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Der Freischütz Carl Maria von Weber Besuch am 3. Mai 2026 Premiere
Theater Bonn Opernhaus
Oktroi statt Vermittlung: Regie agitiert im deutschen Alptraum
Kurz vor dem Finale der Ouvertüre, nach einer Pause von wenigen Sekunden, steigert sich das Orchester in eine Tutti-Explosion. Sie ertönt zweimal, ehe sie in eine tänzerische Melodie übergeht. Der doppelte Einschlag kann als der instrumentale Aufschrei einer Gesellschaft zum Zeitpunkt der Berliner Uraufführung 1821 gedeutet werden, die immer noch Angst hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Zugleich als Fanal einer Zuversicht in zukünftige Entwicklungen, gestützt auf ein in den Kriegen gegen Napoleon gewachsenes Nationalbewusstsein und ein erstarktes Bürgertum, das seinen Platz neben der geschwächten Aristokratie zu erobern sucht.
Rund 200 Jahre später ist Der Freischütz von Carl Maria von Weber mit dem Libretto von Friedrich Kind auf der Basis des Gespensterbuchs von Johann August Apel unverändert ein künstlerischer Seismograph, die Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Verschwinden der individuellen Orientierung aufzuzeigen. In der Neuproduktion des Theaters Bonn geschieht dies durch einen radikalen Transfer von Handlung und Figuren in die bundesdeutsche Gegenwart, in der die Demokratie durch eine populistische rechte Partei bedroht ist, die in Teilen als verfassungsfeindlich eingestuft ist. Folglich, so die Maxime, müsse alles darangesetzt werden, die liberale Demokratie zu verteidigen, mit der Oper als Raum der Sensibilisierung, als „Kraftwerk der Gefühle gegen Rechts“.
Der Stoff von Webers Romantischer Oper ist in Böhmen nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges angesiedelt, der ein Drittel der Bevölkerung in deutschen Landen das Leben kostet. Der Sicherheit und Vertrauen in die gesellschaftliche Ordnung zerstört hat. Volker Lösch, vor allem als Schauspielregisseur bekannt, inszeniert die Geschichte von den finsteren Mächten, die in der Wolfsschlucht als subjektive Angstvision kulminiert, als „Alptraum für Deutschland“. Hierfür werden etliche der heute idyllisch erscheinenden Dialoge Kinds durch Texte von Lothar Kittstein ersetzt. Die fortschreitende Demontage des Sozialstaats, protokolliert Lösch, Neoliberalismus, Klimawandel, Migration, Wirtschaftskrise und näher rückender Krieg haben eine tief verunsicherte Gesellschaft geschaffen.
Massiver Einsatz von Videos (Robi Voigt) macht bereits während der Ouvertüre überdeutlich, welche Intention das Gespann verfolgt. Bilder von urdeutschen Mythen mit herzigen Familien, glücklichen Frauen an Herd und Kinderkrippe sowie Pommes mampfenden Männern auf der von Sonne überströmten Terrasse werden mit Sequenzen von durch Krieg zerstörten Städten, sozialen Unruhen und Migrationsströmen konfrontiert. Die Bilder vermeintlicher Überfremdung sollen das rechtspopulistische Narrativ nähren, es müsse nach einer Machtübernahme „so richtig aufgeräumt“ werden.
Nukleus des deutschen Alptraums ist der verlassene Bonner Bundestag, einst das Herz der Demokratie, jetzt ein lost place. Im Bühnenbild von Carola Reuther ist der Plenarsaal ziemlich heruntergekommen. Die Sitze sind von allerlei wilden Pflanzen überwuchert. Zwischen den Reihen lungern die Bauern in den prekären Klamotten der Kostümbildnerin Cary Gayler, die mit Viktoria! Viktoria! der Meister soll leben den Königsschuss des Bauern Kilian beim Schützenfest feiern.
Danach zieht das Personal des Freischütz-Stücks ein, das Lösch „mit den Augen der anderen“ erzählt, um die Lebens-, Denk- und Gefühlswelt der Rechten bloß zu legen, die 2029 mit der derzeitigen Mehrheitsfraktion im Bundestag als Koalitionspartner die Regierung zu übernehmen trachten. Max, der Jägerbursche des Erbförsters Kuno und Bräutigam dessen Tochter Agathe, ist jetzt ein Afghanistan-Veteran. Seine Verunsicherung ist deutlich spürbar, gerade wenn er mit der Maschinenpistole hantiert. Immerhin soll ihm das Amt des Heimatministers in der künftigen Regierung übertragen werden.
Kuno ist der Vorsitzende der rechtsextremen Partei, der seinem Schwiegersohn so recht nicht traut. Kaspar, Kunos Rivale um Agathe, agiert mit grimmiger Miene in der Montur eines Kampfsportlers. Agathe und Ännchen gehen in ihrer Rolle als Tradwives auf, drehen Videos über das erfüllende Leben als hingebungsvolle Ehefrauen. An Stelle Samiels, im Original der „schwarze Jäger“, agiert die Bonner Schauspielerin Birte Schrein mit resoluten Auftritten in der Rolle der Kanzlerkandidatin der rechtsextremen Partei. Sie hetzt gegen „migrantische Männerhorden“, gegen die „gottlose Zeitgeistgesellschaft“, in der Frauen ihres „natürlichen Wesenskerns“ entfremdet werden, und verbreitet die Mär vom „Austausch der deutschen Bevölkerung“. Polemiken, die im Publikum erste ablehnende Zwischenrufe auslösen.
Durch das inszenierte Scheitern eines Attentats auf den Bundeskanzler, das im neu gefassten Plot Max ausführen soll, will sie sich an die Spitze einer Regierung bringen, mit der Union als Koalitionspartner. Tenor aller Aussagen ist die Strategie, durch die Stimulierung von Angst den Boden für einen Umsturz zu bereiten. Gefühle statt Vernunft.
Die Handlungsstränge eines Freischütz made by Bonn Opera werden von Texteinblendungen aus Reden und Programmen des Spitzenpersonals der rechtsextremen Partei überhöht, die sich in großen Buchstaben über die ganze Breite der Bühne ziehen. Die Drastik mancher dieser Aussagen, etwa von „Remigration“ als politisches Allheilmittel, macht durchaus betroffen. Wie auch die gleichsam als Kontrapunkt eingeblendete Zahl der 224 Menschen, die seit 1990 Todesopfer rechter Gewalt geworden sind. So durch die NSU-Gruppe, deren verheerende Spur durch Deutschland Name für Name auf der Videowand genannt wird.
Lösch streut hin und wieder teils satirische Momente ein, die die Scheinversprechen der Rechten durchaus entlarven. Wir winden dir den Jungfernkranz, das vermeintlich harmlose Liedchen zur Vorbereitung Agathes auf das Eheleben, wird von vier Brautjungfern im Zustand hoher Schwangerschaft dargeboten. Verstanden werden soll es als bittere Wahrheit über das Schicksal von Frauen im rechten Milieu. Das Lied mündet passenderweise in den Alptraum einer Totgeburt, die Agathe erleidet, symbolisch die Vernichtung von Leben im Faschismus.
Im Finale des dritten Aufzugs wird das deutsche Fiasko Realität. Der Eremit, hier allerdings Antreiber der extremen Agenda, überzeugt den Bundeskanzler von der Sinnlosigkeit der „Brandmauer“, ferner davon, seiner Herausforderin seinen Platz zu überlassen. Ein mehr als merkwürdiges Schlussbild mit der schrillen Politikerin auf der einen Seite und dem resignierenden Bundeskanzler auf der anderen. Johannes Mertes alias Fürst Ottokar gibt ihn mit Maske und Gesten des Friedrich Merz und markanter Baritonstimme.
Es ist schon fast erstaunlich, dass Webers Freischütz ungeachtet aller Eingriffe in den Text als musikalische Einheit weitgehend erhalten bleibt. Entfaltet doch die Partitur mit ihren reißenden wie lyrischen Melodien, den spannungsreichen Harmonien, den volksliedhaften, bisweilen tänzerischen Rhythmen und ihrer besonderen Tonartencharakteristik einmal mehr jene Kraft, die ihr den Ruf der „ersten deutschen Nationaloper“ als Antwort vor allem auf die italienische Oper eingebracht hat. Einen großen Anteil hieran hat Lothar Koenigs am Pult des Beethoven Orchesters Bonn, der den Primat der Musik dieser Aufführung wahrt, die plakativen wie stillen Momente filigran ausführen lässt und die Abstimmung zwischen Bühne und Graben in der Balance hält.
Sängerisch bewegt sich die Aufführung am oberen Level. Allen voran der von André Kellinghaus trefflich einstudierte Chor der Oper Bonn, speziell in der Formation der Männer, die im Jägerchor die verborgene aggressiv-männliche Tönung, umspielt vom Hornklang, packend zur Geltung bringen. Kai Kluge profiliert Max mit seinem klar geführten, in der Höhe strahlenden Tenor großartig. Er profitiert zudem von der Tonmalerei Webers, der ihm die Klarinette beigesellt, sein Lieblingsinstrument. Alyona Rostovskaya ist eine Agathe der bezwingenden Gesangskunst. Besonders berührend ihr Gebet Leise, leise, fromme Weise, einfühlsam vom Solocello umspielt. Ergreifend ihre Kavatine Und ob die Wolke sie verhülle.
Als Ännchen ist Nicole Wacker mit ihrem dunkel timbrierten Sopran und ihrer komödiantischen Ader eine Offenbarung. Kokett in der Ariette Kommt ein schlanker Bursch gegangen. In trauter Harmonie in den Duetten mit Agathe. Tobias Schabel ist als Kaspar typgerecht martialisch. Christopher Jähnig genießt seinen Auftritt als Eremit, der er nicht ist, sichtlich. Ralf Rachbauer rundet als Kilian den äußerst positiven Gesamteindruck ab.
Löschs Bonner Fidelio von 2020, als politische Anklage an das Regime Erdogan aufgezogen und umjubelt, ist noch in bester Erinnerung. Diesmal spaltet der Regisseur das Publikum, das offenkundig auf eine Wiederbegegnung mit den romantischen Tugenden Webers aus ist, nicht aber auf eine politische Belehrung. So werden Sänger, Chor und Orchester stürmisch gefeiert, während zumindest die Hälfte der Besucher ihrer Ablehnung der Inszenierung mächtig Ausdruck verleiht.
Ein Grundproblem dieser Regie ist das Framing durch ständige Benennung der rechtsextremen Partei, durch Präsentation von Zitaten aus Programmen und Reden. So wird ihr eine Tribüne gezimmert und eine Aufmerksamkeit zuteil, die umgekehrt proportional zu der Verantwortung steht, die sie tatsächlich im konkreten politischen Handeln wahrnimmt.
Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Diese Weisheit, die vorrangig Goethe in unterschiedlichen Versionen zugeschrieben wird, lastet wie eine unsichtbare Hypothek über der Inszenierung, vergleichbar der Gendersprache in ihrer übersteigerten Variante. Die Intention von Lösch/Kittstein wird oktroyiert. Die Mehrheit des Publikums in der Oper dürfte allerdings prinzipiell reflexiv veranlagt sein, bedarf wohl nicht des Drills.
Um ein Gedankenspiel anzustoßen: Zu überlegen wäre, den Bonner Freischütz Musiktheatern im Osten Deutschlands, etwa den Häusern in Erfurt und Magdeburg zur Übernahme anzubieten, dann unter Reduzierung einiger lokaler Bezüge. Es könnte lohnen.
Dr. Ralf Siepmann
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06. Mai 2026 | Drucken
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