Essen – Opernglück dank zweier Strauss-Verehrer in der Regie und am Pult

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Essen – Opernglück dank zweier Strauss-Verehrer in der Regie und am Pult

Richard Strauss Arabella Besuch am 14.Mai 2022 (Premiere)

Aalto Theater Essen

Blumen sind in Hugo von Hofmannsthals Arabella-Text ein bedeutsames Requisit. Schon in der ersten Zusammenarbeit mit Richard Strauss im Genre der lyrischen Komödie, dem Rosenkavalier mit der Überreichung der silbernen Rose im zweiten Akt rund zwei Jahrzehnte zuvor, machen sie einiges her. In Arabella will der sich berauscht fühlende Mandryka Blumen „hinstreu’n, daß statt meiner sie den Fuß ihr küssen“. Welko, seinem Diener, trägt der um Arabella werbende Landedelmann beim Wiener Fiakerball – halb ernst, halb gespielt - auf, die Gärtnergeschäfte aufsperren und die „hübschen Verkäuferinnen“ ihre Keller ausräumen zu lassen, um gleich einen ganzen Wagen mit Rosen zu füllen.

Blumen, rote Rosen zumeist, Symbole der Verletzlichkeit wie der Integrität des seelisch unbekümmerten Mädchens auf dem Lebensweg zur emanzipierten Frau, dienen dem belgischen Regisseur Guy Joosten als Kulissenelement und roter Faden für seine Arabella-Inszenierung am Essener Aalto-Theater. Zu Beginn, bevor sich der Vorhang zum Salon im Wiener Stadthotel hebt, durchstreift Jessica Muirhead in der Titelpartie mit langsamen Bewegungen ein an der Kante zum Orchestergraben installiertes Blumenfeld. Rote Rosen, im Liebeseifer überreicht von Matteo und früheren Verehrern wie dem Grafen Elemer. Mit Platz für weitere.

Kein schlechter Einfall angesichts des Risikos jeder dramaturgischen Annäherung an die teils entlarvende, teils augenzwinkernde Charakterisierung des „guten alten“ Wien um 1860, im allzu Menschlichen oder gar im Kitsch zu landen. In der Trivialität um die Idee vom Richtigen und vom Falschen in der Liebe und im Leben. Joosten, in Essen seit seiner Inszenierung der Schweigsamen Frau als Strauss-Kenner ausgewiesen, vertraut der Sprache Hugo von Hofmannsthalsund der verführerischen musikalischen Lyrik, die Strauss der Sternstunde einer noch einmal romantischen Reverenz gegenüber einer verlöschenden Epoche hat angedeihen lassen. Bei allem Vergnügen am Spiel mit den Hofmannsthalschen Figuren nimmt der Regisseur die Handelnden ernst, inszeniert aufs Wort und gewinnt so im nicht ganz voll besetzten Haus das Premierenpublikum.

2015 in Köln hält es das Inszenierungstandem Renaud Doucet und André Barbe für angezeigt, das Geschehen auf den Vorabend des Ersten Weltkriegs zu verlagern. Arabella, so ihre Begründung, „zeigt sich uns als psychologische Studie des Zustands der Weltseele am Ende einer Epoche“. So verwandelt sich der „Vorraum zu einem öffentlichen Ballsaal“ des zweiten Aufzugs zu einer Hügellandschaft mit Schützengräben, „ein offener Raum im Hotel“ des dritten Akts zu einem Notlazarett, finden sich die Akteure in der Katastrophe von 1914-1918 wieder. Joosten verzichtet auf die auch in anderen aktuellen Inszenierungen aufzufindende Attitüde, die jeweilige Deutung durch Hinzufügung einer Dimension aufzuladen, die möglicherweise öffentliche Aufmerksamkeit generiert, die dem Stoff aber fremd ist.

Die Räume und die Kostüme, die Katrin Nottrodt für die Essener Produktion geschaffen hat, halten sich eng an die Vorstellungswelt des Librettisten. Hofmannsthal, der 1929 nach Vollendung des Textbuches zum ersten Aufzug einen tödlichen Schlaganfall erleidet und so nicht die Uraufführung 1933 in Dresden erlebt, genießt förmlich die Idee, den „prunkvollen Geschmack der 1860er Jahre“ wieder aufleben zu lassen. „Logenartige Räume aus Säulen und Draperien … In der Mitte Treppe zu einer Estrade, von der man in den eigentlichen Ballsaal hinabsieht.“  So möchte er die Szenerie für den zweiten Aufzug, in dem sich Arabella und Mandryka ineinander verlieben und Zdenka aus Zuneigung zu Matteo eine zunächst verhängnisvolle Verwirrung aller auslöst.

Und so ist dann auch Nottrodts Kulisse beschaffen, mit einer prachtvollen Tafel am Faschingsdienstag für die Ballgäste im Zentrum. Und einer noch prachtvolleren Balltorte auf derselben, um die die Fiakermilli wahre Pirouetten dreht. Ein für das Publikum einsichtbarer Rundgang hinter dem Vorraum erlaubt etliche markante Auftritte. Die melancholischen Wanderungen des verzweifelnden Matteo, der sich mehrfach anschickt, sein junges Leben per Pistolenschuss zu beenden. Das Erscheinen Zdenkas unter einem weißen Schleier zu der von Arabella initiierten Verlobung mit dem geplagten und dann geretteten Matteo nach ihrem Geständnis. Einzig der in die Decke über dem Vorraum eingeschlagene verdorrte Baumstamm deutet mit seiner fast schon biblischen Symbolkraft die Brüchigkeit des Ganzen und die in zwei Generationen eintreffende Katastrophe des Ersten Weltkriegs an.

Die Sicht des Regisseurs auf die beiden Schwestern unterscheidet sich signifikant von seinem Verständnis der sonstigen dekadenten Wiener Mischkulanz. Arabella darf den Übergang aus der „Präexistenz ihrer Mädchenzeit zum eigentlichen Leben der liebenden Frau“ (Hofmannsthal), diesen Wandel von kindlichem Überschwang zur Demut in Seelengröße, mit Takt und Würde erleben. Zdenka ist in Joostens Personenregie ein empfindsames Wesen, dessen Verletzlichkeit und Hingabe er mit tiefem Respekt zeigt. Ansonsten gefällt sich der Regisseur in Überzeichnung und Kolportage. Mit Schweinskopfattrappen ausgestattet erscheinen die drei Grafen auf dem Ball, die bei Arabella das Nachsehen haben. Graf Waldner, der der Spielsucht verfallene pensionierte Kavallerieoffizier, ist die polternde sexistische Personifizierung des ordinären Wiener Milieus, in dem Arabella anders als Der Rosenkavalier spielt. Immerhin einmal lässt Joosten Gnade walten, als sich Waldner für die Integrität Arabellas engagiert. Gnadenlos hingegen der Blick auf Adelaide, die Bettina Ranch vor allem darstellerisch trefflich zeichnet bis überzeichnet. Die Gräfin hängt an der Flasche, lässt jedes Gefühl für Kultiviertheit vermissen und wirft sich dem erstbesten Mannsbild an den Hals. Natürlich auch dem Fremden aus den kroatischen Wäldern, der die Rettung der Familie aus der finanziellen Klemme verspricht.

Dieser Retter in spe, Mandryka, ist zwar ein Bärenjäger, aber keineswegs ein Hinterwäldler. Strauss drückt dies mit dem Auftrittsthema aus, das gleich vier Hörner recht feierlich anstimmen. Joosten stilisiert ihn vorwiegend zum unbeherrschten Grobian, dem auf dem Höhepunkt der von Zdenka angerichteten Turbulenz die Felle wegschwimmen, die er reichlich am Leibe trägt. Da bleibt wenig von jener Stimmung, in der Mandryka die Reinheit der Dörfer, die unberührten Eichenwälder und die alten Volkslieder beschwört. Warum sich der betrogen wähnende Mandryka eine Pistole gegen die Schläfe richtet, bleibt wohl Joostens Geheimnis. Ist er doch kein Matteo zwei.

Die Partitur zu Arabella umgibt eine spezielle Aura, die die Tonsprache des Komponisten auf dem Weg zum späteren Stil ästhetischer Vollendung zeigt. Sie weist zahlreiche Facetten auf, verlangt vom Dirigenten die Beherrschung nicht alltäglicher Anforderungen. Die Zusammenführung zweier divergenter Tonwelten etwa. Die laszive Frivolität und Walzerseligkeit auf der einen, die slawisch grundierte naturverherrlichende Naivität auf der anderen Seite. Und über allem die schwelgerische Sinnlichkeit, mit der Strauss in den Duetten Arabellas mit Zdenka und später Mandryka zu adeln versteht, was Menschlichkeit vermag. Was letztlich die Schönheit der Kunst der Oper ausmacht.

Generalmusikdirektor Tomáš Netopil, dem der Ruf eines Strauss-Verehrers vorausgeht, gelingt es hervorragend, die Essener Philharmoniker in Hochform zu treiben. Souverän auch in dem Moment, als ausgerechnet während des Duetts Aber der Richtige wenns einen gibt im ersten Aufzug ein Orchestermusiker mit Kreislaufproblemen zu kämpfen hat, woraufhin im Graben Unruhe entsteht und Intendant Hein Mulders herbeieilt. Netopil setzt sein Dirigat ohne Unterbrechung fort, ohne Abstriche an der Aura eben dieses tief anrührenden Dialogs hinzunehmen oder gar zu verursachen.

Zweifellos ist die Arabella bei einem Sängerensemble wie dem in Essen in besten Händen, von dem ein Drittel der Interpreten der tragenden Rollen österreichische Wurzeln hat. Christoph Seidl bringt als Graf Waldner mit seinem derben Spiel und wurstigen Bass den Typ zur Strecke, der er sein soll. Heiko Trinsinger steigert sich als Mandryka parallel zu seiner Existenzkrise in eine Tagesform, die im Finale anrührende Qualität entwickelt. Im Crescendo der Stimme erinnert das Timbre des Baritons an Dietrich Fischer-Dieskau, der die Partie des Mandryka häufig gesungen hat. Thomas Paul ist mit der von Strauss verlangten leicht-lyrischen Tenorstimme ein Matteo, der die Spannweite seiner Rolle – Unglücksrabe, weil schlicht der falsche Mann, und ehrlich Liebender – überzeugend gestaltet. Santiago Sánchez, Graf Elemer in der Essener wie kürzlich in der Bonner Arabella, Karel Martin Ludvik als Graf Dominik und Günes Gürle als Graf Lamoral geben das dekadente Adels-Trio mit der vokalen Wonne, die ihnen der Komponist auf die Kehle geschrieben hat.

In Stoff wie Musik ist Arabella eine „Frauenoper“. Jessica Muirhead verkörpert die Titelgestalt mit einer Tessitura, die auf die Marschallin im Rosenkavalier verweist. Wunderbar verhalten in den Passagen der Verinnerlichung. Ihr glaubt das Publikum einfach ihren Traum von einem Leben, in dem „keine Winkelzüge werden sein und keine Fragen“. In dem „alles hell und offen, wie ein lichter Fluß, auf dem die Sonne blitzt“. Famos ihre deklamatorischen Ausbrüche, mit jagender Stimme ihre Solo-Arie vor Ende des ersten Aufzugs, in der sie sich ihre Sehnsucht gesteht, noch einmal „meinen fremden Mann“ zu sehen. Julia Grüter, Gast im Ensemble, gibt Zdenka die berührende Mädchenhaftigkeit, auch wenn sie ihr Vibrato über die Grenze des Notwendigen aussteuert.

Eine Wucht ist die Fiakermilli von Giulia Montanari, angetan mit kurzem rot karierten Rock, weißem Bustier und kniehohen weißen Stiefeln, die an die Montur des historischen „Herolds der Fiaker“ erinnern. Ihre mit galanten Koloraturen gespickte Bravourarie Die Wiener Herrn verstehn sich auf die Astronomie reißt das Publikum zu einem anhaltenden Szenenapplaus hin, der nicht der einzige dieser Aufführung bleibt.

Ein Pluspunkt ist das von Jurgen Kolb entwickelte Lichtdesign, treffend auf die jeweilige Szene abgestimmt. Mal rot, wenn es um erotische Avancen oder Dreistigkeit im Hause Waldner geht. Mal silbrig hell, als Mandryka im Schlussduett sein Gelöbnis bekräftigt. Auf immer, du mein Engel, und auf alles was da kommen mag. Spuren dieses Lichts sind auch in den Augen etlicher Besucher zu beobachten, die nach stürmischem Beifall für alle Mitwirkenden, mit leichten Abstrichen für das Regieteam, in den Abend eilen. Beglückt, für drei Stunden eine Welt erlebt zu haben, die zwar verschollen, in uns aber dank Hofmannsthal und Strauss weiterlebt. 

Dr. Ralf Siepmann

Foto Copyright Matthias Jung

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