Vom dezenten Ausweg aus der tödlichen Hass- und Rachespirale

Xl_20127_ele_6559-1_foto_sandra_then © Copyright Foto: Sandra Then

Elektra Richard Strauss Besuch am 12. April 2026 Premiere

Deutsche Oper am Rhein Oper Düsseldorf

Vom dezenten Ausweg aus der tödlichen Hass- und Rachespirale

Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: schweigen und tanzen.Es sind die letzten Worte Elektras, gerichtet an ihre Schwester Chrysothemis. Doch der Tanz ist der Tochter des getöteten Königs Agamemnon diesmal verwehrt. Stephan Kimmig verweigert in seiner Neuinszenierung der Tragödie in einem Aufzug von Richard Strauss an der Düsseldorfer Rheinoper das ikonische Bild der Gewalttrunkenen, die sich nach einer wilden Kaskade in C-Dur hoch aufgeschossen zu Tode tanzt, wie dies in erotischen Männerphantasien aufzutauchen pflegt. Stattdessen zeigt der Regisseur eine vorsichtig angedeutete Utopie. Die drei Geschwister, für die Klytämnestra ein Monstrum war, machen sich mit vorsichtigen taktilen Bewegungen fürsorglich an der toten Mutter zu schaffen. Elektra scheint ihr die Füße zu waschen. Eine menschliche Rührung, die der tödlichen Hass- und Rachespirale ein Stück Hoffnung entgegensetzen soll.

Unter allen Strauss-Opern ist Elektra,1909 in Dresden uraufgeführt, das Werk mit dem größten Orchester, der radikalsten Tonsprache und der gewagtesten Vorstellung von dem, was Oper sein kann. Strauss erlebt 1905 in Berlin Hugo von Hofmannsthals Elektra als modernes Antikendrama auf der Bühne Er ist fasziniert von der Expressivität der Sprache und den Figuren im Herrscherhaus von Mykene, die wie im Fieber agieren und über denen das Unheil droht. Seit Agamemnon von seiner Frau Klytämnestra getötet wurde, werden immer neue Opfer dargebracht. Aber es will sich kein Frieden einstellen, erst recht nicht für die Kinder. Orest ist verschollen, Chrysothemis wünscht sich eine eigene Familie, Elektra aber verfolgt nur einen einzigen Gedanken: Rache für den Vater.

„Die Zeit ist sonderbar“, schreibt der Dichter Hofmannsthal um 1900, „und sonderbare Kinder hat sie: uns!“. Er beobachtet „Menschen, die Brüche waren“, denen die Einheit verloren gegangen ist. Mit Irrationalität, Wahn und „geheimnisvoll erregbarer Natur“. So beschreibt der Dichter poetisch, was Sigmund Freud bald psychoanalytisch als ein Zeichen der Zeit festhalten wird.

Der Elektra-Stoff, der auf dem Stück von Sophokles aufbaut, lässt sich in vielerlei Hinsicht deuten. Als Tragödie der Treue, auch als Apotheose der Selbstaufopferung einer Frau, die sich als Einzige dem Opportunismus der Herrschenden entzieht und ihrer Bestimmung folgt. Häufig wird das Drama als Mythos der griechischen Antike in der Zeit nach dem Trojanischen Krieg gesehen. Eine ganze Sippe verrennt sich, blind vor Machtstreben, Wut und Rache in die Ausweglosigkeit.

Von diesem archaischen Geist ist in der Inszenierung Kimmigs, der mit seinem Team das erste Mal am Düsseldorfer Haus zu Gast ist, wenig zu spüren. Sie folgt zu großen Teilen den Regieanweisungen und musikalischen Schilderungen in Hofmannsthals Textbuch und der Partitur von Strauss, weicht allerdings im Zuge einer eigenwilligen Deutung der Figuren der Tantaliden-Familie und einer Modernisierung des Sujets immer wieder von ihnen ab. Deren Sinn ist auf Anhieb nur schwer zu entziffern. Die Irritation in einem höheren Verständnis beginnt schon bei der von Katja Hass ersonnenen Bühne. Ist der Schauplatz im Original der Innenhof des Königspalasts in Mykene, begrenzt von niedrigen Gebäuden für die Dienerschaft, fällt jetzt der Blick auf ein nüchternes Fabrikgebäude mit umlaufenden Gängen.

Elektra ist damit beschäftigt, das Auto der Familie zu reparieren. Passenderweise trägt sie dazu eine blaue Arbeitsmontur, die Anja Rabes wie die dunklen Einheitskostüme der diversen Diener und der fünf Mägde entworfen hat. Im plakativen Gegensatz dazu der tiefgrüne gemusterte Morgenrock von Klytämnestra. Während Elektras klagendem Furor Allein! Weh ganz allein dämmert im Publikum, dass der Regisseur in ihr nicht eine Maschine von Hass und Gewalt sieht, sondern, wie er in einem Interview im Programmheft verrät, eine „schwankende Suchende“. Mit den Händen wolle sie etwas Sinnvolles machen, bevor der Dämon des Hasses neuerlich in sie einfährt.

Kimmig legt es mit seiner Sichtweise darauf an, den männlichen Blick in seiner lustvollen wie zerstörerischen Seite zu attackieren. Die Gewalt, lautet seine Botschaft im Stück wie in der Wirklichkeit, geschieht über die Väter. Diese Auffassung hat einerseits viel Gegenwart auf ihrer Seite, kollidiert andererseits mit den Gesetzmäßigkeiten der Antike. Um sein Konzept plastisch zu machen, führt Kimmig die Figur des ermordeten Agamemnon ein, den Aliaksei Liubezny als Statist und Tänzer mit verblüffender Körperbeherrschung gibt. Überschläge rückwärts und ausgedehnte Handstände lassen seine Freude über die Weitergabe destruktiver, also männlicher Energien an die Tochter erkennen.

Ob der Regisseur diese seine Inspiration wirklich ernst nimmt? Clownsmasken in wechselnden Einstellungen lassen Zweifel aufscheinen. Sie sind auch angebracht gegenüber der permanent eingesetzten Videokunst von Lisa Reutelsterz und Ulrike Schild. Letztere folgt mit ihrer Live-Videokamera Elektra auf Schritt und Tritt, um Bilder – just in time oder aufgezeichnet – zu erzeugen, die Schauwerte am Fließband produzieren, letztlich aber ohne zusätzlichen Sinn bleiben. Eine Verbeugung Kimmigs vor einer modischen Marotte, die viele Opernhäuser befallen hat.

Im krassen Gegensatz dazu fällt die musikalische Performance aus, für die die etwa 110 Musiker der Düsseldorfer Symphoniker unter der inspirierenden Leitung Vitali Alekseenoks sorgen, die am Ende auch den stärksten, stellenweise orkanartigen Beifall einheimsen. Strauss reizt es, über die schon kühne Tonsprache der Vorgängerin Salome hinauszugehen, an die Grenze musikalischer Vermittlung und Aufnahmefähigkeit. Der Sound ist rigider, expressiver, stellenweise brutal und atonal. Alekseenok treibt den Graben in ein Furioso an Klängen, Tongemälden und Soundeskapaden, zu dem das durchlaufende Agamemnon-Thema die Grundierung liefert. Vorzüglich sein Vermögen, die Unterschiede in der Dynamik zwischen der Wucht des Orchesters und den Stimmen der Sänger auszuloten und immer dann auszubalancieren, wenn der monumentale Orchesterapparat über allem zusammenzuschlagen droht.

Für die erkrankte Magdalena Anna Hofmann hat die Rheinoper kurzfristig Ingela Brimberg gewonnen, die mit einer der größten Interpretinnen der Elektra, Birgit Nilsson, das Heimatland Schweden teilt und die Partie mehrfach interpretiert hat. Sie bewältigt die fordernde Rolle im hochdramatischen Fach zwischen den dunklen Gefilden wie den lyrischen Höhen dieser monströsen Seelenlandschaft mit wachem Gespür für Position und Nuance. Ob ich die Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir! ist der entscheidende Satz für Richard Strauss, an diesem Abend für Brimberg, die den Raum öffnet, in dem die Sprache der Musik das Revier überlässt.

Ihr ebenbürtig legt Linda Watson die Partie der Klytämnestra an, die moralisch zutiefst verdorbene femme fatale mit schneidender Stimme an der Spitze der Verbrecherclique. Sie wirft ihre Jahrzehnte umfassende Erfahrung in Strauss- und Wagner-Partien in die Waagschale, läuft immer dann zur Hochform auf, wenn sie die diabolische Seite der innerlich zerrissenen Frau präsentieren kann. Was willst du? Seht doch dort! so seht doch das! Die lange Begegnung von Mutter und Tochter, in der Klytämnestra zu Beginn Elektra um ein Mittel gegen finstere Träume bittet, avanciert zu einem Höhepunkt der Aufführung.

Als Chrysothemis versetzt sich Liana Aleksanyan in die Figur der Schwester und weiblichen Gegenspielerin Elektras mit allen Facetten. Sie hält es aus, von ihr als „Weiberschicksal“ geschmäht zu werden, beeindruckt durch ihre warme Sopranfarbe und ihr anrührendes Spiel im Kampf um ihr Recht auf eine selbstbestimme Existenz und ihren Anspruch auf Menschlichkeit. Richard Šveda gibt dem Orest mit schwarzem Bass das Format, das ihn in Elektras Augen zum Hoffnungsträger werden lässt, in der Gewaltstafette der Atriden lediglich zu einer Zwischenstation. Cornel Frey gestaltet Aegisth als Lebemann mit alkoholumflorter Stimme und jener Durchtriebenheit, die sich mit Selbstgefälligkeit und Narzissmus paart. Die Künstler in den zahlreichen weiteren Rollen, die allesamt auf ihre Weise diffizil sind, arrondieren das Strauss-Tableau von Ekstase und Entrückung hervorragend.

Ohrenbetäubende Buh!-Rufe, die über Kimmig und seinem Team zusammenschlagen, bei grenzenlosem Jubel für die Leistung aller Könner auf der Bühne wie im Graben zeigen einmal mehr, wie das sogenannte Regietheater zur Spaltung von Kunst und Akzeptanz führen kann. 70 Jahre nach der Elektra zur Eröffnung der Spielzeit 1956/57 hat das Düsseldorfer Haus in Sachen Strauss einiges zu bieten. Und das sollte zählen.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Sandra Then

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading