© Michael Rathmann
Miserere b-Moll – Davide Penitente E.T.A. Hoffmann – Wolfgang Amadeus Mozart
Besuch am 19. September 2026 Einzige Aufführung
Festival Alte Musik Knechtsteden Klosterbasilika Knechtsteden
Eine Entdeckung: der Dichter der Romantik als Komponist
Unter dem Lust machenden Motto „Unheimlich. Fantastisch“ koppelt Festivalleiter Michael Rathmann im Eröffnungskonzert der 35. Ausgabe des Festivals mit dem Miserere b-Moll für Soli, Chor und Orchester eine bedeutende Komposition aus E.T.A. Hoffmanns Chorsinfonik mit der Kantate Davide Penitente KV 469 von Wolfgang Amadeus Mozart, die ebenfalls für Soli, Chor und Orchester verfasst ist. Die Gegenüberstellung verrät eine intensive Beschäftigung mit Hoffmann, der das Salzburger Genie mit einer solchen Leidenschaft verehrt, dass er seinen zweiten Taufnahmen Wilhelm in Amadeus ändert. Mozart gehört mit Giovanni Pierluigi da Palestrina, Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven zu dem Gestirn an Hoffmanns Firmament der von ihm verehrten Sterne.
Sein Miserere komponiert der Protestant Hoffmann 1809, in seinen Bamberger Jahren. Er widmet die opulent besetzte Komposition dem Großherzog von Würzburg, auch in der Hoffnung auf Aufträge. Gedacht ist es für eine Aufführung an Karfreitag. Die Komposition wird jedoch nicht rechtzeitig fertig. In der Folge zu Lebzeiten Hoffmanns jedoch weder aufgeführt noch gedruckt. Der Rückschlag ordnet sich in den Kanon seiner Bamberger Zeit ein, die er als seine Lehr- und Marterjahre beschreibt. Er scheiterte als Musikdirektor am Theater, beim Aufbau einer soliden Existenz als freier Künstler, in seiner großen Liebe.
Die denkbare Erwartung, mit der Aufführung durch Concerto Köln, die Rheinische Kantorei sowie ein in Alter Musik bewährtes Solistenquartett unter Leitung von Edzard Burchards Zeuge einer originären kompositorischen Handschrift zu werden, erweist sich als unbegründet. Das Werk, das auf elf kurzen Sätzen aus Psalm 51 nach der Bibel Martin Luthers beruht, entbehrt jeglicher experimentellen Ausflüge, exzessiver Steigerungen und selbstgenügsamer Virtuosität. Zu hören ist eine durchaus packende Gebrauchsmusik im besten Sinne, ein Bewerbungsschreiben in Noten, das Hoffmann der „elenden Musik“ entgegensetzt, die er in den Kirchen Bambergs vernimmt, gewiss in der Hoffnung, für Besseres gerufen zu werden.
Das Miserere verbindet die strenge, mehrstimmige Vokalmusik Palestrinas mit modernen musikalischen Entwicklungen zur Zeit Hoffmanns. Im fünfstimmigen Vokalsatz Asperges me hyssoppo, dem vierten Vers, der von der Reinwaschung des Sünders handelt, lässt Hoffmann den Kirchenstil der Renaissance in beschwörender Manier aufleuchten. Im Chorsatz Libera me de sanguinibus, dem neunten Vers, entströmt aus machtvoller Deklamation des Beginns ein polyphon geprägtes ausdrucksstarkes Geschehen.
Hoffmanns Begeisterung für Schönheit und Ausdruck der menschlichen Stimme manifestiert sich in den außerordentlich variantenreichen Sätzen für die Solisten. Mit Sacrificium Deo, dem zehnten Vers, gestaltet der Sopran ein berührendes Juwel der Innerlichkeit. Mit Auditui meo dabis gaudium et laetitiam, dem fünften Vers, schwelgt der Tenor, umspielt von Klarinette und Fagott, in Freude und Wonne, wie es der Text gebietet. Moderne Auffassungen offenbaren sich im finalen Vers Benigne fac Domine, wenn die obligatorische Schlussfuge, die vom Bau der Mauern Jerusalems erzählt, von einer fünfstimmigen Solistenpassage a cappella eingeleitet wird.
Der Kontrast nach der Pause zu Mozarts Davide Penitente könnte kaum größer sein. Seine geistliche Kantate ist – etwas despektierlich gesprochen – ein Upgrade seiner 1783 für Salzburg komponierten und unvollendet gebliebenen Großen Messe in c-Moll in verknappter Form mit Anleihen an seine gerade reüssierenden Opern-Seria. Zwei Jahre später bittet die Wiener Tonkünstler-Sozietät, eine Rentenkasse für Witwen und Waisen von Berufsmusikern, Mozart um ein Chorwerk für ein Benefizkonzert. Der „büßende David“ tritt hier als vermeintlicher Urheber einer freien Psalmennachdichtung auf, die auf einem Text von Saverio Mattei beruht. Die Parallelen zu Mozart dem Opernkomponisten sind alles andere als willkürlich. Von der sich dynamisch entwickelnden Orchestereinleitung an bauen sich unter dem Dach der Basilika vehemente Chorpassagen, koloraturgetränkte Solistensequenzen und raffinierte Ensemblenummern wie Tutte le mie speranza von Sopran, Mezzo und Tenor auf. Von dramatischen Affekten bis zum pulsierenden Pianissimo haben sie alles zu bieten, was ein erschauernder Konzertbesucher erwartet haben könnte.
Für Davide Penitente hat Mozart abgesehen von einer Kadenz im Finale zwei Arien neu komponiert. Einmal Tra l’oscure ombre funeste für Sopran, eine Schilderung der Divergenz zwischen den dunklen Schatten und dem heiteren Himme. Anna Nesyba geht sie in der Tradition der Konzertarie mit leuchtender Ausstrahlung und großer Beweglichkeit in der Phrasierung an. Zum anderen die Arie A te fra tanti affannia für Tenor mit Wechseln zwischen lyrischen Andante- und flinken Allegro-Elementen, die Johannes Gaubitz auf dem Seidenteppich einschmeichelnder Bläser gekonnt gestaltet.
Die Mezzosopranistin Alice Lackner verfügt über eine relativ hoch angeordnete Stimmlage, die sie mit großer Professionalität im Fach Alte Musik einzusetzen pflegt. Was solistisch beeindruckend funktioniert – herausragend bei der Arie Lungi le cure ingrata mit disruptiven Intervallsprüngen und perlenden Koloraturen –, bleibt aber bei Nummern des Solistenensembles deutlich zurück und blass. Insbesondere im Kontrast zu Nesybas triumphierendem Part und dem hellen Charisma des Tenors. Ansprechend allerdings harmoniert sie mit der Sopranistin im Duett Sorgi, o Signore.
Der Bariton Konstantin Paganetti, Einspringer in der Basspartie für den ursprünglich vorgesehenen Matthias Lutze, lässt sein Können insbesondere in der Arie Docebo iniquos in Hoffmanns Miserere aufblitzen, in der den Verweigerern des Herrn die Grenzen aufgezeigt werden. Nicht unerwähnt sollte die Altistin Anne Bierwirth bleiben, die im Miserere aus dem Chor nach vorn an die Rampe wechselt und in die Solistengruppe einschert.
Burchards, seit 2018 in der Nachfolge von Hermann Max Leiter der Rheinischen Kantorei, führt seinen Chor wie Concerto Köln souverän durch das Konzertprogramm, wobei er es versteht, die Balance im Klangbild auch zu den Solisten in der besonderen Akustik der Basilika zu wahren. Mozart hätte angesichts der Professionalität insbesondere der Kantorei und der Instrumentalisten am Konzert in der voll besetzten Basilika seine Freude gehabt. War doch weder die erste noch die zweite Aufführung der Kantate 1785 in Wien besonders gefragt.
Der anhaltende, teils stürmische Beifall für alle Künstler bestätigt einen starken Einstieg in das Festival. Was sich genau unter dessen Motto verbirgt, mag sich dem Besucher in seinem weiteren Verlauf erschließen. Das Programm umfasst diverse Konzerte noch bis zum 26. September.
Dr. Ralf Siepmann
© Michael Rathmann
21. September 2026 | Drucken

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