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Awakening Param Vir Besuch am 1. März 2026 Uraufführung
Theater Bonn Opernhaus
Spiel auf zwei Ebenen gerät zum Sturmlauf an fiktiven und realen Szenen
Ein von Rost bedecktes riesiges Gerüst aus Stahl. Reste von Geschützen und Gewehren. Schutt. Trostlose Aufgänge und Mauervorsprünge an den Seiten. In dieser gespenstischen Kulisse probt eine Schauspieltruppe in der Gegenwart eine Geschichte, die vor 2500 Jahren spielt. Die Ambition der Theaterleute in einer von fremden Mächten besetzten Region: den Lebensweg Siddharta Gautamas zum Buddha lebendig zu erhalten. Gleichsam ein Projekt des Widerstands, setzen sie ihr Leben ein, um die Weisheiten des großen Lehrers vor dem Verschwinden zu bewahren. Wie jene Maxime, Leid durch Awakening, also Bewusstwerdung, Achtsamkeit und Erkenntnis zu überwinden.
1993 schlägt der aus Delhi stammende, in London lebende Komponist Param Vir dem britischen Dramatiker David Rudkin das Projekt einer Oper vor, die den Lebensweg Siddhartas zum Buddha im zeitgenössischen Kontext darstellt. Die Bonner Uraufführung des in einem langen Arbeitsprozess entstandenen Werks unter dem Titel Awakening markiert nun in der Inszenierung von Vasily Barkhatov einen Beleg für das, was Theater vermag. Hält Rudkin anfänglich aus strukturellen Gründen die Idee Virs nicht für umsetzbar, stellt die von beiden letztlich gefundene Erzählweise eines „Stücks im Stück“ nach mehr als einem Dutzend Anläufen zu einem Libretto einen Modus der Aufführbarkeit dar.
Ein im Auftrag des Theaters Bonn Wirklichkeit gewordenes Glied in der Kette von Fokus ´33, die in der zweiten Ausgabe der Reihe seit 2024 Handschriften, Partituren in den Mittelpunkt stellt, die sich „bewusst vom avantgardistischen Mainstream der Nachkriegszeit absetzen“. Das zweite Unterfangen nach Peter Ronnefelds Die Ameise vom Dezember 2025, Klangfarben des Theaters neu auszuloten und zu erweitern.
Awakeningspielt in einer ständigen, bisweilen höchst irritierenden Mischung von zwei Ebenen. Von Theater und Realität. Von drinnen und draußen. Von Schrecken und Tröstung. Drinnen, in dem von Direktor Mark Morouse souverän geleiteten Stück, wird gezeigt, wie drei geheimnisvolle Boten den 29jährigen Prinzen Gautama auf eine Reise schicken, die in einer Transformation zur historischen Weltfigur enden wird. Wie die erstmalige Begegnung mit Krankheit, Alter, Tod ihm die Augen öffnen. Wie er Kanthak, sein Pferd (Ralf Rachbauer), verliert und nach sechs Jahre währender Wanderschaft bis zur Unkenntlichkeit abgemagert das Ufer des Flusses erreicht, an dem er Antworten auf seine Fragen erwartet.
Draußen schildert ein junges Mädchen dem Publikum, dass bei der letzten Aufführung sein Bruder sich öffentlich in Flammen gesetzt habe, um ein Zeichen für die Bewahrung von Sprache und Kultur zu setzen, die das Regime der Unterdrücker verweigere. Draußen bricht zum Ende des ersten Akts mit einem Bombardement die Realität in die Aufführung ein, wird der Ort des Spiels zerstört. Eine dagegen gesetzte, auf Höheres einstimmende Musik nimmt das Wirken Gautamas auf und verweist, verstärkt durch ein helles Licht, auf Erleuchtung.
Nach diesem Muster durchzieht auch die beiden Folgeakte ein Sturmlauf an fiktiven und realen Bildern. Manche grell-plakativ, andere grotesk, wiederum andere von spiritistischer Innerlichkeit. Flüchtlinge, ein Chor der Enteigneten, von André Kellinghaus vortrefflich einstudiert, beklagen ihren Verlust. Gautama setzt auf der letzten Stufe seines Wegs zum Buddha das Rad des Dharma in Gang. Eine Feuerpredigt verwandelt Sinn und Geist des Menschen in „brennendes“. Ein Bandit und Mörder, der die abgetrennten Finger seiner Opfer als Halskette trägt, attackiert Buddha, vor dem er aber kapituliert und dem er als total veränderter Mensch huldigt.
Im Finale zerstört eine Superwaffe die Szenerie. Lediglich zwei der Akteure überleben, ein junger Schauspieler, Sunita, und der sterbende Darsteller des Buddha. Brüder und Schwestern machen sich auf den Weg zur Grenze. Der Kreislauf von Widerstand und Erwachen setzt ein.
Regisseur Barkhatov hat mit einer Reihe von Inszenierungen in St. Petersburg und weiteren europäischen Opernmetropolen, auch im Bonner Haus am Rhein mit seiner Erarbeitung von Eugen Onegin im Frühjahr 2024, seine Kompetenz für phantasievolle Inszenierungen unter Beweis gestellt. 2028 soll der neue Ring des Nibelungen im Rahmen der Bayreuther Festspiele in seinem Konzept realisiert werden. Die Ausstattung von Awakening reiht sich hier nahtlos ein.
Was ihm an Schauwerten im Verein mit dem Bühnenbildner Zinovy Margolin und der Kostümbildnerin Olga Shaishmelashvili gelingt, zeugt von seiner inspirierenden Handschrift. Charakteristisch die Insignien der einzelnen Figuren. Kanthaks Kopf. Das Schühchen, Symbol für das tote Baby der „jungen Mutter“, bewegend gestaltet von Katerina von Bennigsen. Die orangenen Gewänder Buddhas und der Mönche. Packend der Moment – pars pro toto –, als ein übergroßer Wandteppich mit indischen und nepalesischen Motiven mit einem Knall auf der Bühnenrückwand entrollt wird. Die akustischen wie die optischen Effekte sind von bestürzender Schärfe. Das von Olaf Winter kreierte Licht ist in der militärischen Machtdemonstration von gleißender Brutalität.
Param Vir ist mit seinen drei Werken für das zeitgenössische Musiktheater ein Begriff. Zwei Einaktern und der abendfüllenden Oper Ion. Seine Musik verbindet westliche und östliche Klangwelten, woraus eine Synthese transzendentaler Ästhetik entsteht. Die Partitur zu Awakening experimentiert an der Nahtstelle von Text und Tonalität. Vir setzt spezielle Intervalle ein, um bestimmtes Handeln Gautamas zu illustrieren. Ferner Oktaven und Quinten, um dem Licht, erst irdisch, später metaphysisch, eine Gestalt zu geben. Schockartige Tutti-Abstürze, gespeist von massivem Schlagwerk, verstärken die Szenen, in denen dem Publikum mehr Konzentration als üblich abverlangt wird. Mit der Bewältigung der Partitur der Gegensätze unterstreicht das Beethoven Orchester Bonn mit Daniel Johannes Mayr am Pult seine Fähigkeit zur interpretatorischen Flexibilität.
Das mit ethischen, moralischen und spiritistischen Ermahnungen, vornehmlich buddhistischen Tugendregeln gespickte, streckenweise auch überfrachtete Libretto ist in englischer Sprache verfasst. Gesungen wird ein Englisch, das zu weiten Teilen gut verständlich ist, auch wenn die deutschen Übertitel vom Publikum immer wieder gesucht werden. In der Hauptpartie, einem komplexen Parlando, gelingt es dem amerikanischen Bassbariton Cody Quattlebaum mit stimmlicher Kraft und spielerischer Einfühlsamkeit, als Opernsänger einen Darsteller des Theaters zu verkörpern. Indirekt trug eine Reise zur Einstimmung auf die buddhistische Religiosität bei, die er vor der Pandemie allein auf dem Annapurna-Treck in Nepal unternahm.
Aus dem großen Sängerensemble sind vor allem Yannick-Muriel Noah als Lady Gautami, Schwester des Prinzen, mit beschwörender Emotionalität und Tae Hwan Yun, Sunita, zu nennen. Er verfügt über einen triumphalen Tenor und eine Intensität, die anrührt und begeistert.
Das packende, dann versöhnliche Ende gleitet in einen großen Beifall des ganzen Hauses für alle Mitwirkeden inklusive Regie-Team über. Jubel gilt insbesondere Quattlebaum, Mayr, Yun und der kleinen Formation des Kinder- und Jugendchors des Theaters. Hinter ihnen liegt eine mehr als dreistündige Präsenz auf und hinter der Bühne, von den Proben über Wochen ganz abgesehen. Die Frage nach der Anstrengung des Abends quittiert Wencke, zehn Jahre, nach der Vorstellung im Foyer mit der gelassenen Bemerkung, es sei „cool“ gewesen.
Mit dem Erscheinen des Komponisten steigert sich der Jubel noch einmal beträchtlich. Über die Motive ließe sich spekulieren. An einem Wochenende ganz im Zeichen des neuerlich entbrannten militärischen Nahostkonflikts scheint ein spiritueller Gegenentwurf für manche auch Trost an sich.
Dr. Ralf Siepmann
Copyright Foto: Bettina Stöß
03. März 2026 | Drucken
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