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La Straniera Vincenco Bellini Besuch am 9. April 2026 Premiere am 29. März 2026
Badisches Staatstheater Karlsruhe Großes Haus
Alles andere als fremd:Packende Wiederbegegnung mit dem Schauerdrama des Belcanto
Nahezu eine Paradoxie. Allein in der ersten Spielzeit seit der Uraufführung von La Straniera im Februar 1829 am Teatro alla Scala erlebt Vincenco Bellinis vierte Oper 26 Aufführungen. Stil und Melodik des Sizilianers – Begründer und Perfektionist des Genres der romantischen italienischen Oper, Rivale Gaetano Donizettis und Wegbereiter Giuseppe Verdis – elektrisieren die Anhänger der Oper in Italien. Danach findet das Melodramma auf ein Libretto von Felice Romani begeisterten Zuspruch in weiteren europäischen Ländern, auch in New York und in Mexiko. Mitte des 19. Jahrhunderts reißt der enthusiastische Faden, verschwindet der Zweiakter von den Spielplänen. Abgesehen von einer Reprise an der Scala 1935 anlässlich des 100. Todestags des Komponisten, von vereinzelten Inszenierungen wie 2013 in Zürich, 2014 am Aalto Theater Essen und etlichen konzertanten Produktionen.
Der Urgrund des Paradoxen ist Bellini selbst. Seine Meisterwerke in der Sparte Melodramma tragico, I Capuleti e i Montecchi, Norma, I Puritani scheinen einer dauerhaften Bühnenpräsenz der Straniera im Wege zu stehen. Offenkundig ist das Prestige Bellinis elementar an seine späteren Werke gebunden, wozu noch La Somnambula zu rechnen wäre. Eine Erfahrung, die sich auch mit anderen Komponisten verbindet, etwa Giacomo Puccini, Verdi und Richard Wagner. Allerdings nicht so gravierend wie bei Bellini, dem auf Grund seines frühen Todes gerade einmal ein Jahrzehnt vergönnt ist, zehn Werke hervorzubringen, allesamt Seria. Dabei vermittelt jede systematische Beschäftigung mit dem Stück zumindest eine Ahnung von der verborgenen Kraft der Belcanto-Kunst, die Bellini auch in diesem Werk ausbreitet wie einen Mantel der Verführung und des Glücks.
In die Reihe der Straniera-ambitionierten Opernhäuser ist nun auch das Badische Staatstheater Karlsruhe einzuordnen. Jahrzehnte nach einer Aufführung im Mai 1837 am Hoftheater in einer deutschen Übersetzung kehrt nun die Oper als „Karlsruher Erstaufführung der italienischen Originalfassung“ in die Fächerstadt zurück. In einer halbszenischen Realisierung des Regisseurs Tobias Ribitzki.
La Stranieranach dem Roman L'Étrangère von Victor d'Arlincourt ist eine Episode aus dem seinerzeit höchst populären Genre der Schauergeschichten, die exemplarisch Donizetti mit Lucia di Lammermoor nach einem Roman von Walter Scott zur Blüte bringt. Um 1200 verbirgt sich in Frankreich die von König Philipp IV. geliebte Herzogstochter Agnese unter der Beobachtung ihres Bruders Leopoldo auf einem Schloss in der Bretagne. Ihretwegen hat der König seine Ehefrau verstoßen. Doch der Papst will die Verbindung nicht annullieren. Er droht mit dem Kirchenbann, wenn der König seine Frau nicht wieder aufnimmt.
Agnese flieht aus dem Schloss, versteckt sich unter dem Namen Alaide am fiktiven See von Montolino und erweckt als verschleiert erscheinende „Fremde“ den Argwohn der Anwohner. Ihretwegen entfremdet sich ein Paar kurz vor der Trauung. Es kommt es zu einem vermeintlich tödlich endenden Duell. Die Entwirrung des Knotens aus Schicksal und Leidenschaft hält allerdings nicht lange vor. Das Drama endet genregerecht Schauder erregend, in Blut, Wahn und Tod,
Psychologisches Zentrum des Bühnengeschehens ist der Zwiespalt, in den die persona incognita wegen ihrer Gefühle für den jungen Graf Arturo di Ravenstel, der sich in eine leidenschaftliche Liebe zu ihr verstrickt hat, und der Bindung an den fernen König verfangen ist. Romanis Interesse an dem kruden Sujet resultiert aus dem Scoop des Dramatikers, die Identität der Agnese möglichst lange geheim und so das Publikum unter Spannung zu halten. Die Folge dieser Grundentscheidung sind allerdings häufig alberne Texte und absurde Situationen, aus denen die Sänger-Darsteller halbwegs mit Würde wieder herausfinden müssen.
Die Feinheiten dieser Episode auch in ihren Abgründen zu erkennen, ist in Karlsruhe wegen der gewählten Umsetzung dem Text und vor allem der Musik Bellinis vorenthalten. Ribitzki lässt nach den drei harten Schlägen zu Beginn der Ouvertüre, die das kommende Schauerdrama vorwegnehmen, den Darsteller des Osburgo, Matthias Wohlbrecht, als Erzähler und Moderator auftreten. Er führt in teils witzigen Sätzen in das Drama ein und erläutert dessen Turbulenzen. Der Chor erobert mit Voga, voga, il vento tace einen sparsam ausgestatteten Schauplatz mit ansteigender Treppe, dessen dunkelrot gehaltene Dekors im Hintergrund und in seitlicher Umrahmung im ersten Aufzug mit der düsteren Musikfarbe des Stücks korreliert.
Die von Maike Pauline Venzlaff-Ruiz und Claire-Sophie Welte gestalteten Kostüme geben sich historisierend. Sie sind anfänglich weitgehend dunkel bis schwarz gehalten. Das Violett der Alaide, das Hellgrün der Isoletta und in der Folge ihre weiße Kleidung setzen hervorspringende Akzente. Der bestens einstudierte Chor agiert mit Campi ai veltri vor einem zerrissenen Himmel und kündet so ein Gewitter an, das sich auch prompt einstellt.
Leider steht die erste Aufführung nach der Premiere unter einem ungünstigen Stern. Gegen Ende des ersten Aufzugs bricht Attilio Cremonesi am Pult der Badischen Staatskapelle zusammen und stürzt jäh zu Boden. Zum Glück befinden sich Ärzte im Publikum, die sich kümmern, bevor die Notfallversorgung ihre Betreuung aufnimmt. Nach einer längeren Pause wird die Aufführung unter Leitung des Karlsruher Chordirektors Ulrich Wagner mit einer verkürzten Wiedergabe fortgesetzt.
Bis zu diesem Vorfall hat die Badische Staatskapelle das Tor zur schwermütig grundierten Musik Bellinis weit aufgestoßen. Leidenschaftlich leuchtend in den Passagen von Verführung und Eifersucht, zurückhaltend und einfühlsam in den Sequenzen des Intimen. Als öffne sich der ganze kompositorische Kosmos Bellinis. Lange, scheinbar endlose Kantilenen und orchestrale Verläufe. Für dieses Stilmittel in Bellinis Strategie der Entschleunigung hat Verdi die treffliche Wendung melodie lunghe, lunghe, lunghe geprägt. Zudem melodische, sich langsam aufbauende und windende Kaskaden für Orchester und Sänger unter Verzicht auf die zuvor selbstverständlichen „Nummern“ und Arien, die ein speziell von Gioacchino Rossini verwöhntes Publikum um 1820 eigentlich erst in die Theater zu Mailand, Venedig und Paris gelockt haben dürfte.
Die Sängerdarsteller in den vier Hauptpartien überzeugen mit Belcanto-Format. Ina Schlingensiepen allen voran als Alaide. Sie interpretiert die Titelpartie, in Zürich mit Edita Gruberova besetzt, mit dramatischer Verve, die die wechselnden Gefühlsstadien der „Fremden“ von Liebe und Leidenschaft, von Wahn und Verzweiflung elementar spürbar werden lässt. Als Arturo offenbart Jenish Ysmanov mit seiner lyrisch timbrierten Stimme Belcanto-Schmelz. Dabei kann man in Arturo das „Opfer“ der Straniera sehen. Bellini hat den Tenor weitgehend auf einen Deklamations- und Parlando-Stil begrenzt. Zum vokalen Höhepunkt des ersten Aufzugs avanciert der weit geschwungene Dialog von Arturo und Alaide in è sgombo il loco, zu dem die Harfe eine betörende Introduktion liefert.
Der Bariton Armin Kolarczyk ist nicht zuletzt in Mimik und Gestik ein mitreißender Valdeburgo, auch wenn die Zwielichtigkeit seiner Rolle wenig Sympathie im Publikum generiert. Marie-Sophie Janke setzt die ganze Bandbreite ihres empathisch geführten Mezzosoprans ein, um das Los der von Arturo verprellten Isoletta auszumalen. Leider hat ihr Bellini wenig zu singen geschenkt.
Die Intendanz des Staatstheaters überlegt, wie das Pressebüro mitteilt, den Besuchern eine komplette Aufführung zu seinem späteren Zeitpunkt anzubieten. Es wäre allen Beteiligten zu wünschen.
Dr. Ralf Siepmann
Copyright Foto: Felix Grünschloß
11. April 2026 | Drucken

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