Wien: Verdis "Otello" mit hoher musikalischer Emotionalität

Xl_otello-car_kaufmann__c__wiener_staatsoper_-_marcel_urlaub-wien-10-26-1 © Marcus Urlaub

Jonas Kaufmann ist wieder an der Wiener Staatsoper zu erleben und zwar als Titelheld in Giuseppe Verdis „Otello“. Er singt ihn mit fast völlig unangestrengten, strahlenden Höhen.  Wunderbar und feinsinnig, fast aus dem Nichts heraus bewegen sich wie immer seine exemplarischen Piani. Vom seinem hochdramatischen, triumphalen „Esultate!“ nach der gewonnenen Schlacht gleich bei seinem ersten Auftritt, bis hin zum tragischen Finale weiß der Ausnahmetenor auch szenisch zu berühren.

Auch die übrigen Hauptrollen sind von vorzüglicher Qualität: Das „Lied von der Weide“ wie auch das von Todesahnungen gezeichnete „Ave Maria“ werden durch wunderbare, feinsinnige Töne zum Ereignis. Nicht nur damit wird die australische Sopranistin Nicole Car als Desdemona ihrer zugedachten Rolle, nämlich eine Lichtgestalt zu sein, voll gerecht. Sie zeigt auch sonst ihre reine Unschuld mit innigen Pianotönen und zarten, gefühlvollen Phrasierungen auf sehr hohem lyrischem Niveau. Packende, ja bösartige Wirkung erzielt Luca Salsi nicht nur bei seinem berühmten „Credo“. Er besticht als Intrigant Jago mit außergewöhnlicher, ja geradezu furchteinflößender Bühnenpräsenz. Sein mächtiger Bariton ist reich an Nuancen.

Rollendebütant Botond Ódor als Cassio gefällt mit seinem hellen, lyrischen Tenor. Von den anderen Nebenrollen, die alle sehr gut besetzt sind, gefallen noch besonders Daria Sushkova als Emilia und Carlos Osuna als Roderigo sowie Dan Paul Dumitrescu als Lodovico. Extra erwähnt sei noch der stimmgewaltig und homogen singende Staatsopernchor (Einstudierung: Thomas Lang).

Enorme Spannungsbögen und packende, teils jedoch zu überhitzt laute, dramatische Ausbrüche, die es den Sängern nicht immer leicht machen, entfesselt Bertrand de Billy am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper. Feinsinnig und detailreich erklingen aber auch wunderbare, sanfte Lyrismen.

Konventionell, unauffällig und etwas antiquiert wirkt die aus 2019 stammende Inszenierung von Adrian Noble. Nicht nachvollziehbar sind die Gründe, warum der Regisseur die Geschichte in entsprechenden altmodischen Kostümen vom 15. Jahrhundert in den Anfang des 20. Jahrhunderts verlegt. Sehr stimmig und gefühlsreich wirkt das Schlussbild mit den vielen brennenden Kerzen und den sanften Lichtstimmungen.

Großer Jubel!

Dr. Helmut Christian Mayer

 

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