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Die Zauberflöte Wolfgang Amadeus Mozart Besuch am 3. Oktober 2026 Premiere
Theater Bonn Opernhaus
Wenn die Prüfungen in der Kunst brennend aktuell auf die Realität übergreifen
Bevor Tamino und Pamina ihre letzte Prüfung, die des Feuers und des Wassers, zu bestehen haben, bevor sie in den Sonnenkreis Sarastros eintreten dürfen, ist bei der Premiere der Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart im ausverkauften Theater Bonn von einem sehr viel ernsteren Prüffall die Rede. Bernhard Helmich, der Generalintendant, berichtet vor geschlossenem Vorhang von einem Auftrag der Bonner Verwaltungsspitze vom Vortag, dem zufolge die „Aufgabe des Schauspiels geprüft“ werden soll. Helmich, dessen Vertrag erst wenige Tage zuvor bis Ende der Spielzeit 2029/30 auf der Grundlage eines Ratsbeschlusses von 2025 über den Erhalt aller Theatersparten verlängert worden ist, äußert sich kämpferisch: „Mit mir als Intendant wird es eine Schließung des Schauspiels nicht geben.“ Tosende Zustimmung in Parkett und auf den Rängen.
Was sich nach diesem brandaktuellen Einblick in die Haushaltsmisere der Bundesstadt auf der Bühne entwickelt, ist einmal mehr das Wunder, das eine vom Märchen ausgehende Inszenierung der vorletzten Oper des Komponisten begründen kann. Die Zauberflöte, notiert der Mozart-Forscher Alfred Einstein, „gehört zu den Stücken, die ebenso ein Kind entzücken wie den Erfahrensten der Menschen zu Tränen rühren, den Weisesten erheben können“. Als sich nach einer furiosen Aufführung das Publikum auch physisch unter Beifall und Jubel erhebt, darunter zahlreiche Kinder, hat sich Einsteins Weissagung neuerlich bestätigt.
Die Entscheidung der Intendanz, die neue Spielzeit mit der Übernahme einer Produktion der Opéra Royal du Château de Versailles und der Opéra de Wallonie-Liège zu eröffnen, ist – um noch einmal von Finanzen zu reden – Teil der schon länger zu beobachtenden Strategie, durch Koproduktionen und Übernahmen das Budget von Oper Bonn in der Balance zu halten.
Cécile Roussat und Julien Lubek, die Regie, Bühne und Kostüme erdacht haben, zeigen Mozarts Große Oper auf das Libretto von Emanuel Schikaneder als kindlichen Theatertraum. Zu Beginn liegt der kleine Tamino in einem Erwachsenenbett unter einem königsblau ausgeleuchteten Baldachin, träumt von der Liebesgeschichte zwischen Prinz Tamino und Pamina, die einen großen Raum für Akrobaten und Tänzer, Puppenspiele und Zauberwesen aus dem Tierreich öffnet. Auch am Ende, nachdem die „Strahlen der Sonne die Nacht vertrieben und die erschlichene Macht der Heuchler vernichtet“ haben, ist noch einmal der kleine Tamino im selben Bett zu sehen, wie er eine Puppe eng umschlossen hält. Sie könnte eine kindliche Prinzessin symbolisieren, die aus der Verbindung von Tamino und Pamina entstanden ist und den Kreislauf der Liebe in der nächsten Generation fortführen wird.
Mit dem ersten Bild, der Schlange, die aus den Intarsien des Betts entsteht, legen Roussat und Lubek an den Tag, wie die phantasievolle Mischung des Stücks aus himmlischer Verklärung, wunderlichen Geschehnissen und derben Späßen unter Regisseuren eine nicht minder kreative Inszenierungsspirale in Gang setzen kann. Die riesige Schlange, vor der Tamino in einem gestreiften Seidenpyjama von den drei Damen gerettet werden muss, ist ein Feuer speiendes Reptil mit Glutaugen. Die von Kathryn Henry, Susanne Blattert undAlicia Grünwald ganz ausgezeichnet gesungenen und gespielten Botschafterinnen der Königin agieren in Kostümen im altägyptischen Look, die ihnen lediglich Trippelschritte wie bei japanischen Geishas erlauben.
In einem wuchtigen Kleiderschrank sind Mäntel drapiert, aus denen sich die drei singenden Knaben, einstudiert von Ekaterina Klewitz, herauswinden. Wie Ida Rausche, Milena Belloche und Rea Simon den Übergang aus der Erstarrung zur lebendigen Aktion gestalten und Tamino bedeuten, „standhaft, duldsam und verschwiegen“ sein zu müssen, ist ganz wunderbar. Papageno betritt aus einer Decke mit stiebenden Daunen die Szene, Pamina aus einem Vogelkäfig, in dem sie von Monostatos gefangen gehalten wird, bis sie Papageno befreit. Dabei bewegt sie sich gekonnt stakkatoartig und erinnert so an die Puppe in Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen. Der Tenor Ralf Rachbauer liefert in dieser Rolle, in der man manchmal Ablehnung von Seiten des Publikums in Kauf nehmen muss, eine ausgezeichnete Leistung ab, auch physisch mit einem enormen Bewegungsradius und kongenialer Pamina-Puppe. Die Königin der Nacht hängt als Abbild an der Wand, ehe sie sich mit fordernder Attitüde aus ihrem Schattenkreis in das Bühnenzentrum postiert.
Sarastros Prüfungs- und Weisheitstempel ist ein Haus der Bildung. Beruht bei Richard Wagner die Autorität von Wotan auf Verträgen, so ist sie hier auf Klugheit und Vernunft gegründet. Zu sehen ist eine riesige Fassade mit Bücherregalen. Eines dieser Regale mutiert zur Kulisse für die weitere Handlung. Bücherschränke größter Dimensionen werden hin und her geschoben. Durch offene Luken beobachten der Sprecher sowie Statisten das Geschehen, woraus eine unheimliche Stimmung erwächst, weil nur die Köpfe zu sehen sind.
Ist des Staunens nun anscheinend genug, so irrt die Annahme. Zwei großartige Akrobaten und vier nicht minder überzeugende Tänzerinnen zaubern immer neue Imaginationen und kuriose Bilder hervor, als Sklaven des Monostatos, als Hausdiener Sarastros, als Wildkatzen und Trolle. Schaurig-wundersam die Szene, in der Akrobaten den Baum darstellen, an dem sich Papageno erhängen möchte.
Das Theater Bonn ist in der Lage, die Partien aus dem eigenen Ensemble weitgehend mit Sängerdarstellern zu besetzen, die den stimmlichen und diesmal vor allem spielerischen Anforderungen ihrer Partien gerecht werden. In der Tradition der italienischen Komödie verlangt die Oper ein jeweils in sich stimmiges Buffo- und ein Seria-Paar. Die Bonner Besetzung ist hier ein Glücksfall.
Mirko Roschkowski, der einzige Gast, besticht durch sein helles silbriges Timbre, das ihn seit Jahren als Interpreten von Mozart-Partien auszeichnet, gefühlvolle Gesangslinien und einen kultivierten Legato-Stil. Er ruft Erinnerungen an die Ära eines Fritz Wunderlich oder Nicolai Gedda wach, auch wenn diese Tamino deutlich rauer interpretiert haben. Als Pamina ist Maria Vasilevskaya mit lyrischem Esprit und jeder Menge augenklimperndem Spielwitz überzeugend. Der Papageno von Johannes Mertes ist mit blendendem Bariton-Naturell auch gesanglich eine der Trumpfkarten des Abends. Valerie Haunz, die in Bonn geborene Sopranistin, ist in ihrer ersten Spielzeit am Bonner Haus eine akzeptable Papagena, die aber an Substanz noch zulegen dürfte. Mark Morouse setzt die Würde der Rolle des Sprechers mit sonorer Gelassenheit um.
Nicole Wackerals Königin der Nacht bestätigt ihre mehrfache Berufung in dieser Partie durch verschiedene Opernhäuser in Europa. Scheinbar mühelos bewältigt sie ihre beiden verteufelt schweren Arien, deren nicht minder mörderischen Koloraturen bis zum dreigestrichenen F hinauf folgen. Wacker ist in diesen Momenten der absoluten Wahrheit, in denen sie allein auf der Bühne steht, die stolze Frau, der in der von Männern gegebenen Ordnung keine Rechte beschieden sind. Die in ihrer Verzweiflung mit maximaler Emotion Tamino als Retter für sich gewinnen will, um die geliebte Tochter aus dem Wirkungskreis Sarastros zu befreien.
Ihren Antipoden gibt der Bass Tobias Schabel. Seinen Sarastro legt er als zentrale, aber stets von einer leeren Erhabenheit geprägte Figur adäquat an. Mit gehöriger Strenge in den Sprechsequenzen, aber unzureichender Tiefe in der Gesangslinie, was bei der an Pamina gerichteten Aussage Zur Liebe will ich dich nicht zwingen, die in der großen Oktave bis zum tiefen F reicht, überdeutlich wird. Dass dieser Vertreter eines ungebrochenen patriarchalischen Herrschaftsbewusstseins in dieser Aufführung anders als bei Schikaneder am Ende der Königin die Hand zur Versöhnung reicht, ist eine Reverenz gegenüber dem Einheitsgeist des deutschen 3. Oktober, sonst nichts.
Das Beethoven Orchester Bonn mit Daniel Johannes Mayr am Pult und der hinter der Bühne agierende Chor des Theaters, einstudiert von André Kellinghaus, zeigen sich in bester Vorbereitung und auf der Höhe der musikalischen Raffinesse, die Mozarts operone, die Große Oper, verlangt und auch erwarten darf.
Dr. Ralf Siepmann
Copyright Foto: Matthias Jung
06. Oktober 2026 | Drucken

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