ebenso selten wie das Genre der semiseria, dem La gazza ladra, das 1817 an der Mailänder Scala uraufgeführte Melodramma, zuzuordnen ist.

Es mögen vielfältige Gründe sein, die für die Außenseiterposition des Zweiakters in den heutigen Spielplänen der Musiktheater ursächlich sind. Trotz des Engagements gerade des Rossini-Spezialisten Alberto Zedda nach 1970 für das Werk. Unter dem Eindruck der Neuproduktion beim Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad sollte zumindest die Frage erlaubt sein, ob es nicht angebracht wäre, die Tür zum Vogelbauer zu öffnen und der diebischen Elster, also dem Stück weitere Ausflüge in die Bühnenwelt zu erlauben.

Rossini ist wenige Wochen nach seinem Erfolg mit La Cenerentola in Rom auf der Suche nach einem Stoff, um einen Auftrag des Teatro alla Scala zu erfüllen. Das Angebot des Mailänder Librettisten Giovanni Gherardini, der ihm die Bearbeitung des Melodrams La pie voleuse, ou La servante de Palaiseau der französischen Theaterschriftsteller Louis-Charles Caigniez und Jean-Marie-Théodore Baudouin d’Aubigny empfiehlt, kommt ihm da gerade recht.

Handelt es sich doch einmal um ein Stück vom Format des Melodrame au grand spectacle, das im Paris des restaurativen Umbruchs im gerade aufblühenden Boulevard-Theater Besucherschichten anlockt, die bis dahin in der klassischen Oper nur spärlich vertreten sind. Zum anderen sind die alltäglichen Charaktere der Geschichte – Figuren aus dem bäuerlichen Milieu eines Dorfes zur Zeit der napoleonischen Gegenrevolution – allen Bevölkerungsschichten bestens geeignet, sich mit den Protagonisten zu identifizieren. Mit dem armen Dienstmädchen, das zu Unrecht mit dem Tode bedroht wird und sich für seinen Vater aufopfern will. Mit dem charismatischen Vater, der bereit ist, sein Leben für die Rettung seiner Tochter zu geben. Mit dem am Ende scheiternden Bürgermeister, der seine Macht ausnutzt, um die Dienstmagd sexuell zu belästigen, aber von der Wahrheit überrollt wird und der Lächerlichkeit anheimfällt.

Zentrale Figur der vermeintlich wahren Geschichte von einem Dienstmädchen, das in Palaiseau auf Grund eines Diebstahls, den es nicht begangen hat, nach der damaligen Ständeordnung hingerichtet werden soll, ist Ninetta. Sie zählt zum Gesinde des reichen Landpächters Fabrizio Vingradito. Um den aus dem Militärdienst heimkehrenden Giannetto, Sohn des Pächters, in den Ninetta verliebt ist, gebührend zu empfangen, wird ein Fest vorbereitet. Lucia, die Hausherrin, stellt sich gegen die Verbindung. Ninettas Vater Fernando Villabella, der von der Obrigkeit als Fahnenflüchtiger gesucht wird, übergibt seiner Tochter ein Besteck. Dessen Erlös soll ihn bei der Flucht unterstützen. 

Lucia erfährt von dem Geschäft, gleichzeitig von einem verschwundenen Löffel. Der Verlust wird dem Mädchen angelastet. Lucia bewirkt, dass Ninetta in das Gefängnis gebracht wird. Podestà Gottardo, der Bürgermeister, der Ninetta schon länger bedrängt, versucht die Situation in seinem Sinne auszunutzen, wird aber von ihr abgewiesen. Fernando eilt ihr zu Hilfe, wird aber selbst inhaftiert. Als offenbar wird, dass an allem eine kleptomanische Elster schuld ist, wird das gegen Ninetta verhängte Todesurteil aufgehoben. Ihrer Heirat mit Giannetto steht nichts mehr im Wege. Das lieto fine wird durch die amtliche Begnadigung Fernandos komplett.

Beim Wildbader Belcanto Festival ist La gazza ladra zum zweiten Mal nach 2009 in einer szenischen Produktion auf dem Spielplan. Dabei schließt sich ein Kreis. Ist sie damals die letzte inszenierte Produktion im Kurhaus, bevor die Festspiele in die Trinkhalle als vorüber gehende Hauptspielstätte wechseln, so fungiert sie jetzt als Premiere zur Wiedereröffnung des inzwischen renovierten Kurhauses. Es weist zwar weniger Plätze auf, passt aber mit seinem Theaterinterieur im späten Jugendstil vorzüglich zur Corporate Identity der Festspiele. Immerhin verfügt das Kurhaus über eine Drehbühnentechnik, die den Regieambitionen der Festspielleitung neue Optionen eröffnet.

Auf die Bühne gelangt Rossinis Fassung für Neapel, wo sie 1819 am Teatro del Fondo und ein Jahr später am Teatro San Carlo aufgeführt wird. Wesentliches Movens hierfür sind drei Alternativarien an Stelle der Originale der Mailänder Uraufführung. Erklärt werden sie mit diversen Umbesetzungen und neuen dramaturgischen Akzentuierungen. So übernimmt – ein Beispiel – in Neapel die berühmte Altistin Rosamunda Pisaroni die Rolle des Pippo an Stelle der Uraufführungsbesetzung. Rossini verfasst für sie die Auftrittskavatine Beviam, tocchiamo a gara, die das schlichtere Trinklied der Mailänder Fassung ersetzt. Dramaturgisch resultiert hieraus eine unverhältnismäßige Aufwertung der Partie des jungen Bauernburschen, worüber Rossini-Exegeten lange diskutieren mögen. Die fabelhaft singende Mezzosopranistin Francesca Di Sauro hindert dies überhaupt nicht, ihren Auftritt und den anschließenden Beifall des Publikums regelrecht zu genießen.

Regisseur und Festivalleiter Jochen Schönleber legt sein Regiekonzept dezidiert auf die Seria-Dimension des Stücks an. Für ihn ist die Oper bittere geschichtliche Wahrheit, die aufzeigt, wie er in einem Beitrag für das Programmheft notiert, dass die Besitzenden ihren Reichtum auch mit brutalsten Mitteln verteidigen, selbst mit der Todesstrafe für „häuslichen Diebstahl“. O-Ton Schönleber: „In Deutschland kann ein wohlhabender Banker viele Millionen von unserem Geld mit Cum-Ex unterschlagen und sitzt weiterhin in seinem Ledersessel, während arme Schlucker wegen ein paar nicht gelösten Fahrscheinen … in den Knast wandern.“

Diese sozialkritische Sicht auf die Geschichte eines Mädchens, das in die Mühlen des Gesetzes gerät, wird bereits mit dem ersten Bild manifest. Zum berühmten Trommelwirbel der Ouvertüre, der den Machtanspruch des anicen régime und die Unerbittlichkeit einer obrigkeitshörigen Justiz illustriert, besteigt Ninetta einen der Tische, die für das Festmahl zu Ehren Giannettos bereitet werden. Dort bricht sie wie tot zusammen, nachdem sie ihren aus dem Krieg heimkehrenden Vater entdeckt hat, der sich mit seinen Verwundungen an diesen klammert. Über den vielfältigen Handlungsfäden mit ihren Schwankungen um Zufall und Glück hängt von Beginn an die Crux eines fatalen Schicksals.

Auf der kleinen Bühne, die von Schönleber und Lars Werneke mit einfachen Requisiten und Stellwänden weidlich genutzt wird, bieten sich etliche Schauplätze rund um das Geschehen, das vom anfänglich unbekannten Löffeldiebstahl der Elster angetrieben wird. Sei es das Zusammentreffen Ninettas außerhalb des Dorfes mit dem Krämer Isacco, an den sie das Besteck verkauft. Sei es das Turteln Lucias im Anwesen der Vingraditos mit der Elster, deren Vogelbauer inmitten des verschiebbaren Mobiliars untergebracht ist. Der Vogel ist ihr als Objekt einer üblen Intrige höchst willkommen, um Ninetta zu belasten, sich aber selbst schadlos zu halten.

Intensiv lässt Schönleber den Kampf Ninettas gegen die Zudringlichkeit des Podestà ausspielen. Kaum an Schaurigkeit zu überbieten ist die Gerichtsszene, die mit dem einstimmigen Todesurteil nach „geheimer“ Abstimmung der Geschworenen endet. Während durchweg heutige Alltagskleidung dominiert, hat Katarzyna Coufal den Geschworenen – eine Delegation der Damen des Chores – schwarze Kostüme verpasst, die an den Schultern in weiße Federn auslaufen. Eine Anspielung an die Elster findet sich auch im Outfit Lucias, deren Perücke die Assoziation eines Vogelnestes auslöst.

A propos Elster: Während bei früheren Inszenierungen, so 1984 in Köln in der Regie von Michael Hampe, ein ferngesteuerter Vogel verwandt wird, immer nur wenige Sekunden von einer Bruchlandung entfernt, avanciert sie bei Schönleber zu einem höheren Wesen. Zwar ausgestopft, aber mit therapeutischen Fähigkeiten ausgestattet, weil sie spiegelt, was die Menschen innerlich bewegt.

Orchester und Chor der Filharmonia Szymanowskiego, Kraków unter der Leitung von José Miguel Pérez-Sierra erzeugen einen Rossini-Sound, der das eigentlich bescheidene Schauspiel in die musikalische Qualität katapultiert, die den Reiz jeder Gazza-Aufführung ausmacht. Der von Agnieszka Ignaszewska-Magiera einstudierte Chor besticht durch seine hohe Wandlungsfähigkeit, da er unterschiedliche Rollen zu erfüllen hat, von den Dorfbewohnern über die Dienerschaft bis hin zu den Amtspersonen bei Gericht.

Das Sängerensemble bestätigt Wildbader Festival- und Belcantoniveau. Zur Doppelbödigkeit des Dramas scheint zu passen, dass der Interpret des schmutzigsten Charakters im Drama, des Podestà, den herausragendsten Eindruck hinterlässt. Nathanaël Tavernier ist mit profundem Bass und maliziöser Mimik ein Gottardo aus dem Lehrbuch des Bösen und zugleich der Dreh- und Angelpunkt in den großen Ensemblenummern, so im Quintett des zweiten Akts, bei dem auch der Chor prächtig mitmischt. Seine Kavatine Il mio piano è preparato legt er zu einem Bravourstück der Hinterhältigkeit an.

Ileana Cotrubas1984 in Köln und Katia Riccarelli fünf Jahre später in Pesaro verkörpern Ninetta zu einem Zeitpunkt, zu dem ihre Karriere schon fortgeschritten ist. Als Ninetta an der Oos hat die Sopranistin Claudia Muschio das Privileg einer gewissen Jugendlichkeit, die sie voll in die Waagschale wirft, auch wenn die technisch ausgefeilte Komponente die empathische weit übertrifft. Mit ihrer Cavatine Di piacer mi balza il cor vermittelt sie pure Lebensfreude, mit der Cabaletta Tutto sorridere die reine Unschuld ihres Charakters. Giannetto ist der ausgezeichnete Tenor Patrick Kabongo, Wildbadens Publikumsliebling in diesem Fach, auch wenn ihm hier nicht die Bedeutung erwächst wie in den Rossini-Meisterstücken Il barbiere di Siviglia, La Cenerentola oder auchArmida. Sein Duett im Kerker Forse un di conoscerete mit Ninetta avanciert mit feiner Phrasierung zu einem der berührendsten Höhepunkte der gesamten Aufführung.

In den Partien seiner Eltern sind Matteo Torcaso als Fabrizio Vingradito und Gaja Vittoria Pellizzari als Lucia angemessene Besetzungen, wobei der dunkel gefärbte Mezzo Lucias den labilen Vater allein schon wegen ihrer gespielten Boshaftigkeit aussticht. Als Ninettas Vater Fernando ist Emmanuel Franco mit markantem Bariton und packendem Spiel ein Gewinn. Im rauschhaften ersten Finale In casa di Messere, das Rossinis Ensemble-Kunst wie im Brennglas zeichnet, ist er zwar nicht mit von der Partie, aber entschuldigt, da noch auf der Flucht. Davide Zaccherini als krächzender Isacco, Timoteo Bene Junior als Antonio und Giovanni Accardi als Giorgio machen ihre Sache mehr als gut.

Der langanhaltende Jubel des Publikums im restlos besetzten Kurhaus für alle Akteure, auch für das Regieteam, zeigt, dass selbst eine fast vierstündige Aufführung bei drückender Sommerhitze der Rossini-Begeisterung nichts anhaben kann. Jener Stimmung, die in Bad Wildbad von Aufführung zu Aufführung neu errungen und gefunden werden muss. Bis zum 1. August gibt es noch zwei Gelegenheiten. Man möge sie nutzen.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Patrick Pfeiffer

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