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La Favorite Gaetano Donizetti Besuch am 7. Juni 2026 Einmalige Aufführung
Musikfestival Klangvokal Dortmund Konzerthaus Dortmund
Glühende Musikfarben grundieren den Konflikt von Moral und Macht
Klangvokal Dortmund bringt seit Jahren Werke des Belcanto-Granden Gaetano Donizetti in konzertanten Produktionen zur Aufführung. In Ergänzung zu szenischen Realisierungen von Donizetti-Kernstücken wie Lucia di Lammermoor undL’elisir d’amore am Theater der Stadt. 2022 Caterina Cornaro, 2010Lucrezia Borgia, 2009Anna Bolena. Jetzt mitLa Favorite ein Rekurs auf die kurze, aber triumphale Pariser Phase des Komponisten. Für die Gesangskünstler eine Bestätigung ihres Könnens im Fach Belcanto. Für Chor und Orchester des Kooperationspartners WDR ein Gewinn für Prestige und das Kulturprogramm WDR 3. Für das Publikum ein mitreißendes Erlebnis, ungeachtet der tragischen, streckenweise unsinnig religiös überhöhten Episode um König Alphonse XI. von Kastilien und seine Maitresse Léonor de Guzman, die hier in vier Akten verhandelt wird.
Im September 1840 erreicht Donizetti ein Kompositionsauftrag seitens der Opéra de Paris. Das Handicap: Der Schöpfer der im Februar desselben Jahres uraufgeführten und extrem erfolgreichen Buffa La fille du Régiment soll das Werk in gerade einmal zwei Monaten liefern. Donizetti greift auf einen Stoff zurück, den er ein Jahr zuvor in Angriff genommen und wieder verworfen hat. Er bedient sich zudem beim Material seiner unvollendet gebliebenen Oper Le duc d’Albe. Gleich drei Autoren – Alfonse Royer, Eugène Scribe, Gustave Vaëz – werden engagiert, um eines der im 19. Jahrhundert beliebten historischen Melodramen in ein passables Libretto zu verwandeln. Grundlage ist die Erzählung Le comte de commings von Baculard d’Arnoud von 1790.
Die Komposition gelingt Donizetti in Rekordzeit. Am 2. Dezember 1840 wird die Uraufführung zu einem Erfolg, die Tragödie allein an der Pariser Oper bis zur Jahrhundertwende über sechshundertmal aufgeführt. Donizetti, auf dem Zenit seiner Kunst, hat die Vorlieben des großbürgerlichen Pariser Opernpublikums getroffen. Spektakulärster Beleg hierfür: die in der Konvention der Grand Opéra unabdingbare Ballettmusik, die auch auswärtigen Komponisten abverlangt wird, etwa Richard Wagner. Sie ist in der Dortmunder Aufführung in das Ende des zweiten Akts platziert, dauert elf Minuten und offenbart die umfassende Kompetenz des WDR Funkhausorchesters. Die Airs de danse sind Premium-Unterhaltung, tragen allerdings formatbedingt nichts zum Verständnis des Geschehens bei. Im Zweifel verzichtbar.
Die Geschichte von La Favorite, reich an amourösen Turbulenzen und höfischen Intrigen auf der Folie eines historischen Hintergrunds – hier des 14. Jahrhunderts –, ist charakteristisch für die Grand Opéra. Fernand, ein junger Novize, betet Léonor an. Er ahnt nicht, dass sie die Favoritin des Königs ist. Aus Angst vor päpstlicher Verbannung will dieser seine Liaison beenden und verheiratet Léonor mit Fernand. Der Novize kehrt ins Kloster zurück, als er die Wahrheit erfährt. Dort sucht ihn Léonor auf und gesteht ihm ihre Liebe. Schuldlos an der Intrige des Königs bittet sie Fernand um Vergebung. Noch einmal flammt seine Liebe auf, der jedoch kein Glück beschieden ist. Léonor stirbt in Fernands Armen.
Die Musikgeschichte ist voll von Musikwerken, deren Vielgestaltigkeit nicht die Problematik ihrer Herkunft zu verbergen vermögen. Hierfür ist La Favorite bemerkenswerterweise nicht das Muster. Sie lässt sich als eine der großen Opernnarrative von auf den falschen Weg geratenen Frauen fassen, von Vincenco Bellinis Norma, Giuseppe Verdis Violetta bis zu Giacomo Puccinis Manon Lescaut. Léonor wird in einer Gesellschaft, der Status alles gilt und Individualität nichts, das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt. Wehrt sie sich gegen ihre soziale Bestimmung, bleibt ihr allein die Flucht in den Wahnsinn oder den Tod. Verfälscht vom scheinheiligen Mitleid der Nachwelt und der fadenscheinigen Vergebung der Kirche.
Stilistisch ist La Favorite eine Begegnung, besser: produktiver Reibung vom Format der italienischen Oper und der Monstrosität wie des theatralischen Pomps der Pariser Großform gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. Donizettis Kompositionskünste erreichen einen Grad an Reife, Verdichtung und Ausformung der psychologischen Charaktere in der Art eines Architekten, der Stockwerk auf Stockwerk bis zur höchsten Etage, einer Stretta, setzt und auf dem Weg dorthin den Vokalvirtuosen in einer kurzen, aber wirksamen A capella-Phase Gelegenheit gibt, ihre Stimme zu präsentieren.
Fundament dieser Konstruktion ist eine flexible Behandlung des Orchesters, die die Ausmalung der lyrischen wie der bombastischen Anteile ermöglicht. Schon in der Ouvertüre werden die klanglichen Gegenpole – die von Flöte und Harfe umspielte Askese der Klosterszenen auf der einen, die vom Blech, insbesondere den Hörnern getriebene Ornamentik der aristokratischen Tableaus auf der anderen Seite – zu einem Versprechen an Klangfarben, das sich in der Folge dann auch erfüllt. Garant dieser Erfüllung ist am Pult des Orchesters der Belcanto-Spezialist Antonino Fogliani. Wie er in einem Verschmelzen seiner Rollen als Dirigent, der zugleich als Motivator, Dompteur, Supervisor und empathischer Inspirator agiert, die Fäden zusammenhält, zählt mit zu den bleibenden großen Momenten des Spektakels.
Nicht wenig trägt hier der von Alexander Lüken einstudierte WDR Rundfunkchor bei, der auf einem hohen Podest unter der mächtigen Orgel platziert ist. Mit Pieux monastère der Herren des Chors zu Beginn im Dialog mit dem Prior Balthasar wird die Stimmung des Klosters zu Santiago de la Compostela plastisch, mit Rayons dorés der Hofdamen die Idylle der Natur am Ufer der Löweninsel. In Harmonie über alle Stimmen hinweg in Déja dans la chapelle, was die Turbulenz des Finales im dritten Akt vorwegnimmt.
Die von Donizetti angestrebte neue vokale Ästhetik im Operngesang verlangt ein Sängerensemble par excellence. Am stärksten entspricht dieser Erwartung der australisch-chinesische Tenor Kang Wang bei seinem Rollendebüt als Fernand. Er lässt mit seiner Stimmvirtuosität und seiner mimischen Ausdrucksfähigkeit keineswegs Matthew Polenzani vermissen, der in einer früheren Besetzungsliste für die Partie des Novizen genannt ist. Kang Wang verfügt über ein stimmliches Register, das wie geschaffen scheint für ein perfektes Musikdrama im Stil der Grand Opéra.
Sein Fernand bewegt sich souverän und unbeirrt durch die Anforderungen dieser Virtuosität im Höchstmaß verlangenden Partie. Scheinbar anstrengungslos klettert seine Stimme in die höchsten Höhen wie in die tiefsten Klüfte des vokalen Donizetti-Gebirges. Berührend in Une ange, une femme inconnue, der ersten Romanze des Fernand. Hochgradig emotional in der zweiten Ange si pur. Einfach frappierend, wie er mit einem Piano fesselnder Ausdruckskraft das Auditorium zum gebannten Schweigen bringt. Grandios, wie seine Stimme aus der versammelten Pause an Volumen und Brillianz gewinnt und sich in eine lange Linie des scheinbar unerschöpflichen Atems noch steigert.
Als Alphonse ist ihm der Bariton Vito Priante, geboren in Neapel, nahezu ebenbürtig, jedenfalls ein idealer Antipode. Vehement lässt er sich auf die Vielfalt dieser Rolle ein, die das gesamte Spektrum von der spitzbübischen Lässigkeit bis hin zur kalten Arroganz der Macht umfasst. Leidenschaftlich in Léonor, viens j’abandonne, als ihm der Machtkampf mit der Kirche noch bevorsteht.
Die aus Armenien stammende Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan ist eine Léonor der glühenden Emotionen, bestimmt von technischer Klasse und Intensität in Ausdruck und Körpersprache. Sie harmoniert bestens im Duett Mon idole mit Fernand sowie in Quand j'ai quitté mit dem König. Ihre Bravourarie O mon Fernand löst einen der zahlreichen Zwischenbeifallsbekundungen aus. Dennoch, das große Belcanto-Glück mag sich nicht wirklich einstellen, da es an emotionaler Tiefe mangelt. Die französische Sopranistin Suzanne Jerosme gibt Inès insbesondere in der orientalisch angehauchten Sequenz zusammen mit dem Chor der Hofdamen Profil, versteht es in der Folge allerdings nur bedingt, dem Anliegen der Vertrauen Léonors Nachdruck zu verleihen.
Als Balthasar, Prior des Klosters San Giacomo, ist der rumänische Bass Bogdan Talos eine Bank. Entschieden in Auftritt und Haltung, als er im Duett Toi, mon fils, ma seule espérance mit Fernand diesem aufzeigt, was desse zukünftige Aufgabe zu sein hat. Und auf Augenhöhe mit dem König, dem er Paroli bietet. Der aus Mexiko stammende Tenor Angel Macias als Don Gasparo, Offizier des Königs, ist eine beeindruckende Besetzung. Zu wünschen wäre, ihn in größeren Rollen zu erleben.
Der Erfolg Donizettis in Paris wird von Opernkomponisten dort argwöhnisch verfolgt. Hector Berlioz empfindet ihn gar als Krieg, als Invasion. Diese Irritationen sind heute gerade noch Fußnoten der Musikgeschichte. Was zählt, was der stürmische Beifall des Publikums für alle Künstler, in Sonderheit für Fogliani, erkennen lässt, ist die ungebrochene Wertschätzung für einen Klassiker des Belcanto, der es in den heutigen Spielplänen schwer hat. Warum eigentlich, wäre zu fragen.
Dr. Ralf Siepmann
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11. Juni 2026 | Drucken

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