Im Theater Hilsdorf: Verheißungsvoller Start in die Wiederaufnahme des Düsseldorfer Rings

Xl_1009_dasrheingold_12_foto_hansjoergmichel © Foto Copyright Hans Jörg Michel

Richard Wagner Das Rheingold Besuch am 18. Juni 2022 (Premiere 23. Juni 2017)

Verheißungsvoller Start mit Rheingold in die Wiederaufnahme des Düsseldorfer Rings

Deutsche Oper am Rhein

Her den Ring!/ Kein Recht an ihm/ schwörst du schwatzend dir zu.In äußerster Erregung greift Wotan nach Alberichs Hand mit dem Ring am Finger, trennt mit dem Schwert die ganze Hand vom Arm des Zwergs und mag danach das blutende Teil, den Weltherrschaft verheißenden Ring bewundernd, fast nicht mehr loslassen. Einige Augenblicke und Musiktakte später ist erneut der Göttervater zu erleben, wie er nicht loslassen kann. Diesmal ist es Erda. Sie prophezeit den Göttern einen düstren Tag und rät Wotan: Meide den Ring! Dieser dagegen sucht die körperliche Nähe der „Urwala“, umklammert ihre Hand, als wolle er in kindlicher Attitüde Schutz suchen vor dem Untergang, den er selbst auslöst.

Starke Bilder, die die Götter in Richard Wagners Vorabend zur Tetralogie urmenschlich zeichnen, sind ein Wesensmerkmal der Wiederaufnahme des Rheingolds in der Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf. Fünf Jahre nach der Erstaufführung stellt die Deutsche Oper am Rhein den Ring des Nibelungen erneut zur öffentlichen Debatte. Nach dem Vorabend zu Wagners Bühnenfestspiel zu urteilen, ein lohnendes Unterfangen.

Wagner habe mit dem Ring der modernen Menschheit einen Mythos geschenkt. Dies schreibt der österreichische Dirigent und Musikwissenschaftler Peter Berne in seiner profunden Analyse der Tetralogie, 2006 unter dem Titel „Apokalypse“ erschienen. Dieser Mythos könne ihr dazu helfen, „sich selbst, ihre Taten und Leiden, und vor allem die tödliche Krise, die sie gegenwärtig durchmacht, besser zu verstehen“. Berne, in den 90-er Jahren Studienleiter an der Wiener Staatsoper, entzieht jedem denkbaren Versuch, sich dem Weltepos beliebig zu nähern, jegliche Begründbarkeit. Jede Ring-Neuinszenierung an jedem Theater, so seine dramaturgische Navigation, müsse sich daran messen lassen, ob sie Erhellendes leistet. Ob sie konstruktive Alternativen zur gesellschaftlichen Apokalypse der militärischen, ökonomischen und ökologischen Menschheitsdämmerung aufzeigt. Oder wenigstens argumentativen Stoff zur öffentlichen Legitimation der Institution Oper.

Bernes hell- und weitsichtige Deutung des Jahrhundertwerks vermittelt auch heute willkommene Hinweise zur Entschlüsselung von Opus und Inszenierung. Hilsdorf verfällt nicht der Neigung, der Kunst eine zusätzliche Ebene von Ideologie überzustülpen. Nicht dem Hang von Ring-Regisseuren von Patrice Chéreau bis Frank Castorf, die bei Wagner latente Kapitalismuskritik in einer Metadimension zu überhöhen. Auch nicht der fokussierten Sicht mancher Inszenierung auf die tatsächlichen oder vermeintlichen antisemitischen Momente, die in Verbindung mit Alberich und seinem Bruder Mime diskutiert zu werden pflegen.

Was Hilfsdorf, ganz Theaterfuchs, bei seiner ersten Herangehensweise an den Ring als Regisseur gleich zu Beginn schafft, sind produktive Irritationen. Bevor sich die ersten stollentiefen Streichertöne des Es-Dur-Vorspiels aus dem Graben herausschrauben und der dunkelrote Vorhang zu der von Dieter Richter geschaffenen Bühne im Stil eines großbürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts fällt, tritt ein wie ein Varietédirektor gekleideter Mann auf. Mutmaßlich Loge. Sorgsam artikulierend zitiert er den ersten Satz aus Heinrich Heines Loreley-Lied: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten..." Danach entspringen flackernde Feuer auf seinen Handflächen.

Aus diesen Andeutungen eine Anklage gegen den Antisemiten Wagner abzulesen und ihm eine Verantwortung für Späteres aufzubürden, wie dies offenkundig einige Besucher verstanden haben wollen, ist nicht wirklich schlüssig. Auch die Zottelhaare entlang den Ohrpartien unter der Melone, die die Kostümbildnerin Renate Schmitzer Mime hat angedeihen lassen, können wohl kaum einen Verdacht verstärken, den es gar nicht gibt. Loge ist schließlich der Feuergott und die Flamme sein ureigenes Metier. Und Wagner ein „persönliche Ausnahmen gern zulassender Antisemit“, wie Kurt Pahlen in seiner Ring-Rezension notiert. Fürwahr, bedrängt doch Wagner – pars pro toto – den Juden Hermann Levi die Uraufführung seines Parsifal in Bayreuth zu dirigieren.

Ideologie hin, Ideologiekritik her – das Spiel, das Hilsdorf die Göttersippe, die Knechte des um 1890 blühenden Zeitalters von Kohle und Stahl sowie die erotisch verspielten, gesanglich reizvollen Rheintöchter, Anke Krabbe als Woglinde, Kimberley Boettger-Soller als Wellgunde und Anna Harvey als Floßhilde, aufführen lässt, ist erst einmal und überhaupt Theater. Vitales sprühendes Musiktheater. Damit knüpft die Rheinoper an den Düsseldorfer Ring in der gut zwanzigjährigen Intendanz von Grischa Barfuss mit dem unvergessenen Manfred Jung als Siegfried an, dem einzigen unter den deutschen Wagner-Tenören, der alle Tenorpartien im Ring gesungen hat.

Ganz besonders gelungen ist die Niebelheim-Szene, die hier so plastisch und farbenreich ausgestattet wird, als wolle in einem kühnen Marketingakt ein Publikum von Kindern für Wagners Epos gewonnen werden. Mit ohrenbetäubendem Lärm durchschlagen ziemlich echt wirkende Loren die seitlichen Begrenzungen von Alberichs Kohlenmine. Das Feuer eines Hochofens erleuchtet das Treiben der malochenden Zwerge, die von einer Seite zur anderen hetzen, wozu Volker Weinharts Lichtregie funkelnde Effekte beisteuert. Kurios sind mit grünem Stoff bezogene flache Sesselelemente, durch die sich abwechselnd Loge und Wotan mit ersichtlicher (gespielter) Mühe zwängen, um in Mimes Schmiede hinein oder später wieder aus ihr hinaus zu gelangen. Dazu der Hall des von den Ambossen erzeugten Schmiederhythmus, der noch nachklingt, als die beiden Erzschurken die Kröte alias Alberich und den Tarnhelm in ihren Besitz gebracht haben. Auch dieser Raub der Skrupellosen, die einen starken körperlichen Einsatz an den Tag legen, ein Theaterspaß.

Hilsdorfs Personenregie folgt Wagners Text in enger Anlehnung, arbeitet dabei immer wieder theaterwirksame Effekte heraus. Zu Beginn wird Wotan, scheinbar im betreuten Patientenleben gelandet, von Fricka, seiner Gattin, im Rollstuhl auf die Szene bugsiert. Dann reißt er sich eine Art Kopfverband vom Schädel, richtet sich auf, um in der Folgezeit als wahrer Göttervater die Szene zu beherrschen. Von der dritten Szene an mit Speer und Schwert, mutmaßlich eine Anspielung auf die Folgestücke der Tetralogie. Simon Neal ist dieser Wotan mit dominierender Ausstrahlung, mit seinem souverän eingesetzten und gut verständlich artikulierenden Bariton. An seiner Seite hat Katarzyna Kuncio als frustrierte Gemahlin Fricka ungeachtet starker Argumente gegen den angreifbaren Gatten nicht viel zu melden. Zudem nimmt ihr ein exponiertes Vibrato auch sängerische Vorteile. Michael Kraus hinterlässt als Alberich mit seinem kräftigen nuancenreichen Bariton einen nachhaltigen Eindruck. Die Verfluchung der Liebe gelingt ihm so packend, dass sich ein Sträuben der Nackenhaare einstellen mag. Gute Textverständlichkeit ist ein Vorzug der Art, wie Florian Simson Mime Gestalt und Stimme gibt.

Als spin doctor Wotans ist Norbert Ernst eine gesanglich und spielerisch funkelnde Besetzung. Dieser Loge, Strippenzieher wie Außenseiter im Unternehmen der Götter, weiß den irrlichternden Witz und die zynische mephistophelischen Kälte der Rolle mit stimmlicher Hingabe auszufüllen. Richard Šveda ist ein kraftvoller Donner, während der Froh des Jussi Myllys ein Stück verhalten bleibt. Als Freia hat Anna Princeva ihre stärkste Szene, als sie bang - Darf ich hoffen? - verfolgt, wie sie gegen Gold und Ring ausgelöst wird. Susan Maclean gestaltet Erda mit tiefgrundiger Würde. Beide Riesen, Sami Luttinen als Fafner und Thorsten Grümbel als Fasolt, sind imposante Erscheinungen. Man darf sich schon freuen, im Siegfried auf den Bass Luttinens wieder zu treffen.

Musikalisch ist das Rheingold, ausgehend von dem sonoren Es-Dur-Akkord des Vorspiels und endend mit dem strahlenden Walhall-Motiv, einer der stringentesten und stimmigsten Melodienbögen, die je für das Theater komponiert worden sind. Die Düsseldorfer Symphoniker gehen die packende Reise durch Wagners furiose Partitur mit Axel Kober am Pult intensiv und mit niemals nachlassender Spannkraft an. Spektakulär gelingen die expressionistischen Passagen in den hymnischen Auftritten von Froh und Loge ebenso wie der disruptive Ausbruch des Orchesters bei Alberich und Mime unter Tage sowie bei Alberichs Fluch wider die Liebe.

Wagners zeitloses Weltepos zur Verletzlichkeit der modernen Menschheit ist am Rhein neu aufgelegt, gefeiert vom Publikum mit starkem Beifall sowie Bravo-Rufen. Im Theater Hilsdorf wird es weitere Spieltermine geben. Nach der Walküre-Aufführung noch im Juni für Siegfried im Februar und März kommenden Jahres.

Dr. Ralf Siepmann

Photo Hans Jörg Michel

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading