Esprit à la française verleiht dem Melodrama eine packende Verdichtung

Xl_26-07-26semiramis_monteverdi_kurbanayev__haller__viotti__tavernier__kabongo © Copyright Foto: Sabine Zoller

Sémiramis Gioacchino Rossini / Michele Carafa Besuch am 26. Juli 2026 Einmalige Aufführung

Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad Bad Wildbad Kurhaus

Esprit à la française verleiht dem Melodrama eine packende Verdichtung

Juli 2012: Beim Belcanto Musikfestival Rossini in Wildbad gelangt Semiramide in konzertanter Fassung zur Aufführung. Mit dem Melodramma tragico, das im Februar 1823 in Venedigs La Fenice zur Uraufführung gelangt und in den folgenden fünf Wochen fast täglich auf dem Spielplan steht, nimmt der Komponist Abschied von seiner italienischen Karriere. Nach einer Saison in London setzt er diese ab 1824 in Paris fort. Von der Bad Wildbader Produktion unter der musikalischen Leitung von Antonino Fogliani, die auf CD dokumentiert ist, sind vor allem die Sänger in den drei Hauptpartien in Erinnerung, die Sopranistin Alex Penda als Semiramide, Marianna Pizzolato, Contralto, als Arsace und der Bass Lorenzo Regazzo als Assur.

Juli 2026, déja vu, wenn man so will: Sémiramis, die 1860 in Paris herausgekommene französische Fassung von Semiramide, steht auf dem Programm des Belcanto Musikfestivals im Nordschwarzwald. Erarbeitet hat die konzertante moderne Erstaufführung der Rossini-Spezialist Gianmarco Rossi. Anlass für Rossini damals, der Weiterentwicklung seiner Komposition zuzustimmen, ist das Engagement der berühmten italienischen Opernsängerinnen Barbara und Carlotta Marchisio an der Pariser Opéra. Deren Stimmfächer stimmen exakt mit der vorgegebenen Besetzung überein. Vorausgegangen sind zahlreiche Ansätze, das italienische Original in eine französische Fassung im Format der Grand Opéra zu transformieren, die aber nicht den Weg zur Bühne finden.

Spektakulärste Neuerung von 1860 ist die große, eigens komponierte Ballettmusik durch Michele Carafa, den engen Freund Rossinis und Bearbeiter der Sémiramis. Sie hat auch Eingang in die Wildbader Fassung gefunden. Am Pult nun der ukrainische Dirigent Andriy Yurkevych. In den Titelrollen Diana Haller als Sémiramis, Marina Viotti als Arsace, Mark Kurmanbayev in der Partie des Assur.

Semiramidelässt sich als Weiterentwicklung von Tancredi, des 1813 ebenfalls im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführten Melodramma eroico verstehen. Das erneut von Gaetano Rossi stammende Libretto beruht einmal mehr auf einem Stück von Voltaire.

Die Oper spielt in Babylon. Unter mysteriösen Umständen ist Semiramide zur Königin aufgestiegen, nachdem sie mit Hilfe ihres Geliebten Assur König Nino, ihren Ehemann, vergiftet hat. Ninia, ihr gemeinsamer Sohn, ist zu diesem Zeitpunkt noch ein Säugling oder Kleinkind. Er wird von einem Vertrauten Ninos, einem skythischen Feldherrn in babylonischen Diensten, gerettet und als dessen Sohn Arsace aufgezogen. Von der Identität Arsaces, inzwischen erfolgreicher Feldherr, weiß allein der Hohepriester Oroès.

Das Drama nimmt seinen Lauf, als Semiramide entschlossen ist, einen Nachfolger auf dem Thron auszuwählen. Die Götter verhindern dies, da sie nach Sühne des Königsmords verlangen. In einer Abfolge turbulenter Entwicklungen spielen das Orakel von Memphis, der Geist Ninos eine entscheidende Rolle. Zudem Oroès, der Arsace die Namen der Königsmörder sowie dessen eigene Identität enthüllt. Arsace will den Mord Ninos an Semiramide rächen, bringt es aber nicht über sich, seine eigene Mutter zu töten. Im Dunkel der Königsgruft, in dem sich Assur, Arsace und Semiramide, ohne voneinander zu wissen, aufhalten, bringt Arsace Semiramide in der Annahme um, es handle sich um Assur. Arsarce, der seinen Irrtum mit dem Tod büßen will, wird vom Volk als der neue König ausgerufen. Die Götter begrüßen diese Wendung mit Wohlwollen. Assur wird auf Befehl Oroès von den Wachen festgenommen.

Musikalisch ist Semiramide der Schlussstein einer gerade einmal ein Jahrzehnt umfassenden Phase, in der Rossini das italienische Melodram umfassend erneuert, sich von der klassischen Nummernoper mittels breit angelegter Szenenblöcke löst. Semiramide ist noch einmal von klassischen Strukturen geprägt. Doch erreicht Rossini einen exorbitanten Grad an Verdichtung der Form und instrumentaler Raffinesse, an majestätischer Melodik und chorischer Wucht. Erstmals komponiert er die Rezitative vollständig und virtuos aus. Die für das Werk typische dunkel-mysteriöse Atmosphäre wird durch die Betonung der Basstöne in einem Orchestersound erzeugt, der in Rossinis Werk ohne Beispiel ist.

Vom italienischen Original unterscheiden Sémiramis zahlreiche textliche Veränderungen durch die Neuübersetzung des Librettisten Joseph Méry, der in der Operngeschichte insbesondere durch die französische Originalübersetzung von Don Carlo bekannt ist. Einschneidend ist die Erweiterung von zwei auf vier Akte, die die Einfügung der Ballettmusik gemäß den Strukturen der Grand Opéra ermöglicht. Hier, gegliedert in einen Babylonischen und einen Assyrischen Tanz, vor dem Übergang zum Schluss des zweiten Akts. Mérys Eingriffe und Striche fokussieren eine konzentriertere Wahrnehmung der dramatischen Verstrickungen der drei Hauptprotagonisten, die freilich nur dem speziell bewusst werden dürfte, dem das Werk von Venedig geläufig ist.

Musikalisch zeichnet sich Sémiramis durch Carafas Modifikationen der Orchesterbesetzung, etwa die Verstärkung des Bläsersatzes, und der Rollen der Sänger sowie durch zum Teil neu verfasste Rezitative aus. Sämtliche Veränderungen dienten unter dem Strich einem einzigen Ziel: dem melodischen Wohlklang. „So“, notiert Gianmarco Rossi, „erschuf Carafa eine ganz neue Oper, die Interesse weckte“. Mehr noch, die Uraufführung am 9. Juli 1860 in der Pariser Opéra unter Anwesenheit von Napoleon III. und dem gesamten Hofstaat gerät zu einem großartigen Erfolg.

Das Interesse von damals wird auch beim Wildbader Publikum im restlos besetzten Kurhaus rasch spürbar. Vielleicht weil es sich als Gast einer echten Rarität fühlt, da die Oper lediglich einmal aufgeführt, wenn auch für eine CD-Produktion aufgenommen wird. Wahrscheinlich indes durch die verführerische, stellenweise gar monströse Klangkunst Rossinis mit ihrem nicht mehr zu überbietenden Grad an Virtuosität und Raffinesse. Getrieben von einem pulsierenden Rhythmus, von peitschenden Crescendi, brillanten Koloraturen und rollierenden Tutti, die jedes Finale zu einem Ereignis werden lassen.

Yurkevych, der Maestro am Pult des Orchesters der Filharmonia Szymanowskiego Kraków, schafft schon mit der 700 Takte umfassenden Einleitung und der machtvollen Introduktion Dieu terrible, j’écoute des von Agnieszka Ignaszewska-Magiera einstudierten Chors einen monumentalen Klangteppich, auf dem die vokalen Protagonisten nur reüssieren können. Zwar sind die Stimmen von Diana Haller als Sémiramis und Marina Viotti als Arsace nicht so weit von der Stimmdiskrepanz einer Joan Sutherland als Semiramide und einer Marilyn Horne als Arsace in der Referenzaufnahme von 1966 entfernt. Doch verfügen beide über das Material und die Qualität, die exponierten Partien eines Belcanto der Vollendung großartig zu interpretieren. Sowohl in den zündenden Einzelauftritten wie in den beiden Duetten, den Juwelen der Partitur.

Während Haller, jüngst aus dem Mezzo-Fach in den Sopran gewechselt, anfänglich mit Enfin, sur cette rive und auch im Finale berührend die sentimentale Seite der Herrscherin von Babylon profiliert, imponiert Viotti mit ihrer kraftvollen, etwas gaumig klingenden voce passionata, durchaus dem virilen Charakter ihrer Partie adäquat. Die Tessitura ist weit gespannt, von der Kavatine Ô bonheur de l'âme ravie zu Beginn, in der sie ihrer Liebe zu Azéma Ausdruck verleiht, bis hin zur Todesahnung in Ô malheur fatal qui tombe, die sich nicht für ihn erfüllt. sondern für seine Mutter. Zuvor allerdings rast das Publikum, nachdem das grandiose Duett Eh bien, punis ta mère noch nicht einmal verklungen ist. Ein Triumph hingebungsvoller Verschmelzung.

Haller und Viotti eint die Fähigkeit einer guten Beherrschung des französischen Idioms. Vom Assur des Mark Kurmanbayev lässt sich dies allerdings nicht behaupten. Stimmlich trägt ihn indes sein edelschwarzer Bass über alle Tücken der Partie hinweg. Seine Ausstrahlung lässt ihn als martialischen Feldherrn ebenso glaubhaft erscheinen wie als Liebhaber der Prinzessin Azéma. In dieser eher marginalen Rolle ist Ilaria Monteverdi eine erfreuliche Besetzung. Als Oberpriester Oroès ist Nathanaël Tavernier ein mächtiger Strippenzieher. Die geringer dimensionierte Bass-Partie reicht jedoch nicht an seinen Glanzauftritt als abgefeimter Podestà in La gazza ladra einen Tag zuvor heran. Dies gilt vergleichbar auch für Patrick Kabongo, der einen markanten Idrène gibt, aber wenig zu singen hat. Seinerzeit gab es in Paris Probleme, geeignete Tenöre zu finden. Last not least verschafft sich Giovanni Accardi als L’Ombre mit lautstarkem Bariton von der Galerie Gehör.

Mit Sémiramis eröffnet Rossini in Wildbad einen neuen Zyklus unter dem Motto „Belcanto auf Französisch“. Der prasselnde Beifall, der nach bald vier Stunden und zwei Pausen über allen Akteuren niedergeht, zuvor dann und wann mit Bravi!-Rufen für die Sänger antizipiert, deutet eine willkommene Ambition an. Gewiss ist es auch eine Marketing-Strategie. Reisen doch eh schon zahlreiche Besucher aus der nahegelegenen französischen Grenzregion zum Festival an die Enz. Und werden dort gern gesehen.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Sabine Zoller

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