"Wunderbar" leidend: Massenets "Werther" im Stream der Wiener Staatsoper

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Sammler ausgefallener Versionen werden sich über dieses Streaming von Jules Massenets „Werther der Wiener Staatsoper vom 31. März 2017 freuen, in welcher der Titelheld nicht als Tenor sondern als Bariton seine bis zum selbst gewählten Freitod führenden Leiden ertragen muss. Es handelt sich um eine vom Komponisten 1901 selbst für den berühmten amerikanischen Sänger Mattia Battistini vorgenommene Bearbeitung, die dieser dann an der Metropolitan Opera in New York sehr erfolgreich gesungen hat. 

Und diese Version wirkt umso mehr, wenn sie mit einem Kaliber wie Ludovic Tézier besetzt ist: Dieser kann mit seinem wunderbar weichen und warm klingenden Bariton begeistern. Ungemein reich sind seine Farben und Nuancen. Er ist zu herrlichen Lyrismen ebenso fähig wie zu dramatischer, mitreißender Attacke. Weiters erweist sich auch sein Spiel als verträumter, depressiver, unsicherer und absolut unglücklicher Dichter als glaubhaft nachvollziehbar und ideal.

Ideal ist auch seine Partnerin, die von ihm über alles angebetete und seine Liebe erst zum Zeitpunkt seines Sterbens erwidernde Charlotte: Sophie Koch singt sie mit allen Zwischentönen und großer Empfindsamkeit. Speziell in der Sterbeszene berühren die beiden ungemein und rühren zu Tränen. Wie schon bei der Premiere dieser Produktion im Februar 2005 ist Adrian Eröd ein nobeltimbrierter, bewusst zynisch, kalt und unsympathisch gezeichneter Albert. Maria Nazarova singt eine mädchenhafte und meist fröhlich zwitschernde Sophie. Alexandru Moisiuc als Le Bailli ist solide und unauffällig. Vital und fröhlich singen die Kinder der Opernschule, homogen hört man den Chor der Wiener Staatsoper.

Alle finden sich in der Inszenierung von Andrei Serban und der Ausstattung von Peter Pabst recht gut zurecht. Die mit entsprechenden Kostümen und Mobiliar in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts verlegte Handlung mit dem die Bühne dominierenden, weit ausladenden Mammutbaum, der durch seine Blätter die Jahreszeiten widerspiegelt, kann man mögen oder nicht. Eigentlich hat man sich schon gewöhnt. Unter ihm und in ihm, denn durch einen Steg ist er begehbar, läuft das tragische Zieldrama ab.

Auch der Mann am Pult kann bei dieser Wiederaufnahme durchaus mithalten: Nicht immer mit der vorhandenen Sensibilität der Sänger teils auch etwas zu laut aber doch mit packenden und blühenden Momenten erlebt man Frédéric Chaslin und das bestens disponierte Orchester der Wiener Staatsoper.

Großer Jubel für alle Beteiligten im vollen Haus, den meisten erhielt verdienterweise der Titelheld.

Dr. Helmut Christian Mayer

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