Wunderbarer Belcanto im Stream aus Wien: Bellinis "La Sonnambula"

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Der berühmte Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann war zweifellos die Inspiration für Bühnenbildner und Regisseur Marco Arturo Marelli für Vincenzo Bellinis La Sonnambula, jenerBelcanto-Oper par excellence, die anlässlich seines 200. Geburtstages an der Wiener Staatsoper 2001 neuproduziert wurde, 2017 wiederaufgenommen und jetzt im Live Stream der Wiener Staatsoper zu sehen war.  Da sieht man nämlich eine riesige Halle eines Luxussanatoriums oder Berghotels im Art-Deco-Stil zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. In kühler Ästhetik gibt dieses aus viel Glas und zwei Stöcken bestehendes Szenarium den Blick auf die Schweizer Bergwelt frei. Elegant gewandete Leute (Kostüme: Dagmar Niefind-Marelli), teils in Abendroben wandeln umher, liegen in Liegestühlen auf der Sonnenterrasse oder sitzen an der Hotelbar. Der Regisseur hat die krause, fade, vom Libretto kaum nachvollziehbare und heute kaum mehr glaubhaft zu inszenierende Geschichte vom Dorf in die Welt des Luxus verlegt und ihr dadurch einiges an Naivität genommen. Optisch wird viel fürs Auge, ein Maximum an möglicher Vitalität und schlüssiger Personenführung mit etwas Tiefenpsychologie geboten. Elvino, hier offensichtlich ein komponierender Barpianist, leidet an einem ausgeprägten Mutterkomplex, sodass er ständig mit dem Bild seiner verstorbenen Mutter herumgehen muss und seine Geliebte an ihr misst. Soweit, so nachvollziehbar. Unlogisch und unverständlich wird das Ganze aber dadurch, dass Marelli den gesamten Handlungsablauf in dieser Halle ablaufen lässt, wodurch die eigentliche Pointe der Story, nämlich das Nachtwandeln von Amina in das Zimmer des Grafen und alle damit entstehenden Folgen abhanden kommt.

Aber wen stört das schon, wenn in der männlichen Hauptrolle kein Geringerer als Juan Diego Flórez als Elvino aufgeboten wird. Mit saubersten Koloraturen, müheloser, nie gefährdeter Höhe und bestechender Phrasierungskunst ist der peruanische Startenor zu genießen. Die Titelrolle der schlafwandelnden Amina, diese höllisch schwere Partie, singt Daniela Fally mit allen Spitzentönen und absoluter Koloraturensicherheit und ist auch darstellerisch glaubhaft das scheue Serviermädchen. Luca Pisaroni ist ein sehr präsenter und kerniger Graf Rodolfo, Maria Nazarova lässt in der Rolle der Rivalin Lisa einen sehr spitzen Sopran erklingen. Aufhorchen lässt Manuel Walser als schönstimmiger Alessio. Rosie Aldridge ist als solide Teresa zu vernehmen. Der Chor der Wiener Staatsoper (Einstudierung: Martin Schebesta) macht seine Sache tadellos.

Klangschön und ausgezeichnet disponiert hört man das Orchester der Wiener Staatsoper, das unter dem stets sängerfreundlichen Dirigenten Guillermo Garcìa Calvo nur selten etwas zu beschaulich musiziert. Meist gelingt es hingegen, aus dieser Partitur viel Impetus und zahlreiche unterschiedlichste Schattierungen herauszuholen.

Zum Ende gab es viel Jubel für alle Beteiligten!

Dr. Helmut Christian Mayer

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