Verstörend und faszinierend oder die Verschiebbarkeit der musikalischen Grenzen

Xl_23097_das_wunder_der_heliane_ohp-1134_predieri_alvise © Copyright Foto: Alvise Predieri

Das Wunder der Heliane Erich Wolfgang Korngold Besuch am 23. Oktober 2026 Premiere am 3. Oktober 2026

Oper Essen Aalto Theater

Verstörend und faszinierend oder die Verschiebbarkeit der musikalischen Grenzen

Erich Wolfgang Korngoldist in der Operngeschichte mit seiner 1920 gleichzeitig in Hamburg und Köln uraufgeführten Komposition Die tote Stadt fest verankert. Das Werk öffnet dem 23-jährigen die Türen zur Welt, nicht zuletzt der Neuen Welt jenseits des Atlantiks. Es bahnt ihm den Zugang zur Berufung als Professor an die Wiener Musikakademie – eine Position, die er 1934 unter der Repression des NS-Regimes aufgibt, um in die USA zu emigrieren, Dort beginnt er eine Karriere in der Filmindustrie und entwickelt zusammen mit Max Steiner einen Stil, der als Hollywood-Sound bekannt wird.

Von den vier weiteren Opern Korngolds erreicht keine mehr die Popularität der Toten Stadt. Umso verdienstvoller jetzt die Essener Neuinszenierung seines 1927 entstandenen zweiten Opus Das Wunder der Heliane auf der nach oben offenen Skala der Exzentrik Korngolds. Sie zeigt alle künstlerischen Instanzen des Aalto-Theaters bis in die Werkstätten in Bestform.

Das Libretto des Wiener Schriftstellers Hans Müller-Einigen, mit den Textbüchern etwa zu Im weißen Rößl und Ein Walzertraum auch in der Welt der Operette ein Begriff, beruht auf dem Mysterienspiel Die Heilige des österreichischen Dramatikers Hans Kaltneker. Vom Hauptvertreter des österreichischen Expressionismus, gestorben 1919 mit gerade 24 Jahren, sind vier Dramen, Erzählungen sowie Gedichte bekannt. Eines seiner Kardinalthemen ist die Transformation sinnlicher Erotik zu tätiger Nächstenliebe. Es ist auch Grundlage des Werks, mit dem Korngold die Grenzen des musikalisch Beschreibbaren verschieben will, nach Richard Wagner, nach Richard Strauss und der Elektra, nach Claude Debussy, dessen spätromantische Oper Pelléas et Melisande (1902) in ihrer atmosphärischen Verdichtung eine ähnlich verstörende wie faszinierende Wirkung aufweist.

Schauplatz ist ein Land ohne Namen, in dem Der Herrscher eine gnadenlose Tyrannei etabliert hat. Zu Beginn des zweiten Akts macht er unmissverständlich klar: Auf Liebe steht in meinem Land der Tod! Wer küßt, vors Beil. Wer jung ist, sei verflucht. Heliane ist die Frau, die auf Grund bedingungsloser Liebe zur Erlösung befähigt wird, vergleichbar Brünnhilde im Ring des Nibelungen. Als Der Fremde in das kalte freudlose Land Zuversicht und Hoffnung bringt, wird er für dieses Verbrechen mit dem Tode bestraft. Heliane schenkt ihm bei einem Besuch im Gefängnis in der Nacht vor seiner Hinrichtung Trost. Sie erfüllt ihm Wünsche, gibt sich ihm sexuell hin, als er erst ihr Haar begehrt, dann ihre Füße und schließlich ihren nackten Körper, wobei sie ihm durch vollständige Entkleidung folgt.

Es ist nicht nur die Hoffnung, die Der Fremde Heliane bringt, sondern auch die Kraft der Poesie, wenn er schwärmt: Euer Haar ist Gold, Eure Füße Kristall, Euer Leib muß mein sein wie Gottes Schrein.

Der Herrscher, der ein Verhältnis mit einer rigiden Frau unterhält, die Die Botin genannt und von Bettina Ranch mit schneidender Vehemenz verkörpert wird, bezichtigt Heliane der Untreue. Er verurteilt auch sie zum Tod. Nur wenn es ihr gelingt, den Toten zum Leben zu erwecken, schlägt der Tyrann in einem grausamen Pakt vor, werde sie begnadigt. Dies gelingt Heliane nicht, worauf sie bekundet, sterben zu wollen. Dieser öffentlich artikulierte Wille Helianes, nun gleichsam die Heilige im Sinne von Kaltnekers Mysterienspiel, öffnet das Tor zur Erlösung. Der Fremde erwacht von den Toten und vereint sich mit Heliane in der metaphysischen Welt.

Elisabeth Stöpplers Regie – um einen zentralen Aspekt gleich zu thematisieren – setzt der patriarchalisch-traditionellen Glorifizierung der Selbstaufgabe der Frau zur Errettung des Mannes in seinen selbst geschaffenen Systemen eine moderne Sichtweise entgegen. Sie wendet sich gleichsam prototypisch von der Gestaltung der Leonore in Ludwig van Beethovens Fidelio ab. Ihr Konzept propagiert die Vision einer Erlösung, moderner: Befreiung der gesellschaftlichen Verhältnisse schlechthin. Tyrannei, Seelenlosigkeit und die Unterdrückung vornehmlich von Frauen, sagt Stöppler bei ihrem Aalto-Hausdebüt, sind auch heute Kennzeichen von Gesellschaften – nicht allein in Diktaturen.

Empathie wird zur Schlüsselinstanz allgemeiner humanitärer Veränderung. Der Opernstoff von der Geschichte der Befreiung eines Menschen avanciert zum Masterplan für unterdrückte Gesellschaften per se. Man kann das Utopie nennen, was eine säkulare Versöhnung mit dem dritten Akt der Oper ermöglicht, die mit ihrem arg spiritistischen Gepräge schon eine arge Zumutung für Besucher ist, die weniger oder gar nicht religiös eingestellt sind. Konsequent lässt Stöppler das Finale in ein allgemeines herzliches Staats-Gelächter einmünden. Dann ist die Welt sehr diesseits, wenig Mysterium, eher Kunst, wohl auch Lebenskunst wie es Giuseppe Verdi in seinem Falstaff so zu fassen wusste: Tutto nel mondo è burla.

Das Zusammenspiel von Regie, Ausstattung, Kostüm hat in Essen einen Grad an Ausdruckskraft hervorgebracht, der großartig mit der überwältigenden Musik Korngolds kontrastiert. Die Bühne von Katja Haß ist die Vorwegnahme einer Dystopie, in der immer noch Bunker und Gefängnisverließe mit klinisch weißen Wänden und öden Gittern gebaut und benötigt werden. Ohne Tageslicht, ohne Sonne – und doch dank grellen Neondeckenlichts von einer Helligkeit, wie sie für jeden Klinik-OP typisch sein dürfte. Verschiebungen der Wände sorgen für zunächst kaum merkliche neue Perspektiven. Einzige Requisiten sind ein Kruzifix und ein an der Wand angebrachter Wasserspender. Zwei Treppenaufgänge führen hinaus, lassen aber wenig Phantasie zu, wohin.

Die Kostüme von Nicole Pleuler offenbaren eine kluge Befassung mit den einzelnen Protagonisten wie den Gruppen einer durch äußere Formatierung strukturierten Gesellschaft. Die Seraphischen Stimmen, Sängerinnen wie Statistinnen, treten in hellblauer Kleidung mit hochgestellten Kragen auf. Ähnlich, dann aber in Schwarz, die sechs Richter. Der Chor und der Extrachor der Damen, die in der Einstudierung von Bernhard Schneider in Darstellung wie Gesang eine exzellente Leistung bieten, insinuieren in braun-gelb-grünen Overalls die Ideologie der Masse, der im Kollektivismus des Herrschers jede Individualität geopfert wird.

In den Akten eins und zwei agiert der Machthaber in unprätentiösem Grau-Schwarz, bevor er im Schlussakt in royaler Montur präsentiert wird. Sein Antipode sticht von ihm nicht durch seinen weiß-beigen Alltagslook ab. Er begrüßt Heliane in der Erstbegegnung wie entrückt: Gebenedeite! Liebste! Du Gnade meines Sterbens! Kindweib! Mit errungen! In Sünden heilig! Geliebte!, was über das Profane staatlicher Funktionen eh weit hinausreicht. Als Der Pförtner macht Almas Svilpa ebenso wie Aljoscha Lennert als Schwertrichter auch in unprätentiöser Aufmachung Eindruck. Astrid Kessler in der Titelpartie erlaubt das Regieteam gedeckte braun-gelbe Farben, die ihren empathischen Charakter betonen.

Regie ist in diesem Konzept der unterdrückten Schauwerte vor allem Personenregie. Stöppler favorisiert rasche, teils hektische Bewegungen im Raum, die die überbordende Wucht aus dem Graben mit seiner Strauss-Orchester-Stärke noch steigern. Bisweilen entstehen Kino-Effekte, mal in kleinen Szenen, dann in kollektiven Formationen. So zu Beginn, wenn die Einheitsmenschen des Herrschers zögerlich mit Häftlingsziffern auf der Brust die Szene betreten, die sie im Finale nach und nach abnehmen, dann aber im klammen Staunen über die unverhoffte Befreiung.

Exemplarisch für Stöpplers Inszenierungsfähigkeit scheint die Art, wie sie mit dem Wasser umgeht. Ganz praktisch, weil die Spender an der Wand reduzierte Routine hinter Gittern illustrieren. Bedeutungsschwer, weil voll mit Symbolik aufgeladen, die Assoziationen zu Mythen wie Grundelemente des Lebens und der Reinigung auslöst. Gesteigert wird diese Symbolik durch die „Vergesellschaftung“ des Wassers im Schlussbild, wenn Trinkwasser in allen Varianten, im Glas, in der Flasche, in Kästen und Kanistern hineingetragen und verteilt wird.

GMD Andrea Sanguineti am Pult der Essener Philharmoniker hat die Durchmessung der Partitur mit einer Wanderung „zwischen Transzendenz und Opulenz“ beschrieben. Er befeuert das Orchester zu dem betörenden Klangrausch und der subtilen Klangsuggestion, die an Komplexität und Volumen keine Grenzen zu kennen scheinen. Dann zu der geheimnisvollen lyrischen Expressivität unter Einsatz von Orgel, Glockenspiel, Celesta, Klavier, Harmonium, nicht zuletzt Harfe, die jene Schwebe hervorbringt, jene Marke, die, wie er meint, nur Korngold hat.

Heiko Trinsinger,eine Aalto-Bariton-Instanz seit Jahren, ist als Der Herrscher mit imposanter Stimme und großer Wortverständlichkeit über die lange Strecke eine Bank. Als Antipode des Autokraten legt Tilmann Unger, Gast mit breiter Erfahrung in Tenorrollen in Wagner-Opern, seinen Part mit Kraft, Vehemenz und strahlender Höhen-Sicherheit an. So wird die profunde Emotionalität, die himmlische Auserwähltheit dieser Figur ergreifend manifest. Ist ihr doch im ersten Akt die Bestimmung zu Teil geworden: Des Himmels goldne Sterne sind in mich gestürzt.

In der spielerischen Rollengestaltung ist die Sopranistin Kessler, Ensemblemitglied des Nationaltheaters Mannheim, nur zu bewundern. Permanent ist sie auf der riesigen Aalto-Bühne unterwegs, häufig gehetzt wie ein wundes Tier auf der Flucht vor dem Jäger. Dieses extrem fordernde Pensum geht allerdings zu Lasten ihrer Stimme, die sie unter ständigem Druck auf dem hochdramatischen Level mit den geforderten grellen Spitzentönen zu halten sucht, zumal in Positionen nicht vis-à-vis zum Publikum. Sie hält diese Strapaze durch und vermag Am siebten Tore, das Finalduett, zusammen mit Unger zu einem der großen Momente der Aufführung zu steigern, die bleiben werden.

Das Publikum im zu etwa 60 Prozent besetzten Haus, das jeweils schon zu den Akten zwei und drei die Essener Philharmoniker und ihren Dirigenten mit tosendem Applaus begrüßt, zeigt sich mit anhaltendem Beifall und ansteigendem Jubel beim Chor und den Interpreten der Hauptpartien von der Aufführung mehr als angetan. Seine lautstarke Anerkennung für die Philharmoniker und Sanguineti lässt erkennen, wie außerordentlich den Besuchern der Anteil der Instrumentalisten für den Erfolg des Abends bewusst geworden ist.

Noch bis in den Dezember sind weitere Aufführungen im Spielplan. Wohl auch Angebote für Opernliebhaber, die in Sachen Korngold über die Tote Stadt hinauswollen.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Alvise Predieri

 

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading