Der Verzicht auf das französische Originallibretto bringt die Neuproduktion um ihren Kern

Xl_die_gro_herzogin_von_geronstein_009 © Copyright Foto: Pedro Malinowski

Die Großherzogin von Gérolstein Jacques Offenbach Besuch am 11. Juli 2026 Premiere am 27. Juni 2026

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen Großes Haus

Der Verzicht auf das französische Originallibretto bringt die Neuproduktion um ihren Kern

Der leider heute kaum noch beachtete Autor Wolfgang Hildesheimer lässt einige seiner Satiren in fiktiven Kleinstaaten spielen. In seinem Roman Paradies der falschen Vögel zum Beispiel in der winzigen Balkan-Republik Procegovina. Schauplatz von Jacques Offenbachs Opéra bouffe Die Großherzogin von Gérolstein ist ein erfundenes Miniherzogtum im Herzen Deutschlands. Das hat wenig mit der Bindung des Komponisten an die deutsche Heimat seiner Kindheit zu tun, aber viel mit der Intention der in eine Operette gefassten kritischen Speerspitze gegen die kulturellen und politischen Zustände im Paris des Jahres 1867 im 15. Jahr der Regentschaft von Kaiser Napoleon III.

Dies ist Jari Kunter, dem Regisseur der Neuproduktion am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, übrigens ohne berufliche Vita auf der Homepage des Hauses, allerdings noch nicht genug. Er verpasst dem Stück ein Upgrade mit umgekehrten Vorzeichen und transferiert das Ganze in das Ruhrgebiet des Jahres 2026. Hierfür hat Kunter eine Dialogfassung verfasst, die die Ebene für diverse Anspielungen auf das Revier mit seiner Tradition von Kohle, Stahl und Chemie abgibt und Erwähnungen wie den Namen der Stadt Oer-Erkenschwick, die in Paris nicht einmal ein Achselzucken auslösen würden. Der Nachteil dieses Konzepts ist ohne weiteres benannt. Die teutonische Regionalisierung des Stoffes gerät über die Grundidee kaum hinaus, wird auch nicht annähernd durchgehalten. Wie es gehen könnte, hat im Mai Volker Lösch am Theater Bonn bewiesen. Seine Inszenierung von Webers Freischütz ist im aktuellen „deutschen Alptraum“ angesiedelt, zwar nicht überzeugend, aber konsequent.

Offenbach gilt als eigentlicher Begründer des Genres der Operette. Als seine Grande-Duchesse de Gérolstein im April 1867 im Sog der Pariser Weltausstellung uraufgeführt wird, ist seine Operette Orphée aux enfers schon fast ein Jahrzehnt das Erfolgssynonym für die neue Gattung mit witzigen Dialogen, eingestreuten Couplets und mitreißenden Cotillon- und Can-Can-Passagen. An diesen Blockbuster kann die Großherzogin nur bedingt anknüpfen, historisch umrahmt vom Zusammenbruch des zweiten französischen Kaiserreichs und vom Abstieg des gesellschaftlichen Milieus in der Folge des deutsch-französischen Kriegs. Ungewollt wird die Gelsenkirchener Produktion zu einem Beleg dieser abflauenden Konjunktur, weil sie – das wesentliche Manko – auf das französische Libretto verzichtet und sich ausschließlich auf die deutsche Fassung verlässt, selbst in den Gesangstexten, die von Julius Hopp stammen. Weil so die durchaus vorhandenen Schwächen des Originals spürbar werden.

Was der Esprit im Französisch der Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy zu einem Vergnügen macht, wandelt sich in den verwandten deutschen Texten zu einem Parcours von streckenweiser verkrampfter Bemühtheit und unbeholfenen Adaptionen. War es so schwer, sich für eine Alternative mit dem französischen Original und deutschen Übertiteln zu entscheiden?

Die Gelsenkirchener Großherzogin ist als halbszenische Einrichtung zu erleben. Die Neue Philharmonie Westfalen thront – hier ist der Begriff einmal angebracht – auf der Bühne und profiliert sich bestens als operettenaffin. Eine Reverenz an Offenbachs Musik, die so bewusst in das Zentrum der Aufführung rückt. Das muss sie sich allerdings mit dem Dirigenten Florian Ludwig teilen, der mit einer prächtigen Schärpe in den Gérolstein-Farben machtvoll das exponierte Pult behauptet, von dem aus er zum Ergötzen des Publikums in die Handlung eingreift, so als Notar in Anbahnung der Ehe zwischen Fritz und Wanda.

In der Orchestermitte ist eine Gasse gelassen, die die zahlreichen Auftritte von oben und die nicht minder zahlreichen Bewegungen nach oben ermöglicht. Dahinter steht an Notenpulten der von Alexander Eberle einstudierte Chor in reduzierter Stärke, was aber nichts über seine Agilität aussagt, die insbesondere die Chordamen an den Tag legen, die sich auch einmal voller Vehemenz in das Treiben werfen.

Das eigentliche Geschehen spielt sich auf dem erhöhten Orchestergraben ab, der mit einigen wenigen Möbelstücken bevölkert ist. Die Akteure nutzen diese wie die feudale Schlafcouch allerdings vehement. Begrenzt wird der Blick der Besucher durch einen über die ganze Rückwand gezogenen Screen, der die Szene durch Verwendung verschiedener Farben kommentiert, für die wie für das Licht Andreas Gutzmer gesorgt hat.

Offenbach und seine bewährten Librettisten kleiden ihre satirische Kritik an Militarismus, aufgeblasenen Machtmenschen, Vetternwirtschaft und am üppigen Hofleben in eine Fabel, die vor allem mit der sarkastischen Beziehung von Erotik und Uniform spielt. Baron Puck und General Bumm sind die Drahtzieher am Gérolsteiner Hof. Sie nutzen die Turbulenz infolge eines Krieges mit einer fremden Macht weidlich, um ihre Dominanz zu behaupten. Sie unternehmen alles, um die Herzogin vom Regieren abzuhalten und mit Paul, dem Prinzen aus dem Nachbarstaat, zu vereinen. Sie erkennt die Intrige und setzt ihnen Fritz, den einzigen Soldaten des Herzogtums, vor die Nase, den sie rasch zum General befördert.

Fritz verfolgt aber unmilitärische Träume und möchte mit Wanda ein Mädchen aus dem Volk heiraten. Daraus entwickelt sich ein Konflikt, da die Regentin ihn anstelle des für sie auserkorenen Prinzen Paul heiraten will. Nach zwei Kriegen, von denen einer dank reichlichem Alkoholgenuss gewonnen wird, neigt sich die Waage der Komponente Erotik zu. Fritz verweigert sich der Herzogin, die – erstaunlich genug – darauf verzichtet, ihre Macht auszuspielen, und umarmt Wanda, seine künftige seule.

Warum sich die Herzogin gegen ihr Image als semi-militaristische Persönlichkeit entscheidet, bleibt offen. Jedenfalls entschließt sie sich zur Ehe mit Paul, nachdem sie zuvor mit Baron Grog, dessen Unterhändler, angebandelt hat. Die wahren Schlachten, erzählt die Satire, werden nicht auf dem Feld zwischen den Heeren, sondern den Geschlechtern ausgetragen.

Ein Pluspunkt der Aufführung sind die von Julia Tannenberg entworfenen Kostüme, die den ausufernden Pomp wie die lächerliche Maskerade der Militärs unterstreichen. Allen voran Joachim G. Maaß als Piff-paff-bumm-General Bumm in Phantasieuniform samt Helm mit Federbusch und die Herzogin in tiefroter Uniform, wobei sie zum Glück im zweiten Teil ohne die störende hohe Mütze auskommt. Kunters Inszenierung leistet sich allerlei komödiantische Einfälle, die in ihrer Mehrheit beim Publikum Effekte machen. In einer Schein-Rekrutierung wird es aufgefordert, sich von den Sitzen zu erheben, um seine Geeignetheit für den Wehrdienst in der Gérolsteiner Armee zu bekunden. Nachdem Rentner, Frauen und andere Gruppen ihre Plätze wieder eingenommen haben, bleiben am Ende lediglich zwei Statisten übrig, die sich in das Bühnengeschehen eingliedern. Eine Anspielung auf das Thema der Verteidigungsbereitschaft im heutigen Deutschland?

Zu Beginn des zweiten Teils sitzt Baron Grog seitlich auf einem Sofa neben einer großen Standuhr, von dem aus er das Treiben schweigend beobachtet. Da es ihm zu lang dauert, springt er auf und dreht die Zeiger der Standuhr in rasender Geschwindigkeit nach vorn auf die gewünschte Zeit, um der Regentin seine Aufwartung machen zu können. Kunters Regiestil lebt ansonsten von Klamauk, hochtriebigen Aktionen und allerlei Gefuchtel mit dem legendären Degen des Herzogtums. Höchste Anerkennung erfährt Sebastian Schiller als Nepomuk, dessen Laufleistung als Bote der Herzogin durch die Szene nur bewundert werden kann.

Das unter Unterstützung durch Mikrophone agierende Sängerensemble besticht mit seiner Einfühlung in die Musiksprache Offenbachs. Primär die äußerst präsente Mezzosopranistin Lina Edlin in der Titelpartie, der blendend aufgelegte Maaß in der Bassrolle des Generals Bumm sowie der wunderbare Spiel-Tenor Adam Temple-Smith als naiver Soldat Fritz, der sich unter „Instruktion“ wähnt, sich eben diese auch für die Liebe zu seiner Wanda erhofft. Um dieses Trio versammelt sich eine Gruppe bestens aufgelegter weiterer Solisten.

Unter dem Strich eine Produktion, deren musikalische Dimension unabhängig von ihrer kulturellen Gratwanderung gerade beim Publikum ankommt, was sich im anhaltenden Beifall für alle Beteiligten manifestiert. Nicht zuletzt ein Beleg für die kluge Mischung in der Spielplanpolitik des MiR, die sich nach einem ersten Überblick auch in der kommenden Spielzeit fortsetzen wird.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Pedro Malinowski

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading