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Otello Giuseppe Verdi Besuch am 22. März 2026 Premiere
Theater Bonn Opernhaus
Wenn Desdemona beim Staatsakt auf Zypern mit der Kamera fotografiert
Im mörderischen Finale erleiden Desdemona und Otello dieses Ende, das so schwer zu begreifen ist. Lang dahingestreckt liegt die venezianische Patriziertochter auf dem gemeinsamen Ehebett, dessen weiße Laken eine trügerische Vorstellung von Reinheit vermitteln. Noch einmal verlangt der Mann, der im Eifersuchtswahn seine Ehefrau erdrosselt und danach sich mit dem Messer tödlich verwundet hat, un` altro bacio. Als finales Zeichen seiner extremen Gefühle für sie, seine „Venus“, der gegenüber er mit demselben Leitmotiv vom Ende des ersten Akts noch einmal seiner unsterblichen Liebe Ausdruck verleiht. Es ist die ikonische Pose, die sich unauslöschlich in die Rezeptionsgeschichte des Otello von Giuseppe Verdi eingebrannt hat.
Das Finale einer pathologischen Leidenschaft klingt in zarten, von den tiefen Streichern grundierten Tönen aus, als wollten sie ungeachtet des Geschehens zuvor Zuversicht und einen Ausweg aus dem Irrsinn signalisieren. Für den ist jedoch in diesem Stück kein Platz. Und auch nicht in unserer Gegenwart, in die die Neuproduktion von Giuseppe Verdis vorletzter Oper in der klugen Inszenierung von Leo Muscato in der Oper Bonn bewusst hineinragt.
Wer ist Otello, um bei der italienischen Opern-Schreibweise für den Befehlshaber der venezianischen Flotte zu bleiben, die im späten 15. Jahrhundert die Angriffe der osmanischen Seestreitkräfte abwehrt? In Shakespeares Tragödie, die 1604 in London uraufgeführt wird, ist der „Mohr“ von Venedig, als der der Maure wegen seiner dunklen Hautfarbe apostrophiert wird, einerseits ein Held. Respektiert und geschätzt ungeachtet seiner Herkunft und befremdenden Eigenwilligkeit, solange er militärisch erfolgreich ist. Andererseits ein offener vertrauender Mensch, als Außenseiter allein an einem Punkt empfindsam und verletzlich, den er Ehre nennt.
Was in patriarchalischen Gesellschaften bis heute als „Ehrenmord“ hingenommen oder verteidigt wird, ist in Shakespeares Tragödie ein Beziehungsdrama auf dem Hintergrund rassistischer Diskriminierung. Verdi sträubt sich etliche Jahre, den ihm mehrfach angebotenen Stoff zu vertonen. Erst als er in Arrigo Boito unter dem Eindruck dessen Mefistofele den Librettisten entdeckt, der ihn in die Lage versetzt, statt eines Dramma heroico einDramma lirico zu verfassen, gibt er nach. Die Otello-Uraufführung zur Zeit des Karnevals 1887 in Mailand, rund 15 Jahre nach Aida, seiner letzten Opernkomposition zuvor, wird ein großer Erfolg.
Jetzt ist das Thema Rassismus deutlich zurückgefahren, dominiert der destruktive Kosmos fehlgeleiteter Emotionen um die beiden Hauptfiguren. Otello, dem sein fragiles Gleichgewicht entgleitet, Jago, der sich als Inkarnation des Bösen begreift, weil, wie es im Credo heißt, „ich ein Mensch bin“. Desdemona, die bei Shakespeare Otello gegen den Willen ihres Vaters heiratet, wird von Verdi/Boito als Idealbild von Naivität und Reinheit idealisiert, die sich ihrem Schicksal ergibt. Eine Typisierung, die in zahlreichen Otello-Inszenierungen der letzten Jahrzehnte anzutreffen ist.
Muscato will diese Desdemona aus ihrem unverschuldeten Zustand der profillosen Frau und Geliebten befreien. Er verlagert das Drama in das Zypern des Jahres 1974, als Putschisten, von der griechischen Militärjunta unterstützt, den zyprischen Präsidenten Erzbischof Makarios stürzen, um den Anschluss der Insel an Griechenland zu erreichen Diese Enosis genannte Strategie wird durch eine Militärintervention der Türkei durchkreuzt, was in der Teilung Zyperns endet. Muscatos Transfer, der den Schauplatz der Oper, eine Hafenstadt auf der Insel weit weg von allem venezianischem Pomp, plastisch ins Bewusstsein rückt, ist plausibel und funktioniert auf der Bühne. Nicht zuletzt „erlaubt“ der Regisseur Desdemona, eine moderne Frau zu sein. Er lässt sie in einem regelrechten Beruf agieren, in dem der Fotografin, die bei allen relevanten Ereignissen mit der Kamera für den Hof oder die Presse präsent ist. So beim Staatsakt des venezianischen Gesandten.
Die von Federica Parolini ersonnene Bühne unterstützt Muscatos Grundidee famos. Den Hintergrund zum Platz vor dem Kastell bildet eine Festungsmauer von bröckelndem Gestein im mediterranen Stil. Wird das Licht herunter gedimmt, sind Schießscharten zu sehen. Mobile Kulissen erlauben bewegliche Raumeinheiten, die vor dem Schloss von links und rechts und vice versa bewegt werden können. Links das Büro Otellos, in dem auch die anfängliche Szene spielt, in der der Fähnrich Jago den Venezianer Roderigo unter Druck setzt, der in Desdemona verliebt ist. In rotes Licht mit der Anmutung einer fotografischen Dunkelkammer getaucht, verwandelt es sich in ein Fotostudio, in dem sich Otello und Desdemona umarmen und Otello in dieser Umarmung „wieder Frieden findet“, wenn auch nur für kurze Zeit. Rechts ist das Schlafgemach der Liebenden zu sehen. Einmal ist der Raum mit Stockbetten ausgestattet, wie sie in Kasernen oder Notunterkünften üblich sind.
Nato oliv dominiert in den Kostümen von Silvia Aymonino, was das Fiktiv-Reale des Schauplatzes dieser Inszenierung glaubhaft illustriert. Lediglich Otello hebt sich in einer schwarzen Uniform vom militärischen Einheitsstil des Beige-Grün ab. Ein Reflex auf die Herkunft des Mauren? Unter dem Vorzeichen einer Regie von 2026 schwer vorstellbar, welche ideologische Kämpfe noch vor Jahren um die Frage geführt worden sind, ob das black painting von weißen Otello-Darstellern tolerabel sein könne oder nicht.
Muscato, der in Bonn mit Inszenierungen von Opern Georg Friedrich Händels und Gioachino Rossinis in guter Erinnerung ist, konzentriert seine Regie auf das Geflecht der psychologischen Beziehungen der Protagonisten. Im Zweifel bedeutet dies, einfach dem großartigen Libretto des Vollblutdramatikers Boito zu folgen, der in Liebe der Eleonore Duse verbunden war, einer der größten Schauspielerinnen seiner Zeit. Oder im Sinne seines Konzepts Akzente zu setzen. Besonders eindrucksvoll oder auch bedrückend im Schluss des dritten Akts. Otello hat seine Frau in rasender Eifersucht coram publico geohrfeigt, worauf Desdemona langsam in einem stärker werden Lichtkegel zu Boden gleitet. Gleichzeitig drehen sich alle Augenzeugen von ihr weg, bevor sie von der Schwärze der Nacht verschlungen werden. Exemplarisch für die einfühlsame Lichtregie von Max Karbe, die wesentlich zur gelungenen Optik beiträgt.
Verdis Partitur mit ihrer bild- und lautmalerischen Intensität und der ihr eigenen Stakkato-Dynamik, den sich zu sinfonischen Höhen aufschwingenden Zwischenspielen und den kammermusikalischen Passagen – etwa der Flöten zur Introduktion in den vierten Akt mit seiner Nachtatmosphäre – gilt als eine seiner differenziertesten überhaupt. Unter dem Dirigat des Bonner GMD Dirk Kaftan beweist das Beethoven Orchester Bonn einmal mehr seine generelle Kompetenz für Kompositionen vollendeter Italianità und für Verdi speziell. Die orchestralen Raffinessen, die originelle Melodik und die zumeist gut abgestimmten Dialoge mit den Sängerdarstellern erblühen zu immer neuen elektrisierenden Farben.
Luciano Pavarotti, Interpret aller großen Tenorpartien Verdis, hat es stets abgelehnt, Otello in einer Bühnenproduktion zu übernehmen. Es liegt lediglich eine Studio-Produktion von ihm unter Leitung von Georg Solti auf CD vor. Im Bonner Ensemble lässt George Oniani deutlich werden, wie fordernd die Rolle des Feldherrn in Diensten Veneziens ist, dessen elementarer Charakter eben nicht eroico, sondern cupo e terrible ist, düster und schrecklich. Oniani stemmt die große Spannweite der Partie vom glorreichen Auftritt Esultate! L’orgoglio musulmano zu Beginn bis zum Pianissimo des verlöschenden Atems im Finale kraft- und ausdrucksvoll.
Die US-Amerikanerin Kathryn Henry gestaltet bei ihrem Rollen- und Europadebüt die Figur der Desdemona anfänglich mit tastendem Procedere. Ihr mutmaßlich schönes Organ käme gewiss besser zur Geltung, gelänge ihr eine Non- oder weitgehend Vibrato-freie Stimmführung. Ihre Performance gewinnt im Verlauf an Format und Ausstrahlung, über ihr A terra! Si, nel livido nach der Demütigung durch Otello bis im Finale mit dem Lied an den Weidenbaum und dem Gebet in anrührender Weise, bei jetzt stabilerer Stimme.
Man muss nicht lange nach Gründen für die Feststellung suchen, dass Jago die interessanteste und facettenreichste Partie des Dramas ist. Schon Verdi will anfänglich sein Werk nach dem Dämonen benennen, auch um sich vom Otello Rossinis zu unterscheiden. Der Bariton Simone Piazzola legt die Partie außerordentlich bühnenwirksam an. Seine Stimme ist für die Partie eine Spur zu hell, bisweilen zu lyrisch, so dass das Teuflische dieser Figur, eines Menschen, der dem „grausamen Gott“ dafür dankt, ihn nach seinem Bild erschaffen zu haben, etwas zu kurz kommt. Roderigo, beviam, Jagos Trinklied mit dem Edelmann und mit Cassio, ist mit seinen chromatischen Rutschern und diabolischen Sprüngen jedenfalls ein Bravourstück.
Tae Hwan Yun bestätigt als Roderigo seine Meriten, die er gerade erst in der Produktion Awakening im Rahmen von Fokus `33 erworben hat. Ryan Vaughan Davies gibt Cassio die ungestüme Note, die den Hauptmann auszeichnet. Susanne Blattert zeigt vor allem im Schlussbild, dass die Rolle der Emilia mehr ist als der stille Schatten an Jagos Seite. Martin Tzonev als Lodovico, Christopher Jähnig als Montano und Seogjun Jang als Herold arrondieren das Sängerensemble vortrefflich. Der Chor des Theaters samt Extrachor, einstudiert von André Kellinghaus, zeigt sein Können insbesondere in den Massenszenen mit ihren lodernden Farben und immensen Tonsprüngen. Der Kinder- und Jugendchor, angeleitet von Ekaterina Klewitz, offenbart sein Können und sein Gefühl für den Esprit Verdis.
Vor Jahren engagiert sich die Oper Bonn in einer Serie von Neuproduktionen für etliche der Frühwerke Verdis. Erinnert sei exemplarisch an Attila unter dem Dirigenten Willi Humburg 2017. Der frenetische Beifall für alle Otello-Akteure auf der Bühne wie im Graben, nicht zuletzt das Regieteam um Muscato, macht deutlich, dass das Haus am Rhein eine Heimstatt für den ganzen Verdi ist. In den 1980er Jahren gilt Bonn als „nördlichste Stadt Italiens“. Vielleicht ein Signum, das nicht ganz falsch ist. Zumindest mit Blick auf den Großen von Busseto.
Dr. Ralf Siepmann
Copyright Foto: Bettina Stöß
25. März 2026 | Drucken
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