Wenn die altfränkische Festwiese zum militärischen Terrain von morgen wird

Xl_22587_die_meistersinger_01_foto_sandra_then © Copyright Foto: Sandra Then

Die Meistersinger von Nürnberg Richard Wagner Besuch am 1. November 2026 Premiere am 17. Oktober 2026

Deutsche Oper am Rhein Opernhaus Düsseldorf

Wenn die altfränkische Festwiese zum militärischen Terrain von morgen wird

Parnaß und Paradies– in seiner 1979 erschienenen, unverändert lesenswerten Anmerkung zu den Meistersingern von Nürnberg nennt Hans Mayer, der Literatur- und Musikwissenschaftler, Richard Wagners einzige Komödie „die traurige Weisheit eines Leidens an Deutschland“. Man müsse sich allerdings freimachen von der Optik des Festwiesen-Finales. Spätestens seit Wolfgang Wagners affirmativer Bayreuther Inszenierung von 1986 mit fränkischem Lokalkolorit und sattem Gemüt reizt es Regisseure, sich an Wagners „großer komischer Oper“ zu reiben. So apostrophiert der Komponist seine Meistersinger noch in seinem zweiten Prosaentwurf.

Die Düsseldorfer Neubefragung durch den US-Amerikaner Daniel Kramer hat gute Chancen, als aktuelle Auseinandersetzung mit unserer nationalen Identität in die Geschichte der Rezeption des 1868 in München uraufgeführten Werks aufgenommen zu werden. In eine Reihe mit dem satirischen Rekurs von Hans Neuenfels 1994 in Stuttgart, mit Peter Konwitschnys Attacke auf den Schlussmonolog des Hans Sachs 2002 in Hamburg, mit Barry Koskys Inszenierung 2013 in Bayreuth, die das Werk mit der Famliengeschichte und dem Antisemitismus der Wagners sowie der Instrumentalisierung der Meistersinger durch die NS-Ideologie verknüpft.

Gewiss, andere Regiekonzepte zuvor haben ebenfalls radikal mit dem Behagen an der fränkischen Ästhetik und der satten C-Dur-Stimmung der Sängergilde aus den Nürnberger Honoratioren aufgeräumt und dem Unbehagen dieser Selbstgenügsamkeit gegenüber die Bühnentore weit geöffnet. Kramer, der für die Deutsche Oper am Rhein bislang drei Inszenierungen verantwortet, darunter Wolfgang Korngolds Die tote Stadt in der Spielzeit 2022/23, geht einen Schritt weiter. Konsequent denkt er das vage Unbehagen weiter und spielt wie ein Praeceptor Germaniae durch, was uns im Jahr 2035 blühen könnte, was auf ein Oben und Unten zementierendes Wirtschaftssystem und die verbreitete Ignoranz gegenüber sozialer Ungerechtigkeit folgen, was wenig Lust auf Zukunft machen könnte.

„Ich wollte die Oper“, beschreibt Kramer im Programmheft den Ausgangspunkt seiner Inszenierung, „in einem erkennbar zeitgenössischen Deutschland ansiedeln.“ Was zunächst wenig originell klingt, scheinbar angelehnt an einen vielerorts zu beobachtenden Trend im deutschen Musiktheater, entfaltet auf der Bühne eine von Aufzug zu Aufzug wachsende Gnadenlosigkeit im Umgang mit dem Heute und dem Morgen. Aus der Zunft der Meistersinger wird eine gegenwärtige Klasse von Politikern, Wirtschaftsmagnaten, Anwälten und Kunstmäzenen. Dieses heutige Establishment trifft Entscheidungen für viele hinter verschlossenen Türen, lässt das Prekariat in der Dienstleistungsbranche, einsetzbare Migranten und insbesondere Frauen den Alltag in Gang halten. Es unternimmt alles, die Abgehängten weiter auszugrenzen, woran sich der Mob mit Gewalt beteiligt.

Im Jahr 2035, wohin Kramer die Festwiese im dritten Aufzug verlagert, sucht die Elite ihr Heil in einem militaristischen Totalitarismus, wozu das Volk in Nato-Oliv auf einer Szene angetreten ist, die wenig mit dem Festplatz zu Nürnberg zu tun hat, aber viel mit einem Aufmarschgelände. Die gehissten Fahnen der Bundesrepublik, der EU und der Nato lassen immerhin die Diskussion zu, ob es ein realistisches Zukunftsmodell geben kann und wie es aussehen könnte.

Die Katharinenkirche des Originals tauscht Kramer mit einem Herrenclub. Hierfür hat Elizabeth Clachan ein piekfeines Bühnenbild geschaffen. Edel das Mobiliar, warme Lichttöne, für die Elena Siberski gesorgt hat, eine sich über die ganze Rückwand ziehende Täfelung, in die prätentiöse Gemälde eingelassen sind. Jagdtrophäen an den Wänden. Brechungen bescheren Videoscreens die in und oberhalb der Täfelung eingelassen sind. Die von Chris Kondek ersonnenen Sequenzen präsentieren bierselige Oktoberfeste und Blaskapellen in Trachten, beschwören die Suggestion von intakter Heimat und beständiger Folklore. TV-Spots mit Impressionen von der Fifa-WM ‘26 illustrieren den Rang, den der Fußball für das verbindende Gefühl des Volkes hat.

Witzig ist ein Ranking deutscher Auswahlspieler alias Komponisten, das – welch Wunder – ein gewisser Richard Wagner anführt. Doch der Schein trügt. Die in das Zentrum der Täfelung positionierte Abbildung des Goya-Gemäldes Saturn verschlingt seinen Sohn ist ein unübersehbares Indiz für das, was unter der Oberfläche lauert. Dieser Club der Rückwärtsgewandtheit ist die letzte Reverenz gegenüber einer Wirklichkeit ohne Zukunftsversprechen.

Lehrbuben und Reinigungskräfte bereiten die Versammlung der Meistersinger vor. Der rote Teppich wird ausgerollt, ein langer Tisch für das Menü eingedeckt. Disziplin und Sittsamkeit sind unter den jungen Leuten eine knappe Ressource geworden. Nachdem ein massiv-grünes Tischtuch ausgebreitet ist, ergreift David die Gelegenheit, mit „seiner Lene“ unter dem Tisch zu verschwinden, um mutmaßlich mehr auszutauschen als Küsse.

Die Meistersinger ziehen mit tiefblauen Einheitsröcken und Spitzkragen ein. Die Kostüme von Heide Kastler rufen den Eindruck hervor, als habe man es mit einer geheimen Loge, vielleicht auch einer Sekte zu tun. Den Einzug der Zünftler covert Chantal Bergemann per Live-Video Operating just in time auf die Bildschirme über der Szene – ein Momentum, das auch das Geschehen rund um den Gesangswettbewerb zum Medienereignis aufwertet.

Ist der erste Aufzug pure Unterhaltung mit doppeltem Boden, ändert sich dies in den beiden Folgeakten gründlich. Nun ist die Shopping Mall im Nürnberger Hauptbahnhof der Schauplatz. Zu sehen ist das Bankhaus Pogner mit einem Geldautomaten. Aus ihm ziehen offenkundig aus Nahost angereiste Touristinnen Geld, das sie an Migranten verteilen, die vor der Szene lagern. Schuhhaus Sachs verspricht Ware zu less prices Das Bahnhofskino lockt zum Besuch des neuesten Kassenschlagers. Leuchtreklame preist den günstigen Ausverkauf am Johannistag. Best Kebab ist nur wenige Schritte entfernt, der Brautshop, in dem sich Eva für das große Ereignis ausstaffiert, im ersten Stock erreichbar, wie praktisch.

Von der Mall ist es nur ein simpler Kulissen- und Lichtwechsel bis zur Prügelszene des zweiten Aufzugs. Diese gipfelt darin, dass Vermummte in Schwarz mit weißen Gesichtsmasken und rot geränderten Mündern erbarmungslos mit Knüppeln einen Obdachlosen totschlagen. Ein grausiges Bild, das betroffen macht.

Wagners feines Gespür für Ironie, Parodie, Humor und die Abgründigkeit des Melancholischen ermöglicht dem Regisseur auch etliche witzige Einfälle. Dazu tragen nicht zuletzt Walther und Eva in der Prügelszene bei, die sie hinter dem Fliedergewächs verbringen, das Sachs so eingängig beschworen hat. Unter den Flüchtlingen ist auch ein Mädchen, gespielt von Alexandra Maria Goetz. Als Stolzing am Morgen des Johannistags erstmals das Preislied probt, erhebt es sich als einzige wie ergriffen – die Antizipation einer Hoffnung auf eine junge Generation von morgen, die das Schöne zu schätzen weiß. Eine Metapher für Wagners Vision vom Aufgehen in der Kunst nach dem Zusammenbruch alles Weltlichen.

Musikalisch haben diese Meistersinger auf jeden Fall Format. In erster Linie ist es Axel Kober am Pult der Düsseldorfer Symphoniker zu verdanken. Düsseldorfs GMD bis 2024 macht den oft verkannten Umstand bewusst, dass die eigentliche Hauptrolle in diesem Musikdrama über Musik eben diese ist. Die Partitur der langen Linien, der bombastischen wie lyrischen Effekte, der Italianatà des Vincenco Bellini-Verehrers Wagner und der majestätischen choralartigen Crescendi in den Tutti-Passagen. Tosender Beifall vor den Vorspielen zu den Aufzügen zwei und drei verdeutlicht, dass das Publikum verstanden hat, nicht nur schablonenartig reagiert.

In die Habenseite der Bilanz ist auch der von Albert Horne prächtig vorbereitete Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein einzubeziehen. Er verbreitet vom anfänglichen Gemeindechoral Da zu dir der Heiland kam bis zum brausenden Wach auf, es nahet gen den Tag vor der Preisliedkonkurrenz Opulenz und homophone Güte.

Als Sachs, die Figur, die Autorität wie Charisma vereint, überzeugt Martin Gantner über weite Strecken. Sein eher helles Bariton-Timbre lässt in einigen Passagen die wünschenswerte Tiefe vermissen. Gantner, zuletzt in Generalsuniform, steigert sich aber im Schlussmonolog Verachtet mir die Meister nicht zu forcierter Kraft, auch wenn ihm die Regie die Aura von „Nürnbergs teurem Sachs“ am Ende nimmt. Als sein Gegenspieler Sixtus Beckmesser, der anders als der freiheitlich denkende Sachs die Tabulatur des Meistergesangs buchstabenfixiert und engstirnig auslegt, liefert Joachim Goltz eine Performance vom Besten. Der zum Ensemble des Mannheimer Theaters gehörende Bariton, kurzfristig eingesprungen für die Premierenbesetzung Christoph Pohl, fesselt zwar weder Eva noch das Volk zu Nürnberg, hingegen das Düsseldorfer Publikum mit kerniger Stimme, wunderbarer Mimik und toller Spielfreude, die an den britischen Bariton Alan Opie in dieser Rolle in den 1980er Jahren erinnert.

Im Kostüm einer US-amerikanischen TV-Serie wirkt der Stolzing des schwedischen Tenors Daniel Frank in einigen Szenen steif und unnahbar, was seinen privilegierten Außenseiterstatus durchaus unterstreicht. Den von Wagner auf seine Kehle geschriebenen Tenorglanz erreicht er erst auf der Schlussgeraden. David Fischer singt und spielt den Lehrbuben des Schusters ganz ausgezeichnet. Aufgeweckt, klug, zu Streichen aufgelegt und ganz vorn in der Prügelszene des zweiten Akts, in der er die vom Meister empfangenen Schläge mit Wonne an andere weiterreichen kann. Bemerkenswert ist sein Wandel in der Festwiesen-Szene, wie er zum autoritären Charakter wird.

Aus der trefflichen Schar der Meistersinger ragt Hans-Peter König als Pogner heraus, als Vor- und Fürsprecher, mit großer Empathie für seine Tochter Eva. Im dritten Aufzug setzt er mit einer stummen Charakterstudie Akzente, als er das Treiben aus einem seitlichen Café beobachtet, bevor er in der Uniform eines Generaloberst in das Geschehen eingreift. Beniamin Pop bestätigt als Nachtwächter mit energischem Bass seine Qualitäten.

Beide Frauenrollen sind ansprechend besetzt. Anke Krabbe, Mitglied im Düsseldorfer Ensemble seit 2001, verleiht Eva mit ihrem höhensicheren und ausdrucksstarken Sopran Konturen einer von sich überzeugten Frau. Für sie stellt das Stadium im Tüll der Braut nur eine Station auf dem Weg der Emanzipation dar. Man mag spekulieren, wie das wird mit diesem Liebespaar, des einzigen in Wagners Opern ohne tragisches Ende. Anna Harvey überrascht als Magdalene mit Finesse im Spiel und vokaler Vehemenz.

Der tosende langanhaltende Begeisterungssturm im fast ausverkauften Haus lässt offen, ob er auch dem Regieteam gegolten hätte, wenn es dafür eine Instanz der Adressierung gegeben hätte. Nach den Premierenbeobachtungen darf dies bezweifelt werden. Dem Wert dieser Inszenierung dürfte jedwede Ablehnung indes keinen Abbruch tun. Macht sie doch Lust auf Diskurs. Was will man mehr.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Sandra Then

 

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